Nahverkehr

Baum-Schlaumacher begeistert Kinder für die Natur

Wer sind die Menschen, die gemeinnützige Projekte in Berlin initiieren und voranbringen? Dieser Frage geht das Buch "Herz.Schritt.Macher. Menschen, die Berlin bewegen" von der Veolia-Stiftung nach.

Die Leser lernen auf dem Streifzug durch das gemeinnützige Berlin 16 besondere Persönlichkeiten kennen. "Ihr Lebensweg, ihre Motivation, sich für gesellschaftliche Anliegen einzusetzen, ihre Erfolge und Wünsche zeichnen ein Bild des engagierten Berlins, das nur wenige kennen", sagt Sylke Freudenthal, Geschäftsführerin der Veolia-Stiftung, Initiatorin und Mitautorin des Buches, dem wir das Porträt "Der Makkaroni-CD-Rom-Büroklammer-Höhenmesser-Mann" entnommen haben.

Macher mit Herz

Volker Schneider hatte keine Ahnung von Bäumen, als die Klasse seiner neunjährigen Tochter Lucca einen Ausflug in den Viktoriapark in Kreuzberg plante. Die Kinder sollten die Bäume kennenlernen. "Bis dahin waren wir eher selten in der Natur unterwegs", gesteht der 1958 geborene Industriedesigner. Schneider kaufte ein Fachbuch, las es und begeisterte Lucca und ihre Klassenkameraden als Baumexperte. Nach dem ersten Entdeckungstag im Viktoriapark hatte Schneider bald eine neue Idee. Das Grünflächenamt hatte an jedem Baum ein Markierungsschild mit einer Nummer angebracht. Könnte es nicht mehr über seinen Träger verraten? Eine Klasse der Lina-Morgenstern-Schule stanzte und fräste in der schuleigenen Werkstatt neue Schilder, auf denen neben der Nummer der Name des Baumes stand. Anschließend legten die Kinder einen Baumlehrpfad durch den Viktoriapark an - mit Einverständnis des Bezirksamts Kreuzberg natürlich. Als sich weitere Schulen bei ihm meldeten und mitmachen wollten, gründete Volker Schneider mit der Mutter eines anderen Kindes im Jahr 2004 die Initiative "baumschlau". Aus ihr erwuchs noch im selben Jahr der gleichnamige Verein. Eltern und Lehrer der Charlotte-Salomon-Grundschule schlossen sich ihm an. Die Mitglieder wollen Konzepte für nachhaltiges Lernen und Lernmittel entwickeln. Kein Frontalunterricht, keine trockenen Fakten aus dem Lehrbuch, sondern Kreativität. "Vor allem soll es den Kindern Spaß machen", sagt Volker Schneider.

"Baumschlau" bietet neben vielem anderen mehrmals im Jahr Aktionstage an Schulen und Entdeckungstouren in Parks und in die nähere Umgebung an. Dort erfahren die Teilnehmer mehr über Mücken und Blüten, Baumharz und Ameisen und alles, was sonst noch kreucht und fleucht. Die Schüler lernen nicht nur die Natur kennen, sie sprechen auch über Umweltprobleme, etwa das Fällen von Bäumen. "Unsere Projekte sollen bei den Kindern Spuren hinterlassen und unseren Bezirk verändern", sagt Volker Schneider.

Sein Verein wendet sich vor allem an Fünf- bis Zwölfjährige. Den Vorsitzenden schockiert, wie wenige Möglichkeiten viele der Stadtkinder haben, um die Natur kennenzulernen. Schneider erzählt von Schulklassen, in denen Begriffe wie Baumkrone, Zweig oder Blüte völlig unbekannt sind. Andererseits waren Schülerinnen und Schüler in einer Schule im gutbürgerlichen Dahlem so auf Draht, dass Schneider spontan sein Konzept änderte. Statt über Grundlegendes sprach er über die Fotosynthese, darüber, wie sich Bäume im Winter ernähren. "Oft sagen mir Erwachsene hinter vorgehaltener Hand, dass sie vieles, was ich erzähle, vorher auch nicht wussten", sagt er und lacht.

Drehfix und Höhenmesser

"Baumschlau" ist bei Stadtteilfesten und anderen Veranstaltungen mit dabei, um kleine und große Freunde für die Natur in der Stadt zu gewinnen. Die Hilfsmittel für die Aktionen im Freien entwerfen dieVereinsmitglieder am liebsten selbst. Nachahmen ist gestattet, ja: erwünscht. Wohl kaum ein Kind, das ihn gebaut hat, vergisst den Makkaroni-CD-Rom-Büroklammer-Höhenmesser, mit dem es die Höhe eines Baumes bis auf einen Meter Genauigkeit bestimmen kann. Besonders stolz ist Volker Schneider auf das Drehfix, eine seiner erfolgreichsten Erfindungen. Es besteht aus zwei Pappscheiben, die in der Mitte von einer Klammer zusammengehalten werden. Sie können gegeneinander gedreht werden. Es gilt, auf der einen Seite die passende Antwort zu der Frage auf der anderen Seite zu finden. Etwa: "Welcher anspruchslose Baum wird auch Trümmerbaum genannt? - Der Götterbaum." Oder: "Von welchem Baum wurde das Wort 'Buchstabe' abgeleitet? - Von der Buche."

Volker Schneider und seine Mitstreiter haben das Drehfix im Laufe der Jahre mit vielen Schülern gebastelt. Das "baumschlau"-Drehfix ist mittlerweile in vierter Auflage im Buchladen zu haben - für knapp sieben Euro. Man kann damit einheimische Bäume bestimmen. Ebenfalls eine "baumschlau"-Idee: Ein Panoramaplakat vom Kreuzberger Viktoriapark mit den 32 Baumarten, die dort wachsen.

Das Buch "Herz.Schritt.Macher. Menschen, die Berlin bewegen", erschienen im Berlin Story Verlag, ist ab 11. Juni im Buchhandel für 19.80 Euro erhältlich

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