Historie

Ein Hort der Unerschrockenen

In Nikolassee lebten berühmte Widerstandskämpfer und Schriftsteller – und Königin Silvia von Schweden als Kind.

Gegründet wurde Nikolassee als Villenkolonie 1901 von der HAG, der Heimstätten AG. Das Grundstück bekam sie von Prinz Friedrich Leopold von Preußen, dessen Spielsucht ihn immer wieder zum Verkauf seiner Besitzungen gezwungen haben soll. Berlin war Anfang des 20. Jahrhunderts eine boomende Stadt – und eine Stadt, in der das Bürgertum ebenso schnell wuchs wie reich wurde. Der Platz in der Innenstadt wurde knapp, und die neuen S-Bahnen lösten das Pendlerproblem auf das Bequemste. Um die Villenkolonie attraktiv zu machen, wurde 1902 der S-Bahnhof Nikolassee im altdeutschen Stil errichtet, der eher an ein Schloss denn an einen Verkehrsknotenpunkt erinnert.

Die HAG hatte kein Problem, das Areal zu vermarkten. Im Katalog tönte sie mit Pathos: „Dies bisher völlig unberührte Idyll, eines der reizendsten Stückchen Erde in der an Naturschönheiten ja nicht armen Umgebung der Reichshauptstadt, ist zur Stätte der neuen Villenkolonie ausersehen worden.“ Schnell fand eine anspruchsvolle Besiedlung statt, und bald sammelte sich hier jener Teil des Bürgertums, dem der Grunewald etwas zu repräsentativ und die Bebauung in Dahlem etwas zu verhalten war.

Während des Nationalsozialismus gelang den braunen Machthabern nur über Enteignung und Vertreibung, einen Fuß in ein ansonsten von vielen Juden und bekennenden Demokraten belebtes Viertel zu bekommen. Tragisch ist die Geschichte des Schriftstellers Jochen Klepper, der mit einer jüdischen Frau verheiratet war. Als er für seine Frau, deren Tochter und sich keinen Ausweg mehr sah, nahmen sie sich in der Nacht vom 10. auf den 11. Dezember 1942 durch Schlaftabletten und Gas gemeinsam das Leben. Heute erinnern ein Jochen-Klepper-Weg und eine Gedenktafel vor seinem Haus an der Teutonenstraße an den Schriftsteller.

Claus Schenk Graf von Stauffenberg wohnte bis zu seinem Tod zusammen mit seinem Bruder Berthold in Nikolassee, an der Tristanstraße 8–10, im zweiten Stock einer Villa mit großem Garten. In der Evangelischen Kirchengemeinde Nikolassee waren viele unerschrockene Vertreter der Bekennenden Kirche unter sich.

Eine eher unbekannte Anekdote aus der Geschichte Nikolassees ist, dass die heutige Königin von Schweden, Silvia, ihre Kindheit in Nikolassee verbrachte, bevor ihre Familie fortzog.