Ausflugsserie

Nur der Fährmann weiß hier alles

Seit vier Generationen bringt Karsten Grunow Menschen und ihre Fahrzeuge von einem Ufer der Havel ans andere. Das ist nicht ganz so einfach, wie es auf den ersten Blick anmutet. Andere Städte haben einen Marktplatz - Caputh hat die Fähre. Sie ist ein Zentrum des sozialen Lebens.

Unter der Last des grünen Lkw geht die Tussy in die Knie. Einen Augenblick lang verliert das Deck den Kontakt zur Rampe, erst dann kommt der Gegendruck der Havel, und der Spalt schließt sich wieder. Noch fünf weitere Wagen können auf die 23 Meter lange Fähre rollen, bis sie voll ist. Der dicke Grüne nimmt viel Platz weg. Geschäftig läuft Karsten Grunow zwischen den Fahrzeugen hin und her, winkt die Fahrer an den richtigen Standort. "Schön die Handbremse anziehen", ermahnt er eine ältere Dame noch, dann schließt er per Knopfdruck die Schranke, schiebt einen Hebel nach oben, und die Tussy II legt langsam ab.

Abkassieren, einweisen, Schranke schließen, übersetzen, anlegen, Schranke öffnen. Diese kurze Choreographie wiederholt sich hier am Caputher Gemünde, wo die Havel aus dem Templiner See träge in den Schwielowsee fließt, einige Dutzend Mal am Tag. "Das sieht für einen Außenstehenden einfach aus", sagt Karsten Grunow "aber ich muss darauf achten, dass alle bezahlen, dass der Sicherheitsabstand zwischen den Autos stimmt, dass ich das Seil im richtigen Moment ablasse."

Seit 18 Jahren ist Grunow hier Fährmann. Vor ihm waren es seine Eltern, davor der Großvater und der Urgroßvater. Für Genauigkeit und Zuverlässigkeit steht seine Familie seit vier Generationen. Die Tussy II ist eine Wagenseilfähre: An einer Stahltrosse wird sie über das Wasser gezogen, sobald sie anlegt, sinkt das Seil nach unten. Erst dann können andere Schiffe passieren - und das sind viele.

Im Fährhaus sitzen, Schiffe zählen

Die Übergangstelle zwischen Caputh und dem gegenüberliegenden Geltow ist ein Nadelöhr. Die Passagierschiffe der Weißen Flotte, die Sommerausflügler von Potsdam nach Werder chauffieren, müssen hier genauso durch wie die Segel- und Motoryachten der besser betuchten Einheimischen oder die Touristen, die sich ein Stück flussaufwärts bei Moisl's Bootsverleih ein Kanu gemietet haben. Dazu all die Fahrradfahrer, Wanderer und Autofahrer, die nicht erst den ganzen Schwielowsee umrunden wollen, um auf die andere Seite des Gemündes zu kommen. Jeder will hier möglichst schnell passieren, und die Vorfahrtsregeln sind nicht immer klar. Wenn sich ein Privatboot zu dreist an der Fähre vorbeidrängeln will, lässt Grunow auch mal das Horn trompeten. Das hilft meistens, aber nicht immer. Erst im vergangenen Sommer hat ein Kielboot unter Wasser das zwei Zentimeter dicke Stahlseil durchtrennt, an dem sich die Fähre von Ufer zu Ufer zieht, weil es der Kapitän eilig hatte.

Doch derlei Dramatisches geschieht selten, meist pendelt die Fähre ungestört von hüben nach drüben. Bei Sonnenschein sitzen dann nebenan die Gäste auf der weiß gestrichenen Terrasse des Fährhaus Caputh und beobachten über ihren Kuchenteller hinweg, was sich so tut auf dem Wasser. Fähre und Fährhaus sind zwei getrennte Geschäfte, aber man versteht sich und hilft einander. "Meine Fährmänner kriegen schon mal morgens einen Kaffee oder ein Brötchen, dafür hilft dann einer im Restaurant, irgendwelche Maschinen zu reparieren", sagt Grunow und guckt dabei zufrieden über seine Fähre.

Ihren Namen hat diese einigen Caputhern zu verdanken, die in den 80er-Jahren am Tresen des Fährhauses auf "die Tussy" schimpften, wenn die bis dahin namenlose Vorgängerin mal wieder streikte. Seit 2007 liegt die knallrote Tussy I - Baujahr 1942 - auf der Geltower Uferseite im Trockenen. Karsten Grunow hat für sie den Status eines "technischen Denkmals" erwirkt, eine Infotafel gibt Besuchern Auskunft über Gewicht, Motor und Ladefläche. "Die Fähre zu verschrotten, das wäre überhaupt nicht in Frage gekommen", sagt der Fährmann. Ein Familienmitglied sortiert man eben nicht einfach so aus.

Fähre statt Marktplatz

Überhaupt geht es hier familiär zu. Andere Orte haben einen Marktplatz. Caputh hat den Fähranleger. Hier trifft man sich und plauscht. Mit jedem zweiten Autofahrer wechselt Grunow ein paar Worte, fragt, warum sich der Ehemann schon lange nicht mehr hat blicken lassen - er fährt derzeit direkt über die B 1 nach Potsdam - oder berichtet dem Schuljungen auf dem Beifahrersitz, dass alle seine Freunde schon auf der anderen Seite sind. Und wenn Grunow während der Überfahrt in seinem winzigen Führerhaus steht, einen Schluck Kaffee trinkt und mit dem nächsten Ausflugsdampfer funkt, plaudern die Reisenden untereinander durch die geöffneten Autofenster weiter.

Seinem Bürojob im Rechenzentrum von Teltow hat der einstige Facharbeiter für Datenverarbeitung in den vergangenen 18 Jahren keine Sekunde lang nachgetrauert. "Am Sonntagmorgen, wenn die Sonne aufgeht und nur ein paar Angler rüber wollen, dann ist die Arbeit auf dem Wasser am schönsten. Und: Ich bin immer mein eigener Chef", sagt Grunow. Zur Hälfte gehört der Fährbetrieb ihm, die andere Hälfte gehört noch Ursel Grunow, das ist seine Mutter und bis heute die einzige Fährfrau von Caputh.

Caputh sehen und sich verlieben

Als Unternehmer ist Karsten Grunow auch im Ortsbeirat und der Gemeindevertretung aktiv. So weiß er, dass der Ort profitiert vom anhaltenden Zuzug neuer Anwohner aus ganz Deutschland und von noch weiter her. Viele haben sich schon beim ersten Besuch in eines der kleinen alten Häuser im Ortskern, ein Grundstück in Ufernähe oder eine der Gründerzeitvillen auf dem Krähenberg verliebt.

Direkt neben der Scheune des Fährhauses steht auch eine Villa, Grunow ging als Kind darin zum Kindergarten. Eben habe ein reicher Monegasse sie für zwei Millionen Euro renoviert, erzählt der Fährmann und fügt hinzu: "Ich hätte die auch gekauft, wenn ich das Geld gehabt hätte." Doch Millionär werde man in seinem Job nicht.

Dabei sind die Fährleute von Caputh sehr wohl clevere Unternehmer. Urahn Wilhelm Bastian setzte 1850 seine hohen Fahrpreise beim königlichen Finanzminister durch, weil der keinen anderen fand, der den Fährbetrieb am Gemünde aufbauen wollte. Und als Karsten Grunow vor ein paar Jahren keine Baugenehmigung für einen Gastronomiebetrieb auf dem Familiengrundstück am linken Rand des Fähranlegers bekommen sollte, beschwerte er sich kurzerhand beim damaligen brandenburgischen Wirtschaftsminister. Und konnte bald darauf die Pizzeria Portofino mitsamt dazugehöriger Eisdiele bauen, die heute seine Schwester und deren Mann betreiben.

Paradies an drei Seen

Wie sehr das Leben des Fährmanns mit der weiß-blauen Tussy II und dem Fähranleger verbunden ist, merkt er selbst am schmerzlichsten, wenn er seinen paradiesisch an drei Seen gelegenen Heimatort verlässt. "Im letzten Winter war ich mit meiner Freundin auf Bali und musste ihr versprechen, nur einmal am Abend auf das Handy zu gucken", erzählt Grunow und lacht verschmitzt aus seinen blauen Augen. Zwar vertraut er seinen vier Kollegen, die gemeinsam mit ihm den Fährbetrieb an 365 Tagen im Jahr am Laufen halten. Aber trotzdem: Es könnte ja was mit der Fähre sein. Und die, sagt Grunow, die sei schließlich sein Leben.

Fähre Caputh , zwischen Straße der Einheit (Caputh) und Geltower Chaussee (Geltow), Überfahrt Pkw 2 Euro, Beifahrer, Fahrradfahrer und Fußgänger 0,50 Euro

Fährhaus Caputh , Apr.-Okt., tgl. ab 12 Uhr, Straße der Einheit 88, 14548 Schwielowsee, Tel.033 209/702 03. Im Jahr 1904 sollen hier die ersten Gäste gespeist haben. Heute sitzt man idyllisch auf der weißen Holzterrasse und hat die Wahl zwischen Fisch, Braten oder Streuselkuchen. In der Kunstremise zeigen wechselnde Künstler ihre Werke.