Das ist Berlin

Über Sturköpfe und Langschläfer

Sie sind ganz schön knorrig, die Menschen in Berlins hohem Osten. Hier liegen vier völlig verschiedene Ortsteile: Blankenfelde, Lübars, Rosenthal und Niederschönhausen. Man redet übereinander. Aber man versteht sich trotzdem.

Kommt Blankenfeldern bloß nie mit Lübars. Dem „einzigen Berliner Dorf“, wie es oft heißt. Denn, so Dorfchronistin Maritta Schöne (64): „Blankenfelde ist viel dörflicher, als einziger Ortsteil Berlins rings von Wiesen und Grün umgeben – sechs Kilometer weit bis zum Stadtrand. Und mindestens genauso alt wie Lübars.“ Sie kann sich darüber aufregen – und dabei ist sie nicht einmal eine Einheimische: „Ich wohn ja erst seit 40 Jahren hier …“

Lübars hatte aber einen Vorteil: Zu Mauerzeiten kamen hier die Sonntagsausflügler aus dem Westen hin. Nach Blankenfelde nur die West-Abwässer, auf die Rieselfelder – bis 1985 roch es manchmal recht streng.

Blankenfelde besteht aus drei Teilen: der Stadtrand-Siedlung, die mit der Nase schon an Brandenburg stößt (aus den 30er-Jahren). Dem Stadtgut (1519 erstmals erwähnt), seit 2004 von einem Verein übernommen. Und dem harten Dorfkern von 240 Einwohnern.

Detlev Lindner (43) stammt aus der ältesten Familie des Ortes. Nach dem Dreißigjährigen Krieg lebten noch sechs Blankenfelder, darunter die Stammmutter der Neuendorfs/Lindners. Er erklärt Blankenfelde: „90 Prozent von denen, die hier geboren werden, bleiben hier. Wir sind ein wenig stur, behalten das Bewährte.“

Zwei Häuser weiter steht Nachbar Werner Neuendorf (73, über die Großeltern mit Lindner verwandt) abends vor seinem Gehöft und grüßt die Spaziergänger. Er hat, für Blankenfelder Verhältnisse, Anfang der 60er-Jahre eine Exotin geheiratet: Seine Elvira stammt aus Neukölln. Eigentlich heiratete man damals höchstens noch nach Rosenthal.

Seit dem 18. Jahrhundert gehört das Land an der Hauptstraße der Familie – und die Familie dem Land: „Ich konnte ja nie weggehen aus der DDR – die Roten hätten mir ja alles kaputt gemacht.“ Nach der Wende machte Sohn Andrej (42) seinen Reiterhof auf. Auch er sagt: „Weggehen – nie. Das Dorf gehört zusammen.“ Wenn sie am 25. Dezember zum Beispiel alle zusammen zum Weihnachtsritt aufbrechen. Sie reiten jeden alten Familienhof an, an jeder Station gibt es einen Schnaps. Zehn ungefähr schafft man, bevor man Ross und Reiter nicht mehr kennt.

Der Unterschied zu Rosenthal? Lindner: „Die sind verstädtert.“ Werner Neuendorf: „Städter erkennt man daran, dass sie sonntags gern bis zehn schlafen. Und die Straße nicht fegen.“ Alt-Blankenfelder stehen um sechs auf – die Tiere warten ja.

In Blankenfelde gälte Andreas Dittmann (52) wohl als Zuzügler – seine Familie hat „Dittmann’s Gaststätte“ in Rosenthal erst seit vier Generationen, 116 Jahren. Hier gibt es hausgemachtes Würzfleisch zu 3,80, Eisbein mit Erbspüree (7 Euro) läuft auch immer, und das Bier kostet 1,10 Euro. Dittmann: „Für Fremde ist Rosenthal ein unbedeutendes Nest. Für uns einfach schön, zwischen Stadt und Dorf.“

Der Unterschied zum nahen Niederschönhausen? „Das ist doch schon Stadt. Da wohnen eher die feineren Leute, Künstler. Und früher – die anderen.“ Die anderen – das waren Wilhelm Pieck (1876–1960) und seine Parteigenossen. Der erste und einzige Präsident der DDR residierte ab 1949 im Schlossbau von 1764. In den Villen am Majakowski-Ring ließen sich die Ulbrichts nieder.

Nur acht Minuten Fußweg entfernt in der Künstlerkolonie wohnt die Sportreporter-Legende des Ostens, Heinz-Florian Oertel (80), mit Blick auf das Atelierhaus von Ruthild Hahne (1910–2001). Heute lebt dort der Sohn der Bildhauerin. Dr. Stefan Hahne (62) ist Ägyptologe. Von 6 bis 15 Uhr erforscht er die Hieroglyphen, die Nachmittage gehören dem Atelier-Haus: „Manche melden sich zur Führung an, aber viele Spaziergänger klingeln auch spontan bei uns an der Haustür.“

Werner Otto (60), Tandem-Weltmeister, zurzeit Senioren-Vizeweltmeister bei den Radlern, hat seit 1991 ein Velo-Geschäft am Pastor-Niemöller-Platz. „Unser Laden liegt auf dem Weg zur Post. Da kommen viele auch einfach auf einen Schwatz rein.“ Das Besondere an den Leuten nebenan in Wilhelmsruh? Sportler Otto: „Da sind doch die Fußballer!“

347 Mitglieder hat der Fußballclub Concordia Wilhelmsruh, 220 davon sind Kinder – „der größte reine Fußballverein Pankows“, sagt der Vorsitzende Jan Meißner (36). Rechnet man die Väter, Mütter, Großeltern, die man für den Fahrdienst zu den Spielen braucht, zum Jubeln oder zum Trösten hinzu – die dritte E-Jugend (neun bis zehn) beendete diese Saison mit null Punkten und 289 Gegentoren –, gehört mindestens jeder Zweite in Wilhelmsruh irgendwie zu Concordia. Meißner: „Das war schon immer so. Die Colonie Wilhelmsruh wurde 1893 gegründet – die Concordia schon zwei Jahre später.“

Der Unterschied zwischen Wilhelmsruh und den Blankenfeldern? „Das sind gar keine Berliner. Wollen die auch nicht sein. Das sind einfach Blankenfelder.“

Bei allen Unterschieden – sie verstehen sich …

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