Serie "Das ist Berlin"

Spandauer sind eigentlich gar keine Berliner

Spandau ist, allen Veränderungen zum Trotz, eine Kleinstadt geblieben. Hier kennt jeder jeden, sagt man. Der Stolz der Havelstädter ist legendär, denn ihr Ortsteil ist älter als Berlin. Und obwohl sie waschechte Berliner sind, sind Spandauer dann eben doch ein ganz eigenes Völkchen.

Die Spandauer Altstadt ist ein Hort der Beständigkeit. Hier, am Strand der Havel, wo sich die schönen Altstadtgassen und -häuser aneinanderreihen, trotzte man allzeit Katastrophen und Herausforderungen. Dabei musste sich die Altstadt immer wieder neu erfinden. Das war nach dem Zweiten Weltkrieg so, als sie beinahe komplett wiederaufgebaut werden musste, und nach der Sanierung der Altstadt, die 1978 begann. Das war aber auch 2001 nicht anders, als mit der Eröffnung des Shoppingcenters Spandau Arcaden ein Konkurrenzkampf begann, der einige Geschäfte zur Aufgabe, andere zum Wechsel zwang.

Katrin Germershausen hat Spandau mit dem ältesten Familienunternehmen der Altstadt die Treue gehalten. In vierter Generation bietet das Juweliergeschäft Brose an der Breiten Straße Uhren und Schmuck an, seit Germershausens Urgroßvater Wilhelm Brose 1889 seinen Laden am Markt eröffnete. „Ich habe immer die kurzen Wege geliebt. Und das ist hier möglich“, sagt die 50-jährige Goldschmiedemeisterin. Sie ist in dem Haus aufgewachsen und bietet heute nebenbei in der Galerie Spandow Kulturveranstaltungen an. „Spandau ist unglaublich familiär, man kennt sich und trifft sich überall wieder.“

Tradition und Moderne

Schräg gegenüber von Broses, direkt am Markt, muss man noch eine Generation aufholen: Im Café „Fester“ führt Heike Rödiger die Geschäfte. 1928 hatte der Großvater, Konditor Hellmuth Fester, das Kaffeehaus begründet. Tradition und Moderne – das macht das Flair der Spandauer Altstadt aus. Hier schlägt das Herz des Ortsteils. Und wenn Heike Rödiger sagt: „Spandau ist das charmante Pendant zur Weltstadt Berlin“, so gibt sie damit das Lebensgefühl der Spandauer wieder. Sie lieben ihren Bezirk, der ja älter (erstmals urkundlich erwähnt 1197) ist als Berlin (1237), ihre Altstadt, das Drumherum. Die Heimatverbundenheit der Spandauer ist legendär. Wer als Spandauer „in die Stadt fährt“, spricht davon, dass er in die Spandauer Altstadt fährt, berichtet Heimatkundler Karl-Heinz Bannasch. Wer zum Kudamm will, der aber fährt „nach Berlin“.

Touristenmagnet Sankt-Nikolai-Kirche

Die historische Altstadt mit ihrem Kopfsteinpflaster ist Einkaufsmeile mit vielen kleinen Geschäften, aber auch Anziehungspunkt für Touristen. Inmitten der Altstadt ragt die Kirche Sankt Nikolai hervor. Sie wurde im 15.Jahrhundert auf einem alten Sakralgebäude errichtet. Am Rande des Platzes wetteifern eine Weinhandlung, Döner-Imbisse und Cafés um Kunden. Um die Ecke, noch einmal zurück an der Breiten Straße, steht das älteste Wohnhaus Berlins, das Gotische Haus von 1500, das heute die Spandau-Information beherbergt.

Wer hier shoppen oder schlemmen will, findet überall ein Plätzchen. In den Cafés und Pizzerien ist in den Jahren auch die eine oder andere Liebe entstanden. Ein halbes Arbeitsleben haben einige hier verbracht. Und es lockt sie immer wieder zurück. Die Altstadt hat an Attraktivität aber auch zunehmend gewonnen. Viermal in der Woche lockt der Havelländische Land- und Bauernmarkt auf den Marktplatz. „Das Geschäft läuft gut, die Spandauer Altstadt ist etwas Besonderes“, sagt Blumenhändler Lahattin Kesici, der seit 13 Jahren einen Stand an der Carl-Schurz-Straße betreibt.

Die Carl-Schurz-Straße führt auf der einen Seite zum Verkehrsknotenpunkt am Rathaus. Hier halten etliche Buslinien und die U-Bahn-Linie7, gegenüber im Bahnhof auch der eine oder andere ICE. Zu Fuß erreichbar ist das stadtweit bekannt Eiscafé „Florida“. Auf der anderen Seite der Carl-Schurz-Straße führt der Weg zur Spandauer Zitadelle über Kolk und Behnitz. Es ist das älteste erhaltene Siedlungsgebiet und besitzt auch noch den letzten, 30 Meter langen Rest der mittelalterlichen Stadtmauer.

Der Glanz der Altstadt hat auf die umliegenden Gebiete – fern von Münsinger- und Wröhmännerpark – nicht abgefärbt. Im Osten grenzt die Vorstadt Stresow an das alte Spandau. Sanierte Häuser kopieren den Charme der Altstadt. Doch auf der anderen Seite, im Westen, haben sich längst Industriegebiete und Ausfallstraßen wie der Brunsbütteler Damm breitgemacht. Wirtschaftskrise und Industrierückzug haben ihre Spuren hinterlassen. Im Norden bildete sich im 19.Jahrhundert zwischen Neuendorfer Straße und Falkenseer Damm die Neustadt. Heute ist sie das Sorgenkind des gesamten Bezirks Spandau. Ein Quartiermanagement soll wieder Leben in die attraktive, doch sanierungsbedürftige Gegend bringen. Die Arbeitslosigkeit, besonders unter Jugendlichen, ist hoch, der Anteil der Migranten ebenso.

Der Pfarrer der Luther-Gemeinde, Peter Kranz, wirkt hier seit 1986. „Ohne die vielen Initiativen wäre die Neustadt längst in einem schlimmeren Zustand“, sagt Kranz. Er hat die Neustadt dennoch lieb gewonnen, denn mit wenigen Mitteln sei viel zu erreichen. „Es gibt keinen Stadtteil, in dem es eine so gute Kooperation zwischen den Menschen gibt“, sagt er.

Im Zentrum steht das kirchliche Paul-Schneider-Haus, wo viele Aktivitäten gebündelt werden. Im Koeltzepark betreibt der Bund Deutscher PfadfinderInnen ein Jugendfreizeitheim, es gibt einen Laden für Arbeitslose, einen für Frauen und einen Mädchentreff. Anne Düren ist vor 22 Jahren hierher gezogen. „Es ist ein internationales Völkergemisch. Wegen dieses besonderen Flairs bin ich damals gekommen“, sagt sie. Sie wohnt am Lutherplatz. Dort versucht man gerade, die örtliche Trinkerszene in den Griff zu bekommen.

Projekt "Stark ohne Gewalt“

„Ich liebe die Häuser aus der Gründerzeit.“ Mehmet Gögce, Junior-Chef des Lebensmittelgeschäfts am Lutherplatz, schwärmt: „Im Sommer ist es rund um den Lutherplatz am schönsten.“ Dennoch waren die Probleme mit Jugendgangs eines Tages so groß, dass Polizei und Anwohner das Projekt „Stark ohne Gewalt“ gründeten, um die Neustadt zu befrieden. Nun laufen Polizisten und Jugendliche gemeinsam Streife. „Das ist sehr gut gelungen“, sagt Initiator Raed Saleh.

Pfarrer Kranz hat seither eine Vision: Die Neustadt sollte ihr internationales Flair besser nutzen und etwas aus ihrer Vielseitigkeit machen. Dann würde es neben den Kneipen „Feuerwasser“, „Zum fröhlichen Zecher“ und „Zur gemütlichen Quelle“ bald auch mehr Feinkostläden und Spezialitätenrestaurants geben – wie die Altstadt würde sich dann auch die Neustadt wieder neu erfinden.

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