Berliner helfen

MaDonna - Heimat ist dort, wo meine Freunde sind

Der Mädchentreff MaDonna im Rollbergviertel platzt aus allen Nähten. Eltern sind gekommen, Freunde und Nachbarn, Türken, Libanesen, Palästinenser, Deutsche. Es ist Filmpremiere. "Scharia" und "Heimat" heißen die beiden Dokumentationen, die Jugendliche unter Anleitung der Psychologiestudentin Sevil Yilderim gedreht haben.

"Scharia" befasst sich mit den Regeln des Korans, "Heimat" mit Neukölln. Die Mädchen sind mit Kamera und Mikro durch Berlin gezogen, haben Menschen auf der Straße befragt, Kinder und Erwachsene, Berliner und Migranten. Neukölln ist für die meisten Bewohner nicht der Gewaltkiez, als der er meistens dargestellt wird. Von "total langweilig" bis "hier ist immer Trubel" reichen die Antworten, und immer wieder heißt es: Es ist ein Stück Heimat, denn Heimat ist da, wo Familie und Freunde sind.

Freundschaft - das prägt auch den Mädchentreff MaDonna. Die 15-jährige Maria, eine der Filmerinnen, kommt seit acht Jahren fast jeden Tag. Sie hat ihre Freundinnen hier wie die 17-jährige türkischstämmige Selma. Vor zehn Jahren war Selma zum ersten Mal da. Die lockere Atmosphäre hat ihr gefallen, irgendwann kam sie täglich. Inzwischen schafft sie es nur noch zweimal die Woche. Schule ist wichtiger. Selma ist modern gekleidet, aber sie trägt ein Kopftuch, "Ich fühle mich sicherer damit und werde nicht angemacht." Maria ist an dem Filmabend total aufgedreht. Die dunklen Haare trägt sie hochgesteckt, dazu auffallende Ohrringe. "Ein Kopftuch? Vielleicht, wenn ich mal verheiratet bin, mal sehen. Ich bin Deutsche, aber mein Blut ist arabisch", erklärt Maria, deren Eltern aus dem Libanon kommen.

Ein festes Ziel vor Augen

Maria hat Pläne, Schulabschluss machen, eine Lehre zur Hotelfachfrau, dann Fachabitur und studieren. Das ist das, was Gabriele Heinemann, Initiatorin und Seele von MaDonna, erreichen möchte, dass ihre Mädchen ein festes Ziel vor Augen haben und sich nicht von Männern abhängig machen. Sevil Yilderim, die frühere Praktikantin und heutige Honorarkraft, hat dafür gesorgt dass die Mädchen mit ins Kino und Theater gehen, Ausflüge und Reisen machen dürfen. Sie hat Familienarbeit vor Ort geleistet, die Eltern überzeugt, dass die Mädchen bei MaDonna gut aufgehoben sind. "Viele Eltern sind durchaus bildungsoffen, aber sie können sich nicht so intensiv um die einzelnen Kinder kümmern," sagt Sevil. "Mit ihr funktioniert das besser, als wenn ich als Deutsche gehe", erklärt Gabriele Heinemann. Vor Kurzem wurde die 55-jährige Sozialpädagogin für ihre Arbeit von Bundespräsident Köhler ausgezeichnet. Im Februar 1982 wurde der Mädchentreff gegründet, 1996 mit einem neuen Konzept für kieznahe Kinder- und Jugendarbeit in MaDonna umbenannt. Es ist ein Freiraum zur Selbstbestimmung, bietet Mädchen und junge Frauen das, was zu Hause nicht möglich ist. Für die 16-jährige Marwa, deren Eltern aus Palästina stammen, ist nicht nur Berlin, sondern auch der Mädchentreff ihre Heimat. Bei Madonna gibt es feste Regeln, offen und freundlich sein zu allen. Es wird Deutsch gesprochen, weil das alle verstehen. Gegenseitige Achtung. MaDonna bietet Spiel und Spaß mit Freundinnen, Hilfe bei Hausaufgaben und täglichen Problemen , doch es ist weitaus mehr als ein Freizeittreff. Gabriele Heinemann hat mit ihren Mädchen Kampagnen gegen Zwangsheirat organisiert. Seit sich in den 90er-Jahren die Kriminalität im Rollbergviertel ausweitete, hat sie sich mit anderen Institutionen zum Thema Gewaltprävention vernetzt.

Die Mütter von morgen

"Frauen sind das Herz des Viertels. Hier muss man ansetzen", sagt Gabriele Heinmann, die jungen Mädchen seien "die Mütter von morgen, die dafür sorgen können, dass ihre Söhne weniger aggressiv werden." Die Botschaft ist angekommen. "Wir halten unseren Kiez sauber", sagt Nur, die als junges Mädchen ihre bei MaDonna war. Jetzt ist sie 34 und erwartet ihr sechstes Kind. Ihre Ältesten sind auch MaDonna-Mädchen. Nur hat keinen Beruf erlernt, weil sie mit 17 geheiratet hat, aber einen Schulabschluss hat sie, "obwohl ich verheiratet war, das wollte ich mir nicht nehmen lassen", sagt die gebürtige Libanesin.

Der Mädchentreff wird unter anderem finanziert durch das Jugendamt Neukölln und von Sponsoren wie der Robert Bosch-Stiftung und RespectABle, ein Jugendprojekt des Senats, die die beiden Filmprojekte möglich machten.

MaDonna Mädchentreff

Falkstraße 26, Neukölln. Mo.-Fr. 13.30-19.30 Uhr, Sbd. 16-20 Uhr Tel. 62 12 04 3

www.madonnamaedchenpower.de

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