Serie "Das ist Berlin"

Weißensee ist auf dem Weg zum Szenekiez

Bertolt Brecht und Helene Weigel haben hier gelebt. Hier wurden Filme wie "Das Cabinet des Dr. Caligari" gedreht. Und auch heute ist Weißensee mehr als ein ruhiger Wohnort im Grünen. In den Nebenstraßen wächst gerade eine Kiezkultur mit kleinen Cafés, Kneipen, Geschäften und viel Kunst aller Art.

Weißensee hat fast alles, was man zum Leben braucht. Den Bäcker, den Fleischer. Den See zum Baden oder Schlittschuhlaufen. Den Park zum Spazierengehen. Geschäfte und Restaurants. Zwei Kinos. Eine Hochschule. Das Krankenhaus, die Kirche, das Seniorenheim, den Friedhof. Hier kann man ein Leben lang bleiben. Und noch länger.

Familie Klemke ist seit Generationen in Weißensee verwurzelt. „Mein Großvater hatte eine Sarg- und Möbeltischlerei an der Bizetstraße“, erzählt Christine Klemke, 57 Jahre alt, Diplom-Gebrauchsgrafikerin, Tochter des bekannten Zeichners Werner Klemke. Auch die Mutter sei an der Bizetstraße aufgewachsen. „Als meine Eltern in die Wohnung an der Tassostraße zogen, auf die andere Seite der Berliner Allee, war das schon sehr weit weg.“

In dieser Wohnung malte, zeichnetet und entwarf Werner Klemke. Dort entstand der berühmte Kater für das Titelbild des „Magazins“. Dort entstanden die Illustrationen für Boccaccios „Decamerone“, für die Klemke zum Ehrenbürger der italienischen Stadt Certaldo ernannt wurde, und die fröhlichen Zeichnungen für Kinder- und Märchenbücher. Christine Klemke ist in diesen Räumen groß geworden. Und sie lebt dort heute noch mit ihren Kindern. Sie studierte an der Kunsthochschule in Weißensee. Einen Umzug anderswohin kann sie sich nicht vorstellen. Sie ist vertraut mit den Menschen, den Straßen und Plätzen. „Die Leute kannten meinen Vater“, sagt sie. „Ich erfahre viel Freundlichkeit.“

Eine Schauspielschule mit Theaterhaus kommt

Auch Christine Klemke ist bekannt im Kiez. Durch Ausstellungen und durch die vielen Mal- und Zeichenkurse für Kinder und Erwachsene, die sie in Weißensee gibt. In Arbeitsgemeinschaften des Gymnasiums, in Grundschulen und im Atelier auf dem Hof der Tassostraße. Dort sind auch Bilder ihrer Schüler ausgestellt. Im Archiv bewahrt die Künstlerin die Arbeiten ihres Vaters auf. Sie schätzt die Ruhe von Weißensee. „Es ist kein Szenebezirk.“ Aber es könnte einer werden. Das Strandbad am Weißen See zieht junge Leute nicht nur in der Badesaison an. Auch im Herbst und Winter ist die Bar geöffnet, kann man den Blick auf den Abendhimmel genießen und es sich am Strand in Sesseln bequem machen.

Junge Leute werden auch das ehemalige Kreiskulturhaus „Peter Edel“ beleben, wenn die Bauarbeiten 2010 beendet sind. Das Gebäude zwischen Berliner Allee und dem Park am Weißen See wird Sitz der privaten Berliner Schule für Schauspiel. Es soll künftig Schauspielhaus „Die Möwe“ heißen.

Parallel zur Berliner Allee verläuft die Bizetstraße. Auch sie wird attraktiver. Wenn man von der Indira-Gandhi-Straße Richtung Antonplatz läuft, kann man unter neun Restaurants und Cafés wählen. Man findet deutsche, italienische, kubanische und indische Küche, aber auch die Sportkneipe an der Ecke und „Chez Bizet“, die Bar, die erst kürzlich eröffnet hat. Kurz vor dem Antonplatz entsteht das neue Bildungszentrum von Weißensee. Bibliothek und Volkshochschule sind bereits in einen Neubau gezogen. Ein altes Haus daneben wird zurzeit umgebaut und soll die Musikschule aufnehmen.

Auf der Rennbahn stand einst der Circus Maximus

Der Antonplatz selbst hat eine Rarität zu bieten: das Kino Toni, eröffnet 1920. Es bietet Filme, Lesungen und Diskussionen. Eigentümer ist Regisseur Michael Verhoeven, der es 1992 kaufte. Ein weiteres Kino befindet sich im Kulturzentrum „Brotfabrik“ an der Weißenseer Spitze. Zum Haus gehören eine Fotogalerie, eine Bühne und eine Kneipe. Theateraufführungen und Lesungen stehen auf dem Programm. Die „Brotfabrik“ liegt am Caligariplatz. Der Name kommt nicht von ungefähr. Denn Weißensee war vor etwa 90 Jahren berühmte Filmstadt. „Das Cabinet des Dr. Caligari“ ist in den Studios an der heutigen Liebermannstraße gedreht worden. Vor einer gewaltigen Nachbildung des römischen Circus Maximus auf der Rennbahn in Weißensee wurde 1918 der Film „Veritas vincit“ („Die Wahrheit siegt“) gedreht. Nicht nur Regisseure und Filmproduzenten, auch Dichter haben die Reize von Weißensee entdeckt. Bertolt Brecht und Helene Weigel lebten an der Berliner Allee 185. Wieland Herzfelde, Gründer des Malik-Verlages, wohnte an der Woelckpromenade.

Auch heute zieht Weißensee Menschen an. Das hat Bernd Krause beobachtet, seit 2002 Pfarrer der katholischen Sankt-Josef-Gemeinde. „Weißensee ist eine bunte Mischung von Menschen jeden Alters“, sagt der Geistliche. „Es gibt viele Geburten und viele Zuzüge.“ In seiner Gemeinde tauchen Gläubige auf, die aus Bayern oder dem Rheinland stammen. „Die gefragten Wohngegenden in Prenzlauer Berg sind voll, jetzt schwappt die Welle zu uns.“

So viele Taufen wie noch nie

Krause ist nahe der Greifswalder Straße groß geworden und kennt Weißensee seit seiner Kindheit. „Wir haben dort früher eingekauft“, sagt er. „Was es an der Klement-Gottwald-Allee (heute Berliner Allee) nicht gab, das gab es auch im übrigen Berlin nicht.“ Seit der Geistliche an der Behaimstraße lebt, hat sich viel verändert. „Als ich kam, war ein Haus in der Straße saniert, die anderen noch nicht.“ Jetzt ist es umgekehrt. Nur noch ein Gebäude ist in altem Zustand.

Der Pfarrer erzählt, er habe in diesem Jahr 40 Taufen vorgenommen. „So viele wie in keinem Jahr vorher.“ Fünf Erwachsene und 35 Kinder vollzogen das Ritual. Der Geistliche schwärmt von der katholischen Theresienschule, die nach dem Zweiten Weltkrieg wieder öffnen konnte und während der gesamten DDR-Zeit existierte.

Bernd Krause hält den Schul-Gottesdienst. Oft gestalten die Klassen den Ablauf. „Wie die Schüler das machen, davon kann auch ein Pfarrer etwas lernen“, sagt er anerkennend. Ebenso schätzt er die rege Mitarbeit der vielen Ehrenamtlichen in seiner Gemeinde. Und die Art, wie katholische, evangelische und Baptisten-Gemeinde zusammenarbeiten. „Das ist kein Kampfchristentum, sondern ein Miteinander.“

Krause erzählt vom Café am Mirbachplatz, von neuen Restaurants, von kleinen Geschäften, die sich in den Nebenstraßen von Weißensee angesiedelt haben. „Es ist wie in den Anfängen von Prenzlauer Berg, als es mit dem Szenekiez losging.“

>>> Nächste Folge der Serie "Das ist Berlin": Halensee.

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