Urlaub für einen Tag

Zu Besuch bei den alten Slawen in Brandenburg

Urlaub für einen Tag: Wir nehmen Sie mit auf Ausflüge in Berlin und Brandenburg. Heute können Sie ein rekonstruiertes Dorf auf dem 11. Jahrhundert entdecken und dabei nicht nur Ihre Geschichtskenntnisse auffrischen.

Foto: Glanze

Charleen Walter geht vorsichtig in das Blockhaus und inspiziert die Feuerstelle. Es riecht nach Erde und Lehm, nur wenig Sonnenlicht dringt durch die Nischen der Holzbalken in den kleinen Raum. Die Sechsjährige überwindet ihre Scheu und wirft sich beherzt auf das mittelalterliche Bett, gebaut aus ein paar Holzlatten. „Aua! Das ist ja viel zu hart“, ruft Charleen. Das flauschige Tierfell kann ihren Eindruck auch nicht verbessern: „Mein Bett zu Hause ist viel weicher. Und es ist ganz staubig hier und dunkel. Die armen Leute vor 1000 Jahren.“

Die Kleine macht mit ihrer Familie einen Ausflug ins Slawendorf in Brandenburg/Havel – und wandelt damit auf den Spuren ihrer frühen Altvorderen. Das Blockhaus ist eines von 25 rekonstruierten Lehm-, Flechtwerk- und Spaltbohlenhäusern aus dem 11. Jahrhundert. Auf einer Fläche von 1500 Quadratmetern können Besucher auch anhand von Holz- und Heulagerhütten, Backöfen und Tiergehegen, Brunnen und Ackergeräten erfahren, wie die aus dem Osten eingewanderten Slawen hier im Mittelalter lebten. Die Slawen, die zwischen 568 und 800 zuzogen, mischten sich mit der germanischen Bevölkerung und bildeten den Stamm der „Heveller“, wie sie von den Deutschen genannt wurden.

Einer von ihnen, zumindest der Kleidung nach zu urteilen, ist Frank Brekow. Der 49-Jährige stampft mit schweren Schritten über den Lehmboden, hinein in die Holzhütte. Charleen blickt ihn ehrfürchtig an. Brekow, von imposanter Statur, trägt die alte Tracht der Slawen: ein rot-grünes Hemd, Schnürhose und eine Kette um den Hals. Er deutet auf den Anhänger der Halskette: „Das ist unser wichtigster Gott, der dreiköpfige Triglav“, erklärt er. Und, zu den Kindern gewandt: „In diesen Hütten lebten die Eltern mit ihren Kindern. Die Betten waren reserviert für Mutter und Vater und das jüngste Kind. Die anderen Kinder haben in der Futterecke geschlafen – zusammen mit den Tieren“, erzählt Brekow. Charleen staunt: „Das ist doch unfair, wie das damals war.“

Wettrudern auf Plankenschiffen

Sich an die Fakten zu halten, die aber anschaulich zu vermitteln, dieser Aufgabe hat sich der gebürtige Brandenburger und Slawendorf-Führer Frank Brekow gestellt. „Der Gast erwartet die historischen Zusammenhänge“, sagt er, der Geschichte und Germanistik studiert hat und selbst eine Art „Ureinwohner“ ist, wie er sagt. Schon seit 20 Jahren arbeitet er als Stadtführer in Brandenburg. Von Anfang an, seit den Vorbereitungen im Jahr 2000, ist er auch beim Slawendorf dabei.

Wer will, sagt Brekow, der könne beim Besuch auch mal ins Schwitzen kommen. „Wenn die Gäste es wünschen, tragen wir mit ihnen unseren slawischen Fünfkampf aus“, erklärt er. Dazu gehören die mittelalterlichen Disziplinen Lanzenwerfen, Bogenschießen, Steinschleudern, Rudern und Ringewerfen. Für das Wettrudern stehen die Plankenschiffe „Dragomira“ und „Triglav“ bereit, zwei Rekonstruktionen von historischen Slawenschiffen. „In den Schiffen bieten wir aber auch eine kleine Stadtrundfahrt vom Wasser aus an, die rund zwei Stunden dauert“, sagt Brekow.

Er erwähnt fast beiläufig, dass das Schaudorf neben der historischen Vermittlung noch ein anderes Ziel verfolgt – ein soziales: Es bietet Arbeitslosen eine sinnvolle Beschäftigung. „Alle Häuser wurden von Erwerbslosen gebaut, denen wir damit neue Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt eröffnet haben“, verrät er. Unter dem Dach der BAS, der Brandenburg Arbeitsförderungs- und Strukturentwicklungs GmbH, arbeiten derzeit 20Arbeitslose am Ausbau des Dorfes. „Als letztes wurde das Infohaus fertiggestellt. Ab dem nächsten Jahr informieren Tafeln und Modelle darin über die slawische Zuwanderung, so dass Besucher das Dorf auch auf eigene Faust erkundschaften können“, sagt Brekow.

Wer das Schaudorf heute besucht, ist auf seine Führungen angewiesen, die er zu jeder vollen Stunde anbietet. Mit jedem Schritt an seiner Seite geht es ein Stück zurück in die Vergangenheit. Und so folgen Charleen und ihr Kita-Freund Vincent Marx(6), die gerade noch eingehend einen Mühlstein zum Getreide mahlen begutachten, dem stattlichen Slawen jetzt doch aus der Handwerkerhütte hinaus ins Freie.

Brekow rückt seine Fellmütze zurecht und fährt sich durch den Vollbart. Er steht jetzt im Dorfzentrum, umgeben von Bäcker-, Schmied- und Gerberhütte, deren Dächer mit Stroh, Reet oder Holzschindeln bedeckt sind. Dort erklärt er die Herkunft der Ortsnamen in der Umgebung: „Die Namen sind oft slawischen Ursprungs. Das erkennt man an den Endungen ,-itz', ,-ig' und ,-ow'. Insgesamt 80 Prozent der Brandenburger Siedlungen haben slawische Wurzeln.“ Oft, erzählt Brekow, übernahmen die Deutschen die vorhandenen Namen und setzten bei einer neuen Siedlung selbstbewusst einfach das Wort „Groß“ vor den Ortsnamen. „Das sieht man auch heute noch häufig, etwa an Groß Briesen und Klein Briesen, wobei zweiteres das ursprüngliche slawische Dorf war.“

Dann geht die Entdeckungsreise durch das Mittelalter schon weiter, so viele unbekannte Werkzeuge und Gerätschaften warten darauf, von Charleen und Vincent ausprobiert zu werden. Vor dem Eingang zur Schmiedehütte entdeckt Vincent den altertümlichen Blasebalg, dessen Luftstöße die Glut des Feuers auf der richtigen Temperatur halten sollen. Er bringt das Gerät aus Holz und Leder mit vollem Körpereinsatz in Gang. „Ganz schön anstrengend“, sagt er und schnauft. „Das ist Jungsarbeit“, meint Charleen. „Was kann ich denn machen?“ Brekow deutet auf den Lehmofen vor dem Haus. Charleen greift sich eine Ladung Holz, die sie in den Ofen wirft: „Bei uns zu Hause geht das einfacher, aber das hier bringt mehr Spaß.“

Kein Wunder, dass häufig Schulklassen das Slawendorf besuchen. Manchmal bleiben Kinder sogar über Nacht und können an mystischen Nachtführungen im Fackelschein teilnehmen. Für die Übernachtungen gibt es in dem Schaudorf fünf Hütten. „Wenn wir mehr Zeit haben, bringen wir den Kindern auch die Handwerks- und Kulturtechniken nahe“, erzählt Brekow. Dazu gehört zum Beispiel die Arbeit mit Holz und Lehm, das Bogenschießen und Basteln und auch die typische Speisezubereitung. „Hier an der Markthütte essen wir dann Fleisch- oder Gemüsesuppe mit selbst gebackenem Brot“, sagt Brekow.

Über den Trampelpfad geht es vorbei an der zentralen Feuerstelle zum Herzstück des Dorfes: „Das ist der heilige Baum“, sagt Brekow. Heilig, weil er der höchste auf dem Gelände ist und somit am nächsten zu Gott steht, zu „Triglav“. „Unter ihm fanden Eheschließungen und Gerichtsverhandlungen statt“, berichtet der Dorfführer. Er spielt eine Verhandlung mit Vincent und Charleen nach. Charleen ist die Angeklagte und verliert den imaginären Rechtstreit. Nach dem Urteil ist sie froh, dass das ganze „nicht in echt passiert“. Und urteilt selbst: Der Ausflug in die Welt der Slawen „ist ganz, ganz toll“.

Infos zum Slawendorf

Anfahrt/Auto Berlin auf der A115 (Avus) nach Süd-Westen verlassen, weiter auf der A10, dann auf die A2 wechseln, an der Ausfahrt 78/Brandenburg auf die B102 Richtung Belzig fahren. Schildern nach Brandenburg/Havel folgen. In Brandenburg hinter den Bahnschienen rechts auf die Potsdamer Straße abbiegen (Ausschilderung: Zentrum Neustadt), weiter auf der Sankt-Annen-Straße, links in die Steinstraße, die zur Jacobstraße wird, rechts abbiegen in die Bauhofstraße, diese bis zum Ende fahren und rechts in die Neuendorfer Straße biegen bis zum Slawendorf. Parkplätze davor.

Anfahrt/Bahn Vom Hauptbahnhof Berlin: Mit der Regionalbahn ca. 70 Minuten zur Station Brandenburg Hauptbahnhof oder Bahnhof Altstadt. Vom Hbf. Brandenburg mit der Tram, Linie 6 oder 2 (Richtung Hohenstücken Nord bzw. Quenzbrücke) bis zum Nicolaiplatz. Über den Parkplatz zum Eingang.

Vom Bhf. Altstadt: Tram Linie 2 (Richtung Hauptbahnhof) bis Nicolaiplatz.

Zeiten Saison vom 30. April bis 16.Oktober 2011, geöffnet Donnerstag bis Sonntag, 13–17 Uhr. Einlass immer zur vollen Stunde. Preise: 3 Euro, Kinder 2 Euro. Für Gruppen ab 15 Personen auch Führungen außerhalb der Öffnungszeiten, nach Anmeldung unter Tel.: 03381/212466. Infos im Netz: www.slawendorf-brandenburg.info/