Serie "Das ist Berlin"

Hermsdorf liegt abseits aller Aufgeregtheit

Der Ortsteil ist, teilweise jedenfalls, das Produkt von Grundstücksspekulationen der Gründerzeit. Heute liegen Hermsdorf und Waidmannslust im Nordrand von Berlin. Grün ist die dominierende Farbe. Doch in die City braucht man keine halbe Stunde.

Die Geschichte beginnt mit einem Betrug. Beteiligt sind ein Förster, ein Gutsbesitzer und eine Bäuerin. Wir schreiben das Jahr 1875 – die Gründerzeit ist angebrochen, die Hauptstadt boomt, und Ernst Bondick wittert die Chance seines Lebens. Sein Chef, der Hermsdorfer Gutsbesitzer Leopold Lessing, suchte einen Platz, um Holz zu lagern. Er erteilte Bondick den Auftrag, ein Stück Land des verstorbenen Lübarser Bauern Knobbe zu kaufen. Dessen Witwe aber wollte nur den ganzen, 64 Morgen großen „Heideplan“ veräußern. Bondick beschloss, auf eigene Rechnung zu handeln. Er lieh sich Geld und erwarb das Land am Steinberg zu einem recht günstigen Preis, um später einzelne Grundstücke zu verkaufen.

Der Förster handelte auf eigenes Risiko

Ein Förster als Spekulant. Der Gutsbesitzer sah sich hintergangen und entließ Bondick. Der eröffnete schließlich die Gastwirtschaft „Waidmannslust“, um potenziellen Käufern aus Berlin gewissermaßen nebenbei die Parzellen schmackhaft zu machen. Der Verkauf kam nur zögerlich in Gang, weil die privaten Nordbahn-Betreiber (auf den Gleisen fährt heute die S-Bahn) keine Haltestelle einrichten wollten. Die kam erst 1884. Als Bondick acht Jahre später starb, lebten 389 Menschen in der von ihm begründeten Landhauskolonie, die damals zur Gemeinde Lübars gehörte.

Und heute? Ist Waidmannslust ein Ortsteil des Bezirks Reinickendorf. Die Lage zwischen S-Bahn und Autobahn, zwischen dem Naturschutzgebiet Tegeler Fließ und dem Steinbergpark samt Rodelbahn ist gleichermaßen verkehrsgünstig wie attraktiv. Einzig das Zentrum fehlt.

Das gibt es zweifellos im benachbarten Hermsdorf, das auf eine deutlich längere Geschichte zurückblicken kann. Dort ist die Heinsestraße der Mittelpunkt. Eine vorstädtische Einkaufsmeile. Natürlich nicht zu vergleichen mit Kudamm oder Tauentzien, aber das Angebot deckt deutlich mehr als den Grundbedarf ab. Ins Auge fällt die hohe Dichte an Drogeriemärkten, die nur durch die Zahl der Bankfilialen getoppt wird: Fünf Geldinstitute buhlen an der Heinsestraße um Kunden. Es gibt lediglich einen Supermarkt, aber doppelt so viele Buchhandlungen.

Am Wochenende trifft man sich – freiwillig oder unfreiwillig – beim Anstehen vor der Konditorei Laufer, vor der italienischen Eisdiele oder auch im Garten der evangelischen Kirchengemeinde an der Wachsmuthstraße, wo das Public Viewing während der Fußball-Europameisterschaft für einen Andrang sorgte wie sonst nur bei Konfirmationen. Auf der Post begrüßt der Schalterbeamte die ihm bekannten Kunden mit einem flotten Spruch, im Feinkostladen Michaelis wissen die Verkäufer um die Vorlieben ihrer Gäste – und bringen den Einkauf auch bis zum Auto.

In gewisser Weise ist Hermsdorf dreigeteilt. Die S-Bahn und die B 96 durchschneiden den Ortsteil, der dadurch in einen westlichen, einen mittleren und einen östlichen zerfällt. Architektonisch dominieren Ein- und Zweifamilienhäuser, es gibt aber auch Villen, prachtvoll verzierte Bürgerhäuser aus dem vorletzten Jahrhundert und Bausünden jüngeren Datums. Einheitlich ist hier nur die Uneinheitlichkeit.

Das Klischee vom ruhigen und beschaulichen Leben trifft natürlich nicht immer zu. Dank mehrerer Schulen im Umkreis und besorgter Eltern, die ihre Sprösslinge mit dem Auto bringen, kommt es allmorgendlich zu wilden Szenen in der Artemisstraße. Die ihren Höhepunkt erreichen, wenn zwischen parkenden, haltenden und ausweichenden Autos auch noch die Müllabfuhr aufkreuzt. Dann ist soziale Kompetenz gefragt.

Und Gottvertrauen oder ein unattraktives Modell braucht, wer sein Fahrrad am S-Bahnhof Waidmannslust abstellt: Schlösser von schnieken BMX-Rädern sind dort schneller geknackt, als der Coffee to go ausgetrunken ist. Die hohe Lebensqualität freilich beeinträchtigen solche temporären Ärgernisse nicht. Mit dem Fließ (ein beliebter Ort zum Walken, Joggen, Spazierengehen oder Radfahren), dem Tegeler Forst (mit einer improvisierten BMX-Piste) und dem Hermsdorfer See (in strengen Wintern ein beliebter Treffpunkt für Schlittschuhläufer und Eishockeyspieler) liegt einem gewissermaßen die Natur zu Füßen.

Und auch die Hochkultur ist nicht so weit entfernt, wie Ortsfremde mutmaßen: Deutsche Oper oder Schaubühne sind in 20 Minuten mit dem Auto erreichbar, für die Theater in Mitte braucht man selbst mit der S-Bahn nur geringfügig länger.

Zum Schluss darf ein Wort zum Nachbarn und ewigen Konkurrenten Frohnau nicht fehlen: Mag dort das Ortsbild einheitlicher erscheinen und die Durchschnittseinkommen etwas höher liegen, im Fußball sind die Verhältnisse umgekehrt: Der VfB Hermsdorf spielt eine Klasse höher als der Frohnauer SC!

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