Berliner helfen

Musikunterricht für Kinder im Kiez

Verein Seepferdchen ermöglicht kreative Beschäftigung beim Musizieren und Malen - dafür werden Sponsoren gesucht

Foto: Glanze

Am liebsten spielt Leon seine eigenen Kompositionen. "Die große Liebe" heißt eins der Musikstücke, das er selbst verfasst hat. Aber auch kürzere Werke von Beethoven lässt der der 15jährige gerne auf dem Klavier lebendig werden. Aber daran ist jetzt nicht zu denken, denn Leon übt gerade mit Kingsley, der erst drei Unterrichtsstunden am Klavier hatte. Also spielen die Zwei gemeinsam ein einfaches Stück vom Notenblatt. "Das ist wirklich nicht schwer, ich habe es selbst schon ganz oft gespielt", ermutigt Leon den Anfänger am Klavier. Die beiden Jungen gehören zu den etwa 40 Kindern, die regelmäßig im "Seepferdchen e.V." einer Einrichtung der Berliner Kinderhilfe, Musikunterricht erhalten. Leon ist "seit drei oder vier Jahren" dabei, Kingsley erst seit wenigen Wochen. "Mein Vater hat einer Nachbarin gesagt, dass ich gerne Klavier spielen möchte und sie hat uns dann geraten, dass wir hier vorbei gehen sollen", berichtet Kingsley. Jetzt wartet er auf seine vierte Musikstunde. Am Klavierspielen gefällt ihm "einfach alles". Es ist eine ruhige, beschauliche Ecke nahe der Amrumer Straße, in der die Räumlichkeiten des Vereins "Seepferdchen" untergebracht sind. Derzeit verschwindet das Haus hinter einem Gerüst, in der engen Ladenwohnung herrscht ein kunterbuntes Durcheinander: Drei Kinder im Grundschulalter malen unter Anleitung eines Kunsttherapeuten ein großformatiges Bild, ein Junge macht seine Hausaufgaben am Computer, Leon und Kingsley klimpern auf dem Klavier während der Vater des Jüngeren in einer Ecke warten.

Gegend mit vielen Problemen

Der Verein wurde im Jahr 2007 von Silke Fischbeck gegründet. Die Erzieherin und studierte Sozialwissenschaftlerin lebte damals bereits seit Jahren im Wedding und hatte eine Diplom-Arbeit zum Thema Kinderarmut verfasst. "Die Gegend hier sieht nur auf den ersten Blick idyllisch aus, es gibt hier viele Probleme", sagt Silke Fischbeck. Als sie sich entschloss, ein eigenes Projekt für Kinder zu starten, gab es schon einige Einrichtungen, die Kindern Hausaufgaben-Betreuung und die kostenlose Teilnahme an Sportaktivitäten und Ausflügen boten. Eine Anlaufstelle für Kinder, in denen die kreative Betätigung im Vordergrund stand, gab es damals im Wedding jedoch noch nicht. "Gerade für Kinder, die sich nur schlecht konzentrieren können sind Kunst und Musik sehr wichtig. Man kann spüren, wie sie zur Ruhe kommen, wenn sie hier malen oder musizieren", erklärt die Pädagogin. "Außerdem kann eine sinnvolle Freizeitgestaltung bei Kindern und Jugendlichen späteren Alkohol- oder Drogenproblemen vorbeugen." Das Angebot richtet sich ganz bewusst nicht nur an Kinder aus einkommensschwachen Familien. Jeder, der möchte, kann dort musizieren lernen. "Viele der Eltern wollen auch gerne für den Unterricht bezahlen", erklärt Silke Fischbeck. Das Geld, das dabei erlöst wird, kommt dem Verein zugute, der regelmäßig Benefizkonzerte veranstaltet. Wer fleißig übt, will schließlich irgendwann auch vor Publikum spielen.

Viele der etwa 50 Kinder, die pro Woche zum Musizieren oder Malen vorbei kommen, haben ihrer Erfahrung nach große Probleme in der Schule oder zuhause, nicht wenige würden unter einem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom leiden. Um ihnen, aber auch Kindern mit Migrationshintergrund das Schulleben zu erleichtern, gibt es in dem Verein auch Angebote zur Hausaufgabenhilfe. "Einige der Kinder, die zu uns kommen, sind sehr begabt", sagt Silke Fischbeck. "Ihnen rate ich, sich an die Musikschulen zu wenden." Kinder, deren Eltern von Hartz IV oder anderen Transferleistungen leben, haben die Möglichkeit, einen Bildungsgutschein zu beantragen und damit die Musikstunden zu finanzieren. "Der Musikunterricht dort ist einfach besser. Hier herrscht ja ein ständiges Kommen und Gehen, die Störkulisse ist zu groß", findet die Sozialwissenschaftlerin, die in einer Wohnung über dem Verein lebt. Irgendwann, so hofft sie, wird sie gemeinsam mit ihren Mitstreitern ein zweites Klavier finanzieren können: "Dann würde ich mich mit den Kindern in meine Wohnung zurückziehen, dort hätten wir viel mehr Ruhe." Noch ist daran nicht zu denken. In den meisten Monaten kämpft der Verein ums Überleben. Es gibt regelmäßige finanzielle Förderung durch das Johannishilfswerk, manchmal findet sich ein Sponsor, der eine größere Anschaffung finanziert. Dass Silke Fischbeck den Kindern Brote in einer neuen Küche schmieren kann, ist beispielsweise dem Unternehmen Vattenfall zu verdanken, die vor kurzem Einrichtung und Geräte gespendet hat. Privatleute und Firmen übernehmen außerdem Patenschaften, mit denen sie den Musikunterricht für einige der Kinder fördern. Doch ohne den ständigen Einsatz von ehrenamtlichen Helfern könnte auch diese die Einrichtung nicht existieren. Mehr als ein halbes Dutzend Männer und Frauen kommen regelmäßig vorbei und passen auf die lebhaften Kinder auf oder fahren wie der 75jährige Martin zu einem Bäcker in Prenzlauer Berg und holen dort übriggebliebene Brötchen ab. "Wir haben hier eine ständige Notsituation. Wenn wir nicht mehr wissen, wie wir im nächsten Monat existieren sollen, stellen wir uns auch mit der Sammelbüchse auf die Straße", sagt Silke Fischbeck. "Aber irgendwie geht es immer weiter, das ist für mich manchmal wie ein Wunder."

Finanzierung durch Spenden

Der Verein Seepferdchen e.V. ist Teil der Berliner Kinderhilfe und verfügt bislang über kein festes Projektbudget. Die Finanzierung erfolgt derzeit durch monatliche Spendensammlung, dringend gesucht werden kontinuierliche Förderer und Sponsoren. Ab 15 Euro monatlich haben Privatpersonen und Firmen die Möglichkeit, die Patenschaft für ein Projekt zu übernehmen. Der Name der Sponsoren wird auf Wunsch auf der Website des Vereins veröffentlicht. Spendenquittungen können ausgestellt werden. Eine Mitgliedschaft im Förderkreis kostet 8 Euro monatlich.

Kinderhilfe Seepferdchen e.V.

Brüsseler Str. 43, 13353 Berlin-Wedding. Tel. 030-44 08 733 Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 14.00 bis 20.00 Uhr, Termine möglich von 7.00 bis 22.00 Uhr

www.seepferdchen-berlin.de

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