Urlaub für einen Tag

Barnim - Ein Tierpark zum Anfassen

Urlaub für einen Tag: Wir nehmen Sie mit auf Ausflüge in Berlin und Brandenburg. Heute geht es in den Barnimer Zoo. Hier hat Tierpfleger Uwe Fanke Löwenbaby Kismet aufgezogen – ganz ohne Star-Rummel.

Foto: David Heerde

Uwe Fanke hebt seine Hände. „Ich habe noch alle Finger. Also scheine ich in den 25Jahren als Raubtierpfleger alles richtig gemacht zu haben.“ Das Geschick scheint in der Familie zu liegen. „Mit den Tieren haben wir Fankes es bereits in der vierten Generation“, sagt der 45-Jährige. Vater und Großvater arbeiteten in der „Branche“. Seine Ehefrau und auch die 21-jährige Tochter Sarah Joyce sind wie er im Eberswalder Zoo beschäftigt. Für Fanke ist das 15 Hektar große Areal, in dem sich derzeit rund 1400 Tiere und 150 verschiedene Arten aus fünf Kontinenten tummeln, mehr als nur eine Arbeitsstätte. Mit Leib und Seele ist der gebürtige Berliner seit 1986 hier in der Stadt im Barnim im Einsatz.

Wenn nachts sein Telefon klingelt, ist er wenige Minuten später auf dem Weg zum Zoo. Wie im August vorigen Jahres. Da drückte eine Sturmböe einen mächtigen Baum auf zwei Gehege nieder. Rechtzeitig haben Fanke und seine Mitarbeiter verhindert, dass die „befreiten“ Damhirsche Fersengeld geben konnten. Obwohl frei über die Wege spazierende Tiere keine Seltenheit im Zoo sind. Das Gut „Freiheit“ wird in Eberswalde groß geschrieben. Was mit dazu beitrug, dass Eberswalde in einem Zootest im Jahr 2000 bestens abschnitt und seither den Titel als „bester kleiner Zoo Deutschlands“ trägt.

Eine Herde Weißbüscheläffchen hangelt in den Ästen, während Schulklassen, Großmütter mit ihren Enkeln und Mütter mit Kinderwagen auf naturbelassenen Wegen von der Voliere für den Europäischen Uhu über das Gehege der Lamas bis zur Anlage der schwarzen Leoparden flanieren.

Ungewöhnliche Wohngemeinschaft

Ein weißer Damhirsch trabt an einem verdutzt stehen bleibenden Ehepaar vorüber, blickt kurz zu Fanke, hebt den Kopf wie zum Gruß. „Der kennt mich eben“, sagt Fanke. Dem ängstlichen Braunbären gleich nebenan – nur getrennt von einem Stein- und Wassergraben – ruft Fanke ein aufmunterndes Wort zu. Der Braune sitzt mit seinem dicken Pelzhintern fast im Wasser. Die schneeweißen Wölfe – nur wenige Meter entfernt – beäugen ihn kritisch. Verschiedene Tierarten, die sich eine Fläche teilen, sind in Eberswalde nichts Ungewöhnliches. Stinktiere und Nasenbären hat Fanke beispielsweise als einer der ersten seiner Zunft erfolgreich zur „Wohngemeinschaft“ auf einem gemeinsamen Gelände „überredet“. Ein Miteinander, das funktioniere, weil die Nasenbären gehörig Respekt vor den Stinktieren hätten.

Wenige Meter weiter stolpert fast ein Präriehund über Fankes Stiefel. Der Mann im grünen T-Shirt mit Löwenaufdruck nimmt es gelassen. „Präriehunde sind aber auch so was von neugierig. Haben die sich also schon wieder ein neues Loch unter dem Zaun gegraben.“ Kurz lässt er den Blick über die Wege schweifen, zählt die Hügel, die die Racker zusammengeschoben haben.

Im Eberswalder Zoo ist Fanke kein Unbekannter. Dort genießt er den gleichen Status wie einst der Berliner Tierpfleger Thomas Dörflein und sein Schützling, Eisbär Knut. Der Grund dafür ist Kismet, das kleine Löwenbaby, dessen Mutter die Folgen des Kaiserschnitts nicht überlebte. Von Hand hat Fanke das Löwenmädchen aufgezogen. „Wir hatten die Publicity vier Wochen vor Knut. Dann löste uns der kleine Eisbär ab.“ Ganz im Stillen – geliebt und beobachtet von den Eberswaldern – hat er das Raubtier aufgezogen. „Meine Kleine ist immer noch hier bei uns in Eberswalde“, sagt Fanke und macht einen Schlenker zum Raubtiergehege.

Die „Kleine“ bringt mit ihren vier Jahren inzwischen stattliche 120 Kilogramm auf die Waage. Fanke streicht seinem „Mädchen“ sanft über die dunkle Nase, legt die Hand an ihre Lefzen. Kismet drückt sich gegen die Gitterstäbe, will ihrem „Papa“ ganz nahe sein, mit ihrer rauen Zunge über seine Finger schlecken. Die Gitter zwischen ihm und Kismet – das ist nicht ganz einfach für Uwe Fanke. Aber es muss einfach sein. Denn seit sie ihn als Einjährige stürmisch begrüßte, ihm sanft, aber bestimmt die Daumenkralle auf die Oberarme legte, wusste Fanke, welche Stunde geschlagen hat. „Allein mit ihrer Daumenkralle könnte sie mir unbeabsichtigt den gesamten Oberarm aufreißen.“ Seither gibt es Streicheleinheiten nur noch vorsichtig durch die grünen Gitterstäbe.

Einen Steinadler, fünf Wölfe, einen Papagei und seine Kismet hat er per Hand aufgezogen. Nur gut, dass das die Ausnahmen bleiben – bei so vielen Jungtiergeburten. Ob bei den Shetlandponys, den Zwergziegen, den Rentieren oder Kängurus: Bei mehr als 20 Arten hat es in diesem Jahr schon Nachwuchs gegeben. Besonders stolz ist man auf die beiden Sibirtiger, die Ende Februar geboren wurden.

Weiter geht's, vorbei an den Makis – eine der drei Affenarten, die munter und frei im Zoo herumhüpfen. Ein kleiner Junge streckt die Hand nach einem der Affen aus. „Anfassen“, ruft er. Fanke weist den Eltern die Richtung zum Streichelzoo, wo der Knirps Esel, Pony oder Ziege streicheln kann. Und er gibt den Hinweis auf die Zooschule mit auf den Weg. Dort seien Kids, die mal ohne Mami oder Papi in den Zoo kommen möchten, bestens aufgehoben. In den Sommerferien steht dort jeden Tag ein besonderes Tier im Mittelpunkt. Unter Aufsicht können die Knirpse Tiere beobachten und streicheln. Oder selbst mal Zwergotter, Pinguine und Co. füttern.

Zielstrebig nimmt Fanke Kurs aufs Löwengehege. „Für unsere nimmermüden kleinen Besucher“, sagt er und deutet auf einen Abenteuerspielplatz am Wegrand. Insgesamt fünf davon befinden sich auf dem Zoogelände, mit Rutschen, Hängebrücke, Krabbelröhren und Baumhäusern. Weil Toben bekanntlich hungrig macht, sorgt der Zoo für die entsprechende Stärkung im Restaurant „Brauner Bär“ oder in der „Zoobaude“ am Urwaldhaus. Fanke bleibt unterdessen im Tunnel zum Löwengehege stehen, ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Sein Blick streift die mit Wurzeln und Moos verzierten Decken. Hier hat er selbst Hand angelegt. Nichts sollte klinisch wirken, alles dem Naturraum der Tiere entsprechen. „Mein Zoodirektor hat sich daran erinnert, dass ich daheim Reptilien halte und selbst Aquarien gestalte. Er hat einfach auf meine Kreativität gesetzt.“ Anders als in großen Zoos seien in Eberswalde die besonderen Fähigkeiten jedes Mitarbeiters gefragt – ob das ein „grüner Daumen“ ist, handwerkliches oder pädagogisches Geschick. „Das spürt im Ergebnis auch der Besucher“. Die Nähe zum Tier, das Fehlen der Glaswände, das Miteinander mache das Plus des Zoos aus.

Angebote und Preise

Zoologischer Garten Eberswalde, Am Wasserfall 1, Eberswalde. Täglich geöffnet ab 9 Uhr bis zum Einbruch der Dämmerung, der Eintritt kostet für Erwachsene 9, ermäßigt 4,50 Euro, Kinder zahlen 3,50 Euro.

Besondere Angebote: Lernen in der Zooschule (wo auch Kindergeburtstage gefeiert werden können). Erwachsene können sich mit „tierischen Trauzeugen“ das Ja-Wort geben. Hunde sind angeleint im Zoo willkommen. Erlebnisferien bis 13. August 2011:

Ab sofort können sich Kindergruppen für die Zeit von 9 bis 12 Uhr in der Zooschule anmelden unter Tel. 03334-22809. Jeden Tag steht ein besonderes Tier im Mittelpunkt. Daneben gibt es Spiel- und Bastelmöglichkeiten. An den Nachmittagen von 13 bis 16 Uhr sind in der Zooschule alle Kinder in Begleitung eines Erwachsenen willkommen.

Anreise: Mit dem Auto über die A11, Abfahrt Finowfurt, dann über B167 oder über die B 2; mit der Bahn per Regionalexpress oder Eurocity ab Berlin Hauptbahnhof; mit dem Bus: Linie 861 (Haltestelle „Eisenspalterei“) oder Linie 862 (Haltestelle „Spechthausener Straße“); mit dem Boot über den Finowkanal, Anlegestelle östlich der Drahthammer Schleuse; mit dem Rad über den Treidelweg am Finowkanal.