Serie "Das ist Berlin"

In Treptow finden Spaziergänger Freiheit

| Lesedauer: 7 Minuten
Regina Köhler

Es gibt hier keine hippen Restaurants, keine schicken Cafés wie in der Innenstadt. Dafür aber viel Wald und Wasser. Wer die Ortsteile Alt-Treptow, Plänterwald und Baumschulenweg für sich entdeckt, der zieht oftmals nicht wieder weg. So wie Irmgard Nordmann.

Vom Kreuzberger Szenekiez rund um den U-Bahnhof Schlesisches Tor sind es nur ein paar Hundert Meter bis nach Alt-Treptow – dem Tor des größten Berliner Flächenbezirks, Treptow-Köpenick – zur Innenstadt. Betrachtet man den Stadtplan, ragen die drei im Nordwesten des Bezirks gelegenen Ortsteile Alt-Treptow, Plänterwald und Baumschulenweg wie ein Stachel in das urbane Innere Berlins. Das Verhältnis von Grün zu Grau, von Wiese zu Beton fällt hier bereits eindeutig zugunsten der Natur aus.

Besonders deutlich wird das, steht man auf der Elsenbrücke und schaut gen Süden auf Treptower Park und Plänterwald: Die gläsernen Treptower im Rücken, im Blick ein Meer aus Baumkronen, aus dem sich das obere Halbrund des Spreepark-Riesenrads erhebt.

Wer sich von hier aus – immer der Nase nach – in Bewegung setzt, läuft entweder direkt am Spreeufer oder die Puschkinallee hinunter, entlang der Achse, die Alt-Treptow, Plänterwald und Baumschulenweg verbindet.

Die Allee mit ihren hoch gewachsenen alten Platanen führt vorbei am Traditionsbiergarten „Zenner“ sowie an der Archenhold-Sternwarte und am ehemaligen Treptower Rathaus, bevor sie in die Schlusskurve geht und ihren Namen in Baumschulenstraße ändert.

Wer in Baumschulenweg angekommen ist, hat die Metropole hinter sich gelassen, Berlin aber noch längst nicht. Wer bleibt, findet ruhige Nebenstraßen, idyllische Plätze am Wasser und den Wald vor der Tür. Geblieben ist Irmgard Nordmann. Sie ist 76 Jahre alt und so lange lebt sie auch schon in Baumschulenweg.

Frau Nordmann ist hier geboren, im Reihenhaus Ernststraße 13. „In diesem Zimmer“, sagt die alte Dame und zeigt auf ihr heutiges Schlafzimmer. Sie hat ihr Elternhaus nie verlassen. Heute teilt sie es mit der Familie von Enkeltochter Ines, die ebenfalls in der Ernststraße aufgewachsen ist. Geht es nach den Gepflogenheiten der echten Baumschulenweger, wird auch Urenkelin Nele dem Ortsteil die Treue halten und später das Reihenhaus übernehmen.

Irmgard Nordmann ist sicherlich ein Einzelfall, aber in guter Gesellschaft. Wer einmal den Kiez für sich entdeckt hat, zieht selten wieder weg. Tordis Kober, Gemeindefürsorgerin der Kirchgemeinde Baumschulenweg, kann das nur bestätigen. Täglich hat die 42-Jährige, die selbst seit ihrer Kindheit im Kiez lebt, mit Menschen zu tun, für die Baumschulenweg seit Jahrzehnten das Zuhause ist. Und die nächsten kommen schon: „Neuerdings ziehen viele junge Familien hierher“, sagt sie.

Nicht nur für Tordis Kober steht fest: Baumschulenweger ist man aus Überzeugung. Dann stört einen nicht, dass es hier kein angesagtes Restaurant gibt, keinen Feinkostladen, nicht mal ein richtiges Café. Dann sagt man wie Irmgard Nordmann: „Wir haben hier doch alles.“ Und meint vor allem den Garten hinterm Haus und das viele Grün vor der Tür. Wer wie die 76-Jährige in einer der kleinen Nebenstraßen lebt, der wird morgens von Vogelgesang geweckt, kann abends vor der Haustür im Vorgarten sitzen.

Vor dem Frühstück ziehen viele hier ihre Sportsachen an und laufen einfach los – in die Königsheide oder den Plänterwald, je nachdem, ob es eher an der Spree entlang oder mitten durch den Wald gehen soll.

Seinen Namen verdankt der Ortsteil dem erfolgreichen Unternehmer Franz Späth, der 1861 als 24-Jähriger das väterliche Gelände auf den ehemaligen Kämmereiwiesen zwischen den heutigen Berliner Ortsteilen Britz und Johannisthal übernahm und aus der seit Generationen im Familienbesitz befindlichen Gärtnerei die damals weltgrößte Baumschule machte. Bald waren dort mehr als 250 Mitarbeiter beschäftigt. Viele von ihnen siedelten sich im Gebiet rund um die Baumschule an, das 1891 offiziell Baumschulenweg genannt wurde.

Bäume sind auch das Markenzeichen des sich anschließenden Ortsteils Plänterwald. Es gibt zwar keinen direkten Ortskern, dafür aber das große Waldgebiet mit vielen Spazierwegen, einem Spielplatz und der Waldschule Plänterwald, die neben Projekten für Kita-Kinder und Schüler sogar Familienwandertage anbietet.

Während in den Plattenbauten vom Typ Q3A vor allem ältere Menschen leben, haben inzwischen auch junge Familien Plänterwald für sich entdeckt. Sie zieht es in die großen alten Stadtvillen an der Straße Am Treptower Park. „Das ist hier wie in Charlottenburg, nur nicht so teuer“, sagt eine junge Frau mit Kinderwagen. Die Wohnungen seien riesig groß, der Park gleich gegenüber. „Und in zehn Minuten bist du mitten in der Stadt.“ Sie und ihr Mann seien aus Köln hergezogen und ganz verliebt in diesen Kiez.

„Ein schönes Café haben wir jetzt auch.“, Die junge Frau zeigt auf das „Café Am Treptower Park“, an der Ecke Moosdorfstraße 1. Geschäftsführerin Stefanie Auer ist aus München zugezogen. Seit April wohnt sie im Haus über ihrem Café. „In zwei Jahren brummt die Gegend hier“, ist Auer überzeugt und schwärmt von dem Viertel und seinen freundlichen Bewohnern. Die 47-Jährige will durchhalten, zumal täglich mehr Besucher ihr Café entdecken. Ihr selbst gemachter Käsekuchen hat es jedenfalls bereits zu lokalem Ruhm gebracht. „Der ist oft noch nicht mal abgekühlt und schon wieder alle“, sagt Auer.

Ob jung oder alt, eines haben die Menschen hier gemeinsam, sie gehen gern spazieren. Sonntags zum Beispiel, bei fast jedem Wetter. Besonders beliebt ist der Uferweg, der Baumschulenweg mit Alt-Treptow und Plänterwald verbindet. Verliebte lustwandeln hier, Leute mit Hund, Familien mit kleinen Kindern, ältere Semester, die sich ab und zu auf einer der Bänke ausruhen müssen. Und natürlich die Sportiven.

Wer danach Kaffee trinken will, kann auch zu „Zenner“ gehen, wo sich bei sonnigem Wetter wie vor hundert Jahren Familien um Gartentische scharen – selbst im Winter. Die Live-Musik-Saison ist leider für dieses Jahr vorüber, doch im nächsten Frühjahr werden wieder Paare jeden Alters zu Gassenhauern auf der Terrasse tanzen – ein Muss!

Auf dem Weg zum „Zenner“ kommen die Spaziergänger auch am Eierhäuschen vorbei. Das einstige Restaurant mit Türmchen und großer Holzveranda könnte das Ausflugslokal Treptows werden, wenn es denn endlich von einem tatkräftigen Betreiber entdeckt werden würde – jemanden wie Stefanie Auer zum Beispiel, der sich auf der Stelle in den Kiez verliebt.

>>> Nächste Folge der Serie "Das ist Berlin": Hakenfelde und Falkenhagener Feld