Urlaub für einen Tag

Die Birnen des Herrn von Ribbeck im Havelland

Urlaub für einen Tag: Wir nehmen Sie mit auf Ausflüge in Berlin und Brandenburg. Diesmal geht es in ein Dorf im Havelland, das Theodor Fontane berühmt gemacht. Besucher aus aller Welt wollen den Schauplatz seines Gedichts sehen.

Foto: Reto Klar

An Birnen mangelt es nicht im havelländischen Örtchen Ribbeck, auch wenn sie zum Naschen noch zu klein sind. Der Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland aus Theodor Fontanes berühmtem Gedicht müsste heute keine Birne mehr mit ins Grab nehmen, um die Kinder im Dorf über seinen Tod hinaus mit den süßen Früchten zu versorgen. Ob im Pfarrgarten, im Schlosspark, vor den Cafés oder auf den Feldern der Umgebung – überall haben die Ribbecker Obstgehölze à la Fontane gepflanzt.

Der sagenumwobene Birnbaum an der Ribbecker Dorfkirche ist aber längst einer Nachpflanzung gewichen. Der Stumpf des Originalgewächses – 1911 bei einem Sturm entwurzelt – ist in der auf das Mittelalter zurückgehenden Dorfkirche ausgestellt. Inzwischen kommen Besucher aus der ganzen Welt in das 380-Seelen-Dorf, das eine halbe Autostunde westlich Berlins an der Bundesstraße 5 liegt. Waltraud Rösner betreut in der Dorfkirche Besucher. Sie hat auch schon Touristengruppen aus Kanada und Japan empfangen. „Auch da kennen die Leute das Gedicht. Sie lernen es als deutsches Kulturgut“, wundert sich die Kirchenmitarbeiterin über die ungebrochene Popularität von Fontanes Versen. In der Gruft des im Schinkelstil umgebauten Gotteshauses ist auch der legendäre Hans Georg von Ribbeck (1689–1759) beigesetzt, dessen Geschichte Fontane zu seinem Gedicht inspiriert haben soll.

Auf dem Schornstein der Gutsbrennerei füttert ein Storch sein Junges. In dem Backsteinbau organisiert Friedrich Carl von Ribbeck Tagungen, Hochzeitsfeiern, Konzerte. Ehrensache, dass auch der Nachfahre des großzügigen Gutsherren zusätzlich in Birnen macht. In den Brennereigewölben produziert er vor allem Birnenessig. Seinen begehrten Birnenbrand lässt der 72-Jährige allerdings auswärts destillieren – wo genau, bleibt sein Geheimnis. Als Ur-Ur-Enkel des letzten Schlossherren ist Friedrich Carl von Ribbeck eine wandelnde Touristenattraktion. „Die Leute bleiben stehen und tuscheln: Da geht der Herr von Ribbeck“, hat Marina Wesche beobachtet. Im Alten Waschhaus des früheren Rittergutes führt die Nauenerin ein originelles Café, verkauft auch Kunsthandwerk und Ribbecker Spezialitäten. Die museale Einrichtung dreht sich rund ums Thema Waschen.

Die Geschäfte laufen gut in Ribbeck für Marianne Wesche. „Manchmal schon fast zu gut für unseren kleinen Laden“, sagt die Inhaberin, die selbst dichtet. In der winzigen Küche des Waschhauses schafft sie es an manchen Tagen kaum, soviel Kaffee zu kochen und Birnentorten zu backen wie hungrige Besucher nachfragen.

Ribbeck sei seit der Wiedereröffnung des Schlosses noch interessanter für Touristen geworden als früher, sagt Marina Wesche. Erst seit zwei Jahren ist Schloss Ribbeck wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. Der Landkreis Havelland hat das frühere Herrenhaus der Familie von Ribbeck, das zu DDR-Zeiten als Seniorenheim genutzt wurde, aufwendig restauriert. Ein jahrelanger Rechtsstreit über die Rückübertragung des Schlosses an die Familie von Ribbeck war im Jahr 2001 mit einem Vergleich beigelegt worden. Die von Ribbecks verzichteten auf Rückgabe ihrer Ländereien und erhielten im Gegenzug Entschädigungen als Verfolgte des Naziregimes. Denn der letzte adlige Schlossherr, Hans Georg Karl Anton von Ribbeck, wurde im April 1944 von der Gestapo verhaftet. Er kam im Konzentrationslager Sachsenhausen um.

Auf dem Gelände der früheren Gutsremise nahe dem Schloss hat sich sein Nachkomme Friedrich Carl von Ribbeck ein modernes Zweifamilienhaus gebaut. „Nein“, sagt er, der tägliche Blick auf den früheren Stammsitz der Familie schmerze ihn nicht mehr. „Das ist heute alles vergessen. Im Nachhinein muss ich zugeben, dass ich das Schloss gar nicht hätte angemessen bewirtschaften können.“

Gedicht wieder im Lehrplan

Konzerte, Ausstellungen, Museumsshop, Trauzimmer und ein Restaurant ziehen heute Gäste ins Schloss. Ein Museum erinnert an die Geschichte des Herrenhauses und Fontanes Zeilen. Dass der märkische Dichterfürst jemals in Ribbeck war, ist aber nicht belegt. Millionen Schüler haben seine Ballade auswendig gelernt. Und das Werk gehört in Brandenburg wieder zum Unterricht. Aus den Lehrplänen der DDR war sein Loblied auf den Junker Ribbeck aus ideologischen Gründen gestrichen. „Ich bin auf dem Weg nach Nauen jahrelang hier vorbeigefahren, ohne zu wissen, was es mit dem Ort auf sich hat“, erinnert sich Carola Block, Mitarbeiterin der Schloss Ribbeck GmbH.

Mit dem „Kulturhistorischen Zentrum Schloss Ribbeck“ will der Kreis das immer noch beschauliche Ribbeck zum Angelpunkt des Fremdenverkehrs im Havelland machen. Der Plan scheint aufzugehen. Die Gemeinde, heute ein Ortsteil der Stadt Nauen, hat sich auf Gäste eingestellt. Ob in der alten Schule mit ihrem historischen Klassenzimmer, in Kirche und Pfarrscheune, ob im Waschhaus oder im Schloss – rund um den historischen Dorfanger können sich Touristen an vielen Stellen stärken, Informationen bekommen und Souvenirs erstehen.

Wer Abstand möchte vom Hype um Fontanes Kernobst, kann sich beispielsweise in das Ribbecker Vorwerk Marienhof aufmachen. Vom Pfarrgarten aus führt ein Barfußpfad zum 1,5 Kilometer entfernten Kinderbauern. Strumpflos durch die Natur zu stapfen, soll die Sinne anregen. Während die Kleinen reiten, Ziegen füttern oder Schafe streicheln, schlemmen Erwachsene am Landimbiss Kuchen oder kosten Brot aus dem Lehmbackofen.

Für Gernot Frischling ist Ribbeck vom touristischen Rummelplatz aber weit entfernt. Vor fünf Jahren ist der Tänzer und Pantomime aus Berlin mit der Sängerin Uta von Kameke ins alte Ribbecker Pfarrhaus gezogen. Das Paar wollte für seine vier Kinder eine behütete, naturnahe Umgebung. Im roten Ziegelbau am Dorfanger hat Frischling aus seiner Probenbühne ein Miniaturtheater mit 30 Plätzen gemacht. Noch gibt das „Theater der Frische“ nur ein-, zweimal im Monat eine Vorstellung. (Karten: Tel:0177/3845026).

Ribbeck habe sich seinen ländlichen Charakter bewahrt, sagt Frischling. Die Kinder könnten auf der Straße spielen. Nur „zu den Stoßzeiten“, wenn Reisebusse durchs Dorf fahren, bangt der Künstler ab und zu um ihre Sicherheit. Dann werden im wohl berühmtesten Dorf des Havellandes auch die Parkplätze knapp. Der Bau eines Besucherparkplatzes am Ortsausgang ist aber vorläufig gestoppt. Bald nach dem ersten Spatenstich sind die Arbeiter auf einen slawischen Friedhof aus dem 11.Jahrhundert gestoßen. Das Areal haben die Archäologen übernommen.

Anfahrt und Preise

Anfahrt Bundesstraße 5 Richtung Westen (bis Nauen vierstreifige Schnellstraße), RE4, RB10; RB14 bis Nauen, weiter mit dem Bus 661 Richtung Friesack, gut ausgebauter Radrundweg Nauen/Ribbeck/Groß Behnitz/Nauen (28 km).

Sehenswert: Schloss Ribbeck, Tel:033237/85900, Museum geöffnet tgl. 10–17 Uhr, Eintritt 3, erm. 2 Euro, Führung tgl. 14+16 Uhr (5 Euro); Kirche geöffnet tgl. 10–18 Uhr; Altes Waschhaus, Museumscafé, Tel:033237/85106, Do.–So. 11– mindestens 17 Uhr; Alte Schule, Tel:033237/85458, Café, Gäste-Information, historisches Klassenzimmer, Fahrradverleih (1,50 Euro/Stunde, 10 Euro/Tag), tgl. 10–18 Uhr; Kinderbauernhof Marienhof, Tel:033237/88891, tgl. 10–18 Uhr, Eintritt Erlebnishof: 1Euro; Maislabyrinth: Erwachsene 3, Kinder 2 Euro. Näheres: www.ribbeck-havelland.de

Gastro-Tipp: Frische regionale Küche bietet das Restaurant des Ribbecker Schlosses (Theodor Fontane-Straße 10, 14641 Nauen OT Ribbeck), bei schönem Wetter auch in seinem Parkcafé. Auf der monatlich wechselnden Karte stehen märkische Produkte, die das Küchenteam fantasievoll veredelt. Hauptgerichte werden auch als kleine Portion angeboten. Geöffnet: täglich 12–21Uhr. Reservierungen: Tel:033237/859015. hel

In der Nähe

Auf dem Mustergut der Familie Borsig in Groß Behnitz

Die alte Lok wirkt mitten im dörflichen Groß Behnitz auf den ersten Blick deplaziert. Sie soll Symbol für die Produkte sein, mit denen die wohl bekanntesten Ortsbewohner einst ihr Geld verdienten: mit Dampfmaschinen. Das nicht ganz geschichtstreue Gefährt aus dem Hause Krupp markiert den Eingang zum Landgut Borsig – einige Jahrzehnte Sommersitz, Hobby und bald zweites Standbein der Berliner Industriellenfamilie.

Albert Borsig, Sohn des Maschinenbau-Magnaten August, kauft das Groß Behnitzer Rittergut 1866 von der bankrotten Adelsfamilie von Itzenplitz. Er baut, 40 Kilometer westlich Berlins, ein hochmodernes Mustergut auf. Die Gutsgebäude in dunklem Ziegelmauerwerk sind eine optische Reminiszenz an die Berliner Borsigwerke in Tegel. Die Pfeiler des imposanten Gutstores schmücken zwei Plastiken, die ursprünglich auf dem Oranienburger Tor in Berlin standen. Der Großindustrielle setzt Landmaschinen aus den Borsigwerken ein, sorgt für einen Bahnanschluss. Er spendiert dem Dorf Schule und Kindergarten. Im Zweiten Weltkrieg stellt Borsig-Enkel Ernst von Borsig junior das inzwischen abgerissene Gutshaus dem Widerstandszirkel „Kreisauer Kreis“ um James Graf von Moltke als konspirativen Treff zur Verfügung.

Mit staatlicher Hilfe hat der Berliner Fotograf Michael Stober weite Teile der zu DDR-Zeiten verwahrlosten Anlagen restauriert. Am ersten Sonntag eines jeden Monats führt um 11 Uhr der neue Gutsherr persönlich Gäste über das Gelände (22,50 Euro, inklusive Drei-Gang-Menü). Für Michael Stober ist Gut Borsig „ein magischer Ort“. Der 53-Jährige musste viele bürokratische Hürden überwinden und Skeptiker überzeugen, um seinen Traum wirklich werden zu lassen: Das frühere Landgut der Borsigs wieder zu einem lebendigen Ort zu machen.

Im früheren Geflügelhaus bietet ein Restaurant jetzt regionale Küche. Von den Terrassen hat man einen schönen Blick auf den idyllischen Groß Behnitzer See. Im Obergeschoss des Restauranttrakts dokumentiert eine kleine Ausstellung die Gutsgeschichte. In der Brennerei ist noch eine Original-Dampfmaschine aus dem Hause Borsig zu sehen. Der Verein Cultura Landgut Borsig verkauft hier folkloristisches Kunsthandwerk aus aller Welt und organisiert Workshops in alten Handwerkstechniken.

Im früheren Verwalterhaus können Paare heiraten und im früheren Rinderstall feiern. Das historische Logierhaus hat 24Gästezimmer. Ganz im Geiste der Borsigs tüftelt Inhaber Stober weiter an der Umsetzung seiner Ideen. Eine Lithographiedruckerei steht vor der Eröffnung. Für einen Hotelbau mit 120 Zimmern an der Stelle der alten Scheune haben die Bauarbeiten begonnen.

Landgut Albert Borsig Behnitzer Dorfstraße29–31 Groß Behnitz, Tel:033239/208060, Eintritt frei, Restaurant: Di.–Sbd., 11.30–21 Uhr, So., 11.30–18 Uhr. Bundesstraße5, Abfahrt Neukammer, Bus 660 ab Nauen. www.landgut-aborsig.de