Urlaub für einen Tag

Hoch hinaus – Alpenfeeling mitten in der City

Urlaub für einen Tag: Wir nehmen Sie mit auf Ausflüge in Berlin und Brandenburg - heute auf ein Kletterabenteuer mit in der Stadt.

Foto: Amin Akhtar

Judith Grunwald blickt nach oben. Dem blauen Seil entlang, das sie in den Händen hält, folgen ihre Augen bis zum Gipfel der Felswand. „Ganz schön weit weg“, meint die 22-Jährige, dann schaut sie Trainerin Jasmin Wielart hilfesuchend an. Judith Grunwald will heute zum ersten Mal klettern. Aller Nervosität zum Trotz, der 12,5 Meter entfernte Gipfel ist ihr Ziel. Zumindest fast. Ihre Route endet kurz darunter an zwei im Stein befestigten Karabiner-Haken, durch die das Seil läuft.

Jasmin Wielart steht am anderen Ende des dicken Seils. Mit einem Knoten ist es an ihrem Klettergeschirr befestigt. Die Jugendtrainerin der Berliner Sektion des Deutschen Alpenvereins (DAV) wird Judith bei ihrem ersten Aufstieg absichern. „Ich halte dich, wenn du abrutscht, dann fällst du nicht“, beruhigt sie ihre neue Schülerin. „Toprope“ nenne man diese Art der Absicherung im Klettererjargon.

Also wagt sich Judith an die von Furchen durchzogene Steinwand. Zögernd versucht sie, sich an einer Stelle hochzuziehen – und rutscht prompt ab. Noch ein Versuch. Und wieder rutscht sie mit ihren Turnschuhen ab. Sie hat zwar, wie vorher mit Jasmin Wielart abgemacht, enge Sportschuhe angezogen. Aber die sind nicht so gut wie die Kletterschuhe, die ihr die Trainerin nun ausleiht. „Kletterschuhe sind härter und biegen vorne die Zehen nach oben.“ So könne man mit viel mehr Druck auftreten. Da diese Schuhe spitz zulaufen, könne Judith Grunwald damit auch in kleine Kanten treten. „Am Anfang tun die Füße in den Schuhen weh, aber man gewöhnt sich dran“, sagt Wielart.

Jetzt klappt es. An den kleinen Felsvorsprüngen und den Haltegriffen zieht sich Judith Grunwald hoch. Vielleicht der Beginn einer leidenschaftlichen Kletterkarriere. Judith will natürlich nicht immer nur am Kletterturm an der Kirchbachstraße mitten in Schöneberg üben. „Ich bin ein Naturkind“, sagt sie. Sie will in den richtigen Bergen klettern, etwa in der Fränkischen Schweiz oder, wenn sie richtig gut ist, im sächsischen Elbsandsteingebirge.

Felsen zwischen Wohnhäusern

Wie für die meisten Kletterer auf dem Platz im Berliner Westen ist das Klettern an der „Kirchbachspitze“ nur Vorbereitung. Marc Zwisele trainiert zweimal pro Woche an dem Kletterturm, der etwas unvermutet zwischen tristen 50er-Jahre-Wohngebäuden liegt. Vor vier Jahren, während eines Schüleraustauschs in Neuseeland, hat er das Klettern entdeckt. „Dort wurde es in der Schule angeboten.“ Zurück in Deutschland habe er sich einen Verein gesucht. „Der Alpenverein hat mich überzeugt.“

Seither hat der 21-Jährige viel trainiert, wie die Muskeln an seinen Oberarmen bezeugen. In der Natur sei er nicht so gut abgesichert wie hier, sondern auf sich gestellt. An den Kletterrouten in den Bergen seien nur etwa alle zehn Meter Haken – die restliche Strecke schützt sich Marc Zwisele mit einem Kletterkumpel vor dem Absturz. „Dem vertraue ich dabei mein Leben an und er mir seins“, sagt Zwisele, der wie Jasmin Wielart Jugendtrainer beim Alpenverein ist. Das schweiße zusammen. Auch der gemeinsame Erfolg eine: Zusammen auf dem Gipfel angekommen, könne man sofort sehen, was man geleistet hat. „Da stehe ich oben, schaue runter und bin stolz darauf, hochgeklettert zu sein“, sagt der Mathematikstudent.

Beim Klettern vermeidet Marc Zwisele den Blick in die Tiefe. „Da verliert man nie den Respekt vor.“ Zudem müsse er sich dann voll auf seinen Aufstieg konzentrieren – alles andere sei nebensächlich. „Da schalte ich voll ab – alle Alltagssorgen bleiben zurück.“ Selbst Menschen mit Höhenangst könne er nur zum Klettern ermutigen, denn die Angst werde beim Klettern vergessen. Zudem gewöhne sich der Körper an die Bewegung in der Höhe.

Neben Körperbeherrschung braucht es zum Klettern vor allem Kraft. Das bemerkt auch Judith Grunwald. Sie versucht sich aus einer Ecke des Felsens hochzudrücken und zieht gleichzeitig. Aber es klappt nicht so richtig. „Ich kann nicht mehr“, ruft sie ihrer Trainerin am Boden zu. Jasmin Wielart lässt sie am Seil vorsichtig hinab. „Meine Arme fühlen sich an, wie aus Gummi“, ist Judiths Fazit, als sie sicher im Kies gelandet ist. Wie nach hundert Klimmzügen. Trotzdem will sich nicht entmutigen lassen. Sie fühlt sich herausgefordert und will Arm- und Beinmuskulatur trainieren, um irgendwann ohne Hilfe die Wand hochzukommen.

Ohne einen Kursus gemacht zu haben, sollten Anfänger nicht klettern gehen, meint Jasmin Wielart. Das sei zu gefährlich. „Wer sich nicht sicher ist, ob er an einem Kursus teilnehmen möchte, kann an einem Schnuppertag teilnehmen“, sagt Marc Zwisele. Der Alpenverein betreibt in Berlin drei Outdooranlagen. Neben der Kirchbachspitze gibt es weitere am Teufelsberg und am Humboldthain. Die Klettertürme sind tagsüber frei für DAV-Mitglieder zugänglich, überall finden regelmäßig Kurse statt. Bei starkem Regen kann allerdings nicht geklettert werden. „Sobald der Stein nass ist, ist die Rutschgefahr zu groß“, sagt Zwisele.

Aber dann könne man ja in eine Halle ausweichen, zum Beispiel in die Kletterhalle „Magic Mountain“ in Mitte (Gesundbrunnen). Dort warten 200 Routen in allen Schwierigkeitsgraden. Auch Bouldern, Klettern in niedriger Höhe, ist möglich. „Hier trainieren Sechsjährige ebenso wie 75-Jährige“, sagt Geschäftsführer Martin Merbeth. Anfänger können beim ersten Mal in engen Turnschuhen klettern, Profi-Schuhe seien aber empfehlenswert. Bis auf das Schuhwerk könne die Ausrüstung bei „Magic Mountain“ ausgeliehen werden. In den Sommerferien werden Kindern zwischen 8und 15 Jahren ein Kletter-Camp sowie Kletterwochen angeboten. Die Kinder benötigen keine Vorkenntnisse und lernen dabei wichtige Sicherungstechniken.

Kletterparcours für jedes Wetter

Kletteranlagen: Das Land Berlin hat die Adressen aller 20 Anlagen mit Öffnungszeiten und Preisen im Netz aufgelistet: www.berlin.de/special/sport-und-fitness/freizeitsport/funsport/

Alpenverein Kletterturm, Kirchbachspitze an der Alvenslebenstr. 19 (U1 bis Kurfürstenstraße), Kletterturm Teufelsberg an der Teufelsseechaussee in Grunewald (S7 bis Grunewald), Bunkerwand im Volkspark Humboldthain, Brunnenstraße (S41 oder 42/Ring bis Gesundbrunnen). Alpin-Grundkurse ab 35 Euro. Infos Alpenverein: www.dav-berlin.de

Indoor Halle Magic Mountain an der Böttgerstr. 20–26 (S-Ring bis Gesundbrunnen). Geöffnet Mo., Di., Mi., Fr., 12 bis 24 Uhr, Do., 10 bis 24 Uhr sowie Sbd./So. 10 bis 22 Uhr. Tageskarte 14 Euro, ermäßigt 7 Euro. Infos zu Kursen: www.magicmountain.de

Gastrotipp: Nach dem Training an der Kirchbachspitze können Kletterer im Restaurant Munchs Hus, Bülowstr. 66, Energie aufladen. Täglich von 10 bis 1 Uhrwerden norwegische Gerichte serviert, unter anderem Elchbraten.