Serie "Das ist Berlin"

In Charlottenburg gibt man sich unaufgeregt

| Lesedauer: 7 Minuten
Alexandra Maschewski

Die Bewohner rund um den Kurfürstendamm fühlen sich geborgen inmitten der hektischen Stadt. Sie sind bürgerlich, weltoffen, traditionsbewusst, zukunftsorientiert und unaufgeregt. Hier in der Berliner West-City ist nicht der Zeitgeist zu Hause. Doch das muss nicht Stillstand bedeuten.

Spürbar wird das Wesen von Charlottenburg an einem sonnigen Sonnabend. In den ruhigen Straßen rund um den Kudamm sieht man Eltern mit ihrem Nachwuchs in rosa-hellblaue Kindermodeläden verschwinden. Sonnenbebrillt plaudern Alte und Junge in den Cafés oder gleich von Altbaubalkon zu Altbaubalkon. Bürgerliche Behaglichkeit? Warum nicht. Alteingesessene und Zugezogene verteidigen sich routiniert gegen Missionare aus Prenzlauer Berg und haben gelernt, das süffisante Lächeln der Mitte-Jünger zu ignorieren.

Wer hier wohnt, der schätzt die Lebensqualität, das Unaufgeregte. Mögen andere weiter von einem angesagten Kiez zum nächsten ziehen. Dass hier nicht der Zeitgeist zu Hause ist, muss nicht Stillstand bedeuten.

Fackelträger zum Geburtstagsfest

Grüne Lunge und Aushängeschild: der Lietzensee. Filmproduzentin Regina Ziegler hat hier ihr Büro. Ihre „Charlottenburg-Lovestory“ hat früh begonnen: „Schon als ich noch ein Kind war, erzählten meine Eltern, die 1943 ihre Wohnung in der Röntgenstraße durch Bomben verloren hatten, von Charlottenburg. Als ich dann gleich nach dem Abitur 1964 nach Berlin kam, wohnte ich zur Untermiete in der Mommsenstraße. Von dort aus erforschte ich zu Fuß, per Fahrrad und Straßenbahn die neue Heimat.“

Dazu gehörte – natürlich – auch die Hauptschlagader: der Kudamm. Mal hochgejubelt, mal totgesagt, so oder so legendär. „Kurfürstendamm“ – für Theaterdirektor Jürgen Wölffer war das eines seiner ersten Worte überhaupt. Schließlich hatte schon sein Vater dort zwei Bühnen: die Komödie und das Theater am Kurfürstendamm. „Der Kudamm hat ein besonderes Flair, man spürt einfach das Leben dort. Ganz anders als Unter den Linden.“ Wölffer hat Zeiten erlebt, in denen ein Teil des Mythos dieser Prachtstraße begründet wurde. Das kulturelle Wiedererwachen in der Nachkriegszeit, die wilden 70er, als sich Künstler und Filmschaffende in Bars und Restaurants trafen. „Als Curd Jürgens seinen 60. Geburtstag gegenüber von der Komödie im ,Café Bristol‘ feierte, wurde der Kudamm gesperrt, damit Fackelträger die Gäste über die Straße geleiten konnten.“ Oft waren die beiden Häuser von Theaterfans aus „Westdeutschland“ so ausgebucht, dass die Berliner Mühe hatten, Tickets zu bekommen. Heute, da ist die Zukunft der von Sohn Martin geführten Bühnen ungewiss, aber Wölffer hofft, dass der neue Besitzer der Theaterimmobilie, ein irischer Projektentwickler, eine gute Entscheidung für sie fällt.

Der Kiez des Playboys

Es sind die Inseljahre West-Berlins, die dazu geführt haben, dass der Kudamm mit der Gedächtniskirche für viele immer noch erste Hauptstadtassoziation ist. Für andere ist er bloß Shoppingmeile oder der Ort, an dem man in den Bus für die Stadtrundfahrt steigt. Einen, den sieht man hier meist aus dem Rolls-Royce klettern. Die langen Nächte, in denen Rolf Eden in einem 36er-Rolls mit eigener Bar und roten Vorhängen von einem seiner sechs Betriebe zum nächsten chauffiert wurde, sind vorbei. Trotzdem sagt er: „Das ist mein Kiez.“ Und mustert durch die getönte Sonnenbrille eine hübsche, junge Frau, die draußen an der Schlüterstraße vorbeigeht. Als Playboy hat man einen Ruf zu verteidigen, auch mit 78.

Unterwegs ist er noch immer. Gern auch da, wo man auf „Herrschaften von früher“ trifft, im „Diener“ oder in der „Kleinen Weltlaterne“. „Früher, da waren wir wie eine große Familie.“ Als sein Luxusgefährt einmal mitten in einer 68er-Demo am Kudamm stehen blieb, da schob man ihn an: „Die haben doch nachts bei mir gefeiert.“ Heute fürchtet Eden um den Boulevard, an dem mit dem „Old Eden“ einst der als „originellste Diskothek der Welt“ gefeierte Vergnügungstempel lag: „Der Kudamm wird kaputt gemacht. Es geht nicht, dass so viele Parkplätze weg sind. Auch die Vorgärten, die damals jedes Lokal hatte, fehlen.“

Dabei erlebte der mit mehr als 220.000 Quadratmeter Verkaufsfläche flächengrößte Shoppingstandort Berlins (Wittenbergplatz bis Olivaer Platz) gerade 2007 einen Boom. Der Kudamm selbst war begehrter denn je bei den Geschäfts?treibenden. Doch Markus Kötschau, Teamleiter Einzelhandel von Engel & Völkers, weiß: „Der Hype von 2007 scheint erst einmal ein Ende gefunden zu haben.“ Schließlich müsse Auswirkungen haben, was auf den Finanzmärkten passiere. Leerstände gibt es jedoch kaum. Besonders beliebt und belebt ist zurzeit die Schlüterstraße, an der sogar schon Ost-Ampelmännchen zu Besuch sind – und so tief im Westen seltsam deplatziert wirken.

„Natürlich hat sich die Gegend verändert, haben Ketten à la Starbucks alte Kaffeehäuser vertrieben, aber das ist auch der Nachfrage geschuldet“, sagt einer, der sich schon von Berufs wegen um Charlottenburg sorgt: Wirtschaftsstadtrat Marc Schulte. Internationale Gastronomie gebe es aber immer noch zu entdecken, an der Kantstraße zum Beispiel. Natürlich sind da Sorgenkinder wie der Breitscheidplatz: die Buden auf dem Kirchenpodest stehen schon lange in der Kritik. Auch hofft Schulte, dass die am Stuttgarter Platz geplante Grünanlage endlich kommt.

Das Kinosterben muss aufhören

Aber es tut sich einiges in der klassischen City West. Bau des Zoofensters, Bau des Zoobogens – „eine OP am offenen Herzen, aber das Herz schlägt kraftvoll“. Tatsächlich sind zurzeit Projekte mit einem Gesamtvolumen von rund einer Milliarde Euro im Bau oder in Planung. Was sich Schulte unbedingt wünscht, ist eine bessere Zusammenarbeit von Technischer und Universität der Künste. Ein eigenes Zentrum würde er begrüßen, in dem sich junge Wissenschaftler selbstständig machen könnten. Und der Wahlcharlottenburger will dafür kämpfen, dass das Kinosterben aufhört und die Kultur bleibt, die doch so prägend für diesen Stadtteil ist.

Das hofft auch Nico Hofmann. Denn es ist eben diese kreative Szene, die den erfolgreichen Filmproduzenten so fasziniert. Seit 1990 hat er fast immer in Charlottenburg gelebt. Er schätzt die Nähe zu Gleichgesinnten aus der Welt der Kunst, der Literatur, des Films, von denen nicht wenige rund um den Savignyplatz leben. „Hier mischen sich viele Nationalitäten, man ist polyglott und weltoffen.“ Hofmann scheut sich nicht, der Bleibtreustraße mit den vielen kleinen Läden sogar „New-York-Feeling“ zuzusprechen. „Natürlich handelt es sich um ein sehr bürgerliches Berlin. Aber die Geborgenheit inmitten der hektischen Stadt ist angenehm.“

>>> Nächste Folge der Serie "Das ist Berlin": Nikolassee