Berliner helfen

Ein Platz zum Lernen

Berliner helfen spendet Hausaufgabenzimmer für Flüchtlingsheim in Pankow. Ehrenamtliche Hilfe und Unterstützung für die Flüchtlingsfamilien kommt aus der Nachbarschaft

Foto: Amin Akhtar

Hell, freundlich und sauber - das ist der erste Eindruck, der sich dem Besucher im Wohnheim für Flüchtlinge an der Pankower Mühlenstraße bietet. Positiv verstärkt durch die Begrüßung von Hausleiterin Susan Hermenau: „Herzlich willkommen, darf ich Ihnen alles zeigen?“ So werden nicht nur Besucher, sondern auch die Bewohner bei Ihrer Ankunft empfangen. 220 Flüchtlinge, darunter sehr viele Familien aus Syrien, Bosnien, Ägypten dem Iran und Irak, die aus den unterschiedlichsten Gründen ihr Land verlassen mussten, können in dem im November 2013 von der Prisod GmbH eröffneten Haus aufgenommen werden. Sie sind vor dem Krieg in ihrem Land geflohen, weil sie einer verfolgten Minderheit angehören oder weil sie wegen ihrer Religion oder ihres Lebensstils von Islamisten bedroht werden, wie die Christen in Ägypten.

Nicht aus armen Verhältnissen

„Viele unserer Bewohner sind Akademiker und stammen nicht aus armen Verhältnissen. Sie mussten ihr eigenes schönes Zuhause zurücklassen, um nichts als ihr Leben zu retten“, sagt die 33-jährige Susan Hermenau. In dem Wohnheim, einem ehemaligen Verwaltungsgebäude, werden die Flüchtlinge in drei- bis sechs-Personen-Zimmern mit Gemeinschaftsbädern und -küchen untergebracht während ihr Asylverfahren läuft. „In dieser Zeit versuchen wir, Ihnen beim Einleben in Berlin so gut wie möglich zu helfen“, sagt Susan Hermenau. Sozialarbeiter und Verwaltungsfachkräfte unterstützen beim Umgang mit Behörden, organisieren Schul- und Kitaplätze, vereinbaren Deutschkurse und Arzttermine. Dabei geht es vor allem auch um die Vermittlung von Umgangsregeln in Deutschland, das Einhalten von Terminen, das in Ordnung halten von Papieren. „Wie versuchen, ein Bewusstsein für Pünktlichkeit und Verbindlichkeit zu schaffen, das viele aus ihren Heimatländern nicht kennen“, berichtet Susan Hermenau. Die Flüchtlinge erhalten monatlich 382 Euro als freiwillige staatliche Leistung, die Unterbringung in dem Wohnheim wird vom Landesamt für Gesundheit und Soziales bezahlt, also aus dem Senatshaushalt für Gesundheit und Soziales.

Alltagsleben in Deutschland

Die Hausleiterin führt vorbei an Wänden mit gerahmten Familienporträts der Bewohner in die Gemeinschaftsküche im Erdgeschoß, wo gerade Pfannkuchen gebacken werden. Unter Anleitung von Marija Saric haben acht Kinder Teig angerührt und warten nun darauf, dass die Pfannen heiß werden. „Den ersten machen wir zur Probe, der sieht vielleicht noch nicht so schön aus“, erklärt die Lehrerin aus Kroatien, die im Haus für die Kinderbetreuung zuständig ist. Der zehnjährigen Hatice aus dem Iran gelingt auf Anhieb der perfekte Pfannkuchen, den sie stolz auf einen Teller gleiten lässt. „Wir versuchen, den Kindern das normale Alltagsleben in Deutschland vorzuleben“, sagt die Hausleitern. Viele Kinder seien traumatisiert, weil sie auf der Flucht Schlimmes erlebt hätten und sich nun in der ungewohnten Umgebung mit völlig anderen Regeln erst einmal zurecht finden müssten, erzählt sie. Eine große Hilfe dabei sind die vielen Pankower, die sich ehrenamtlich in dem Wohnheim engagieren. Eine Musiklehrerin kommt einmal die Woche um mit den Kindern Lieder zu singen, eine Theater-Pädagogin veranstaltet ein Traumlabor, die Sportvereine der Umgebung laden zum Mitmachen ein, es wird gemeinsam gegrillt und musiziert.

Nachbarn vorher informiert

„Wir sind vor der Eröffnung auf die Nachbarschaft zugegangen und haben ganz offen informiert. Das zahlt sich aus“, meint Susan Hermenau. Wenn es doch mal Probleme gibt, kommen die Nachbarn zu ihr. Zum Beispiel, weil nachts in den Küchen das Licht brannte und in die gegenüberliegenden Fenster blendete. Die pragmatische Lösung: der Einbau von Bewegungsmeldern, so dass das Licht automatisch ausgeht. Viele Missverständnisse sind den unterschiedlichen Kulturkreisen geschuldet. „Für afghanische Kinder gehören die Nachbarn praktisch zur Familie. Die denken sich gar nichts dabei, über den Zaun nach nebenan zu klettern“, erklärt die Hausleiterin, die viele Jahre als Entwicklungshelferin gearbeitet hat und in Konflikt -Management geschult ist. Sie berichtet, wie bemüht die meisten Hausbewohner sind, so schnell wie möglich Deutsch zu lernen und sich einzufügen, um hier ihren Lebensunterhalt für sich und ihre Familie bestreiten zu können. Werden sie nach einem streng geregelten Verfahren, das ein halbes Jahr und länger dauern kann, als Flüchtling oder politisch Verfolgter anerkannt, helfen die Mitarbeiter des Heimes bei der Wohnungssuche und dem Umzug.

Ehrenamtliche Lehrer

„Als wir von der Eröffnung des Heims hörten, haben wir uns gleich gemeldet“, erzählt die Pankowerin Maili Hochhuth, die als pensionierte Rektorin gemeinsam mit zwei weiteren Ehrenamtlichen die Flüchtlinge in Deutsch unterrichtet. Auch Cornelia Dieckmann, die an der Humboldt-Universität als Lehrerin gearbeitet hat, will sich engagieren: sie wird nach den Ferien die Hausaufgabenhilfe für die Flüchtlingskinder übernehmen. Dafür wurde mit einer Spende von Berliner helfen im Erdgeschoss ein Hausaufgaben-Zimmer mit tatkräftiger Hilfe von Hausmeister Kuss – genannt „Kussi“– eingerichtet und mit Computern, Lexika und Lernmaterial ausgestattet. „Wir freuen uns sehr über die Spende! Unsere Bewohner sind sehr dankbar für alle Angebote und Möglichkeiten, die sie erhalten“, betont Susan Hermenau bei der kleinen „Eröffnungs-Zeremonie“ des Hausaufgaben-Zimmers. Nach der ersten Inspektion von Computern, Bücher und Karten warten im Gemeinschaftsraum nebenan die Pfannkuchen auf die fleißigen jungen Bäcker, die fröhlich „Guten Appetit“ wünschen.