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Von Schlagball bis Skaten - Sportler erobern Tempelhof

Früher, wenn Kevin Stockers surfen wollte, musste er dreieinhalb Stunden zur Ostsee fahren. An diesem Morgen hat er sein neongelbes Segel auf die Rückbank des VW-Bullis gepackt und ist ein paar Minuten über die Stadtautobahn in den Süden Berlins gedüst.

Nun steht der Surfer auf dem Tempelhofer Feld, setzt seine Füße auf ein Skateboard und lenkt das Segel, das im Skateboard steckt. Die Böen sind ordentlich, auf dem weiten, freien Feld entwickeln sie eine gewisse Dynamik. Kevin Stockers gleitet immer schneller über den schwarzen Asphalt in Richtung Startbahn des stillgelegten Airports. „Das ist ein bisschen wie fliegen“, ruft er.

Viele, die jetzt das Tempelhofer Feld erobern, schätzen auch die geschichtsträchtige Kulisse, die bereits Kult ist. In monumentalem Baustil liegt er da, der ehemalige Flughafen mit seinen Hangars. Ein Rosinenbomber steht am Rand des Geländes, erinnert an die Berlin-Blockade. In den 60er-Jahren posierten hier Filmstars für Fotografen; noch 2007 wurden in Tempelhof mehr als 300.000 Fluggäste abgefertigt.

Seit einem guten Jahr ist das weitläufige, bislang recht kahle Areal für Jedermann geöffnet, immer mehr Berliner nutzen es für Freizeitsport und Erholung. Eine Jungengruppe jagt dem Fußball über das Beach-Soccer-Feld hinterher. Überall sind Jogger unterwegs. Es gibt eine galaktisch anmutende Minigolf-Anlage, deren silberne Bahnen in der Sonne glänzen. Auch Tennisplätze sind da. Nur wenige Meter entfernt ziehen Hobbygärtner auf abgetrennten Feldern Obst und Gemüse.

Am Infopoint gegenüber dem S-Bahnhof Tempelhof sammeln sich junge Leute mit langen Holzkeulen in den Händen, nehmen Aufstellung am Rand eines schmalen Feldes: „Fang & Abwurf Berlin“, sind Schlagball-Enthusiasten. Jeden Sonntag von 17 bis 19 Uhr treffen sie sich hier, mal kommen zehn, mal 20 Spieler. Das Spiel sieht aus wie Baseball, ist dem auch ziemlich ähnlich – und erinnert an Brennball oder Völkerball. Weil das jeder mal in der Schule gespielt hat, finden sich Anfänger beim Schlagball schnell zurecht. Wer mitmachen will, kommt einfach vorbei. Keulen und Bälle bringen Organisatoren mit.

Die ehemaligen Startbahnen schätzen vor allem Inline-Skater. Kilometerweit rollen sie hier über die glatten Routen, ohne Stolperfallen, ohne das Berlin-typische Kopfsteinpflaster. Eine Runde ums Feld misst acht Kilometer. „Das ist einfach die beste Skatestrecke Berlins“, sagt Erzieherin Annika Schanowski. Roger Schmidt hingegen belebt den Himmel über Tempelhof. Er lenkt seinen großen Drachen an einer hellen Kordel. „Hier ist genügend Platz, der Wind ist perfekt“, schwärmt er. ibr, cmz, kst

Das Tempelhofer Feld ist täglich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang geöffnet, im Juli von 6 bis 22.30 Uhr. Anfahrt: U6 bis Platz der Luftbrücke, Paradestraße oder Tempelhof; S41, S42, S46 oder S47 bis Tempelhof. Eingänge zum Beispiel am Tempelhofer Damm und Columbiadamm. Eintritt frei.