Berliner helfen

Herzkissen helfen nach Brustkrebs-OP

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Karoline Beyer

Schallendes Gelächter ist zu hören. Dann eine Stimme und wieder helles Lachen. Aus dem kleinen Raum strömt Kaffeeduft, leise spielt Musik. Sechs Frauen sitzen um einen großen, viereckigen Tisch, vollgestellt mit Nähmaschinen und Arbeitslampen.

Sie stopfen Füllwatte in bunte Kissenhüllen. Um sie herum ist es ebenfalls bunt: Die Regale an den Wänden sind voll mit Stoffballen, dazwischen hängen Patchworkdecken. In einer Ecke liegt ein kleiner Berg fertiger Kissen. Sie sind so groß wie kleine Sofakissen mit unterschiedlichen Mustern. Gestreifte, geblümte, karierte - eines haben sie gemeinsam: ihre Herzform.

Die Gruppe trifft sich regelmäßig in Barbara Dahnkes kleinem Handarbeitsgeschäft in Wilmersdorf. Die Frauen nähen ehrenamtlich für einen guten Zweck: Die Kissen können sich Brustkrebspatientinnen nach der Operation unter die Achselhöhle klemmen und so ihren Wundschmerz lindern. Es sind Herzen mit etwas längeren "Ohren" und deshalb besonders gut geeignet, denn sie passen sich dem Körper an. Natürlich soll die Herzform auch ein bisschen Trost spenden.

Die Nachfrage ist inzwischen so groß, dass sich Berliner Brustzentren erkundigen, wann es die nächste Kissen-Lieferung gibt. Darüber freut sich natürlich die Frauenrunde in Wilmersdorf, die in ihrer Freizeit näht. "Toll, dass unsere Initiative so gut ankommt und die Frauen sich über die Kissen freuen. Das ist der schönste Lohn für unsere Arbeit", sagt Barbara Dahnke, Mitbegründerin des Vereins Patchwork. "In ganz Berlin gibt es jährlich rund 1600 Brustkrebs-OPs - wir haben also noch ganz schön zu tun, denn jede der Patientinnen darf ihr Kissen behalten."

Die Gruppe gehört zum Patchwork-Verein Berlin-Brandenburg. Sie trifft sich seit drei Monaten und stets in wechselnder Besetzung. Wer gerade Zeit hat, kommt vorbei. Meistens wird viel gelacht, beim Nähen werden freche Sprüche ausgetauscht und viel diskutiert - manchmal kreisen die Gespräche aber auch um die Patientinnen, die die Kissen bekommen. An jedes Exemplar wird ein kleines Papierschild gebunden, auf dem der Vorname der Näherin steht. So sind in den vergangenen zwei Monaten über 550 Kissen entstanden. Viele haben sich die Nähanleitung besorgt und arbeiten nur zuhause. Insgesamt machen ungefähr 50 Ehrenamtliche mit.

Ursprünglich kommt die Idee aus den USA und gelangte über Dänemark nach Berlin. Unter anderem in Stuttgart und Lübeck haben Patchwork-Gruppen ebenfalls damit begonnen, die Krankenhäuser in ihrer Nähe zu versorgen. "Das ist doch super!" freut sich Wolf-Helge Dahnke, verheiratet mit Barbara Dahnke und der einzige Mann in der Berliner Gruppe. "Jetzt gibt es immer mehr Herzkissen-Leute und die Sache breitet sich überall aus - das ist doch fabelhaft." Selber hat er auch schon Kissen genäht, meistens kümmert er sich aber um den Online-Auftritt der Initiative. Die jüngste Teilnehmerin ist Leonie Wilsdorf (16). "Ich nähe sowieso sehr gerne. Diese Arbeit hier macht mir natürlich besonders großen Spaß, weil sie für einen guten Zweck ist." Sie hat mit ihrer Mutter zusammen schon 20 Kissen genäht und liefert ständig Nachschub.

Im Krankenhaus Waldfriede in Zehlendorf und im Vivantes Klinikum am Urban haben schon viele Frauen Kissen bekommen. Die Narbe nach einer Brustkrebsoperation sitzt meistens in der Achselhöhle. Wenn unter den Arm ein weiches Kissen gelegt wird, kann der Druckschmerz verringert werden.

Elisabeth Trapp ist Patientin im "Waldfriede" und fühlte sich so nach ihrer OP etwas besser. Auf ihrem Kissen steht: "Genäht von Heike". Vorher hatte sie ein normales Kissen, das mit der Herzform sei ihr viel angenehmer, sagt sie. "Alles, was man in diesem Zustand an liebenswerten Sachen geschenkt bekommt, tut der Seele gut."

Krankenschwester Ursula Frenger verteilt bis zu acht Kissen pro Woche auf ihrer Station. "Am Anfang sind viele skeptisch. Aber wenn ich dann erkläre, wofür die Herzen sind, wandern sie sehr schnell unter den Arm."

Marie Hesse, Patientin im Brustzentrum des Vivantes Klinikums am Urban, freut sich, dass es die Initiative gibt. Sie findet das Kissen sehr bequem und besonders gut verarbeitet. "Man sieht, da steckt viel Herzblut drin." Stationspflegeleiterin Beatrice Tschorn sieht diese Reaktion auch bei ihren Mitarbeitern: "Sie erleben oft schwere Schicksale. Und wenn dann solche Unterstützung von außerhalb kommt, ist das für uns echte Solidarität." Bei vielen der Patientinnen kommt das auch so an. "Wir haben großen Bedarf an Kissen, denn jährlich gibt es allein hier bei uns in Berlins größtem Brustzentrum rund 600 Neuerkrankungen", sagt die Pflegeleiterin. Seit diesem Sommer liegen die Herzkissen in fast jedem Bett ihrer Station. Und waschbar sind sie auch.