Berliner helfen

Beim Spielen lernen, mit Diabetes zu leben

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Petra Götze

Ein rotes Teufelchen zeigt an, wer für zwei Wochen in die Bremsdorfer Mühle, eine moderne Jugendherberge im idyllischen Schlaubetal, eingezogen ist: die Diabetiker-Kinder. Das Teufelchen steht für den Verein Dia-Bolus.

Der unterstützt das zweiwöchige Ferienlager für Kinder, die an der chronischen Stoffwechselkrankheit Diabetes Typ 1 leiden. "Die Kinder sollen hier lernen, ihre Krankheit anzunehmen und im Alltag damit umzugehen", sagt der Kinder-Diabetologe und medizinische Leiter der Ferienkurse, Karsten Milek.

Seit 18 Jahren betreut der Facharzt für Inneres Kinder mit Diabetes. "Das Wichtigste ist, ihnen ein selbstständiges Leben mit der Zuckerkrankheit zu ermöglichen, mit all dem, was auch normale Kinder machen", sagt Milek. Im Ferienlager wird im Wald herumgetobt, gespielt, gemeinsam gegessen, gesungen und vor allem schon den Kleinsten beigebracht, mit ihrer Krankheit umzugehen. Das bedeutet vor allem, eine gewisse Disziplin einzuhalten. Im Ferienlager gibt es gleich im ersten Haus einen Med-Point, dort hängt der große Plan für alle 65 Kinder.

Das jüngste, Nesthäkchen Emily, wird nächste Woche sechs, die Älteste ist 16 Jahre alt. Drei speziell geschulte Krankenschwestern sind rund um die Uhr für die Ferienkinder da, messen Blutzuckerwerte, helfen beim Spritzen und halten den Gesundheitszustand und die Entwicklung der Kinder genau fest. Dazu kommen die ehrenamtlichen Helfer, die meisten selbst ehemalige Teilnehmer der Kids-Kurse. "Wir haben hier schon bei vielen die Berufswahl beeinflusst", erzählt Werner Reimann, Geschäftsführer des Vereins Dia-Bolus. "Unsere ehemaligen Ferienkinder unterstützen uns heute als Krankenschwestern, Diät-Assistenten oder sogar Ärzte", sagt er stolz und weiter: "Solche Vorbilder sind sehr wichtig. Die Kinder sollen sehen, das man trotz der Krankheit beruflich erfolgreich sein kann."

Die Idee zu den Kids-Kursen im Sommer stammt noch aus DDR-Zeiten, als Diabetiker-Kinder jedes Jahr für sechs Wochen unter medizinischer Obhut in die Ferien geschickt wurden. Nach der Wende setzte sich die 2001 verstorbene Brandenburger Ministerin Regine Hildebrandt für die Fortführung der Ferien-Kurse ein.

Karsten Milek übernahm 1991 als Facharzt für Kinder-Diabetes an der Asklepios-Klinik auch die medizinische Betreuung für das Ferienlager. "Hier können wir mit den Kindern den Alltag trainieren, ihnen zeigen, was sie tun müssen, damit sie auch mal einen Hamburger oder ein Eis essen können", sagt Milek. Er erzählt von einem Jungen, der sich mit 16 Jahren noch nie selbst den Blutzuckerwert gemessen hatte, oder von dem kleinen Mädchen, das immer nur vom Arzt gespritzt wurde - bis sie ins Diabetes-Camp kam. "Am Ende der zwei Wochen riss sie vor ihrer Mutter, die sie abholen kam, ihr Hemdchen hoch und spritzte sich das Insulin selbst in den Bauch. Die Frau ist fast umgekippt", erinnert sich Werner Reimann.

Kinder mit Diabetes Typ 1 müssen täglich Insulin erhalten, ihr Körper zerstört die eigenen Insulinzellen. Über die Hälfte der Kinder im Camp trägt eine Insulin-Pumpe am Körper, die über einen dünnen Schlauch mit einem kleinen Katheter am Bauch verbunden ist. Die Kids tragen sie so lässig wie einen iPod an der Hüfte. "Auch an das Spritzen gewöhnt man sich. Es wird ja in eine Hautfalte gespritzt, das Schwerste ist die Überwindung davor", sagt Viola Heinze, die als Kind an Diabetes erkrankte und heute als Schatzmeisterin im Vorstand des Vereins Dia-Bolus ehrenamtlich arbeitet. Der Name leitet sich ab von Diabetes und Bolus, der Gabe zum Essen. "Essen ist für Diabetiker sehr wichtig" sagt Karsten Milek. "Aber Diätprodukte werden Sie hier nicht finden. Man muss die Kinder nur richtig einstellen." Dazu scharen sie sich vor dem gemeinsamen Essen in kleinen Gruppen um Betreuerin Bianca. Sie misst die Blutwerte, passt auf, dass alle die richtige Dosis spritzen und erklärt, was gegessen werden darf. Auf dem Speiseplan: "Papageieneier mit angedickter Affenmilch und Dschungelkräutern". Dahinter verbirgt sich der gesunde Klassiker Kartoffeln mit Kräuterquark und Spreewälder Leinöl. Das Ferienlager steht jedes Jahr unter einem besonderen Motto, in diesem Jahr lautet es "Dschungelcamp".

Selbst Teufelchen Diabolus, entworfen und gezeichnet von Künstler Bernhard Ast, wurde dazu als Tarzan verkleidet. Auf der Freilichtbühne bei der großen Castingshow am Abend zeigt jedes Kind sein Talent. "Wir wollen hier Ängste nehmen und Mut machen, Neues auszuprobieren", sagt Viola Heinze. Und da macht es überhaupt nichts, wenn zum Abenteuer im brandenburgischen "Dschungelcamp" die Insulin-Spritze gehört.