Es gibt den Fluglärm, bei Ostwind von Tegel. Es gibt die Durchgangsstraßen, die Heinersdorf in drei Siedlungsteile zerschneiden. Trotzdem: Heinersdorf ist bequem, gewohnt, gemütlich – der warme Hausrock, nicht der Frack. Und: Im Norden Berlins entwickelt sich das Miteinander neu.

Das Haus mit Garten für die Kinder, der Friede. Deswegen kam auch die Wirtschaftsjournalistin Katharina Koufen (37) vor drei Jahren hierhin: „Wir wohnten früher in Friedrichshain. Junkies im Treppenhaus, eine Tür, die sich nicht abschließen ließ…“

Dann kam der Kulturschock. Für die jungen, zugezogenen Familien mit den Akademikerberufen – und umgekehrt für die Alteingesessenen: der Moschee-Streit. Die Ahmadiyya-Gemeinde hatte die Baugenehmigung zur ersten Moschee Ostdeutschlands erhalten, feierte am 16. Oktober Eröffnung.

Besorgte Bürger befürchteten die Islamisierung ihres Stadtteils. Andere waren eher besorgt, weil die NPD Heinersdorf entdeckte. Als die Stimmen immer schriller wurden, gründeten sie die Initiative „Heinersdorf – öffne dich“.

Aus der Toleranz-Initiative hat sich inzwischen die „Zukunftswerkstatt“ entwickelt – die Mitglieder organisieren das Dorffest und sammeln Müll ein, sammeln auch Unterschriften – für Buddelkästen – und richten ein Nachbarschaftshaus ein.

„Es ist viel Gutes aus dem bösen Streit entstanden“, sagt Werner Krätschell (68), Superintendent im Ruhestand. Er stammt aus einer alten Pfarrerdynastie. Schon der Urgroßvater war Superintendent, den Großvater holten sich die Heinersdorfer 1920 – „als sie ihr Land teuer an Berlin verkauft hatten und Rennpferde statt Ackergäule laufen ließen“. Sie bauten ihm auch ein neues Pfarrhaus – mit Atelier für die Großmutter, eine Malerin.

Johannes Krätschell wurde also Pfarrer von Heinersdorf und schrieb eine Dorfchronik. Sein Sohn Eberhard wurde Pfarrer von Heinersdorf und führte die Chronik fort. Sein Sohn Werner wurde Pfarrer – und wollte weg aus Heinersdorf.

Aber wirklich weg war er nie. Die Schulfreunde, das Elternhaus – der Moschee-Streit. Er gehörte zu den Befürwortern des Bauwerks, arbeitet in der Zukunftswerkstatt: „Heinersdorf hatte nie Sehenswürdigkeiten, etwas, das fetzt, wie der Berliner sagt. Jetzt schon – die Moschee.“

Lofts im alten Wasserturm

Martin Roth hat den Ehrgeiz, eine zweite Sehenswürdigkeit zu bauen. Während seines Studiums in Blankenburg radelte er täglich am alten Heinersdorfer Wasserturm vorbei. 1910 gebaut, gleich mit Zweitjob als Rathausturm. Im Kalten Krieg nutzten die Sowjets ihn zur Flugüberwachung. Anfang 2008 konnten Bauingenieur Roth und sein Architektenpartner Sebastian Sailer das Heinersdorfer Wahrzeichen kaufen. Sie wollen den Turm umbauen, Lofts und ein zweiter, eleganter Treppenturm sollen entstehen.

Der Weg von der Khadija-Moschee in der Tiniusstraße zur alten Dorfkirche in Französisch Buchholz beträgt 8,43 Kilometer – die Entfernung ist viel größer... Die Grundmauern bauten katholische Zisterziensermönche um 1250, 1687 kamen die ersten Glaubensflüchtlinge. Hugenotten aus Frankreich, die den Alteingesessenen das Salatessen beibrachten und die Bouillon statt der ordinären Fleischbrühe populär machten. Deswegen wollten die Buchholzer auch unbedingt ihren alten Namenszusatz (1913 gestrichen), wieder zurück. Das passierte 2001.

Vier Kilometer liegen zwischen Buchholzer Kirchweg und Kirchstraße in Blankenburg – und wieder ist es der Weg in eine eigene, abgeschlossene Welt.

Sie haben auch Probleme in Blankenburg – wenn zum Dorffest besoffene Jugendliche aus Nachbarorten auftauchen zum Beispiel oder schon vor Silvester die Knaller krachen. Martin Kasztantowiz (54) ist hier Vorsitzender des „Runden Tisches Blankenburg“. Ein bisschen zugezogen fühlt er sich aber nach 15 Jahren noch immer: „Es gibt ja auch viele über Generationen eingesessene Familien im alten Dorfkern.“

6,39 Kilometer liegen zwischen Dorfanger Blankenburg und der Stadtrandsiedlung Malchow am Schwarzelfenweg. Weiter weg von Berlin kann man in Berlin nicht sein. Hinter hohen Hecken kuscheln sich die Häuschen zwischen alte Bäume. Die Häuser sehen meist bescheiden aus, die Autos am Straßenrand schon gediegen bis teuer. Der eigentliche Luxus hier aber: Stille, Abgeschiedenheit – und Nachbarn, die dasselbe wollen...

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