Berliner helfen

Die starken Karate-Kinder von Neukölln

Ein harter Kerl, denkt man, wenn man Andreas Marquardt begegnet. Muskelbepackter Oberkörper, energischer Blick, kräftige Stimme. Die Kundschaft in seinem Neuköllner Sportstudio besteht aus ähnlichen Typen: muskulös und etwas Furcht einflößend. Nur nicht für seine jüngste Klientel, die Karate-Kinder. Denen bringt Andreas Marquardt bei, wie man sich wehren kann, auch gegen körperlich überlegene Gegner.

Wie man sich konzentriert und seinen Körper beherrscht, um stark zu sein - äußerlich und innerlich.

"Die Kinder sollen lernen, selbstbewusst aufzutreten und nein zu sagen", sagt Andreas Marquardt. Er selbst konnte das als Kind nicht, seine eigene Mutter hat ihn jahrelang missbraucht. Sie ist vor vier Jahren gestorben, doch ihr 53-jähriger Sohn leidet bis heute. "Ich bin immer noch in Therapie", sagt er.

Im Alter von sechs Jahren hat er mit Judo- und Karatetraining angefangen, um sich gegen seinen Vater zu wehren, der ihn demütigte und als Memme beschimpfte.

Andreas Marquardt brachte es zum internationalen Karate-Champion, von 1975 bis 1989 ungeschlagen. Und er wurde Zuhälter, ein brutaler, wie er von sich selbst sagt. Dafür hat er acht Jahre im Gefängnis gesessen, und erst dort hat er einem Therapeuten seine Geschichte erzählt. "Gott sei dank", wie er heute sagt.

Seit seiner Entlassung aus der Haft 2003 gibt der Ex-Zuhälter den Kindern im Neuköllner Kiez, in dem er selbst aufgewachsen ist, Karate-Unterricht. Respektvoll nennen sie ihn Meister, verbeugen sich, bevor sie den Übungsraum mit dem großen Spiegel betreten und auf seine Karate-Kommandos warten. 15 Kinder trainieren in einer Gruppe, die kleinste ist die sechsjährige Nicol. "Zwei Dachziegel wird sie mit einem Schlag zerteilen", sagt ihr Meister stolz. Er kennt die Stärken und Schwächen seiner Schüler ganz genau, geht liebevoll oder energisch auf jeden einzelnen ein. "Man muss Freund sein, aber auch Respektsperson" ist seine Devise.

Im Moment wird hart trainiert, denn in drei Wochen steht ein großer Auftritt der Karate-Kids bevor. Zugunsten missbrauchter und misshandelter Kinder hat Andreas Marquardt mit seiner Initiative "Helfen macht stark" eine Benefiz-Gala organisiert. Unermüdlich hat er dafür getrommelt, Walter Momper als Schirmherrn gewonnen und zahlreiche Sponsoren für die Tombola eingespannt. "Ich will, dass die Menschen aufmerksam werden und hinschauen, wenn Kinder in ihren Familien missbraucht oder gequält werden", sagt Marquardt.

Das Sportstudio Gym80 an der Karl-Marx-Straße gehört seiner Lebensgefährtin Marion Edelmann, die den Laden während seiner Zeit im Gefängnis vom Luden-Treff in ein Bodybuilding-Studio umgewandelt hat. 28 Euro kostet das Karate-Training für die Kinder. Die meisten kommen aus Neukölln und Umgebung. "Man muss den Kindern Stärke geben, ihre Persönlichkeit formen. Sie sollen keine Opfer werden", sagt Marquardt. Als nächstes will er Selbstverteidigungskurse für Senioren anbieten: "Da kommen so viele Anfragen".

Andreas Marquardts Lebensgeschichte "Härte" ist als Taschenbuch bei Ullstein erschienen

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