Serie "Das ist Berlin"

In Lankwitz herrscht der gute Ton

Wer in Deutschland Musik produziert und mehr als 25 Exemplare verkauft, ist in Lankwitz verewigt – im Deutschen Musikarchiv. Außerdem haben drei Synchronstudios hier ihren Sitz. Doch es gibt auch Orte, an denen es ganz still und besinnlich zugeht.

Lankwitz ist Musik. Wenn Ingo Kolasa in das Keller-Labyrinth der herrschaftlichen Siemens-Villa hinabsteigt, sieht er 400.000 CDs, 220.000 Langspielplatten, 53.000 Singles, 500.000 Noten. Seit drei Jahrzehnten beherbergt die Siemens-Villa das Deutsche Musikarchiv. Wer auch immer in Deutschland Musik produziert und mindestens 25 Exemplare verkauft, muss eine CD oder Platte an den Archivleiter Ingo Kolasa und dessen Mitarbeiter schicken. Dass diese Einrichtung von nationaler Bedeutung nach Lankwitz zog, könnte Zufall sein, Kolasa aber nennt es Fügung. „Es passt einfach so gut“, sagt er.

Die Siemens-Villa steht am Rande des Komponistenviertels, dessen Straßen nach Mozart, Beethoven oder Bruckner benannt sind. Der Erbauer der Villa, Friedrich Christian Correns, ließ eine Walker-Orgel einbauen, unter seinem Nachfolger Werner Ferdinand Siemens kam ein Musiksaal hinzu. Es könnte keinen besseren Ort geben für dieses Archiv, das musikalische Gedächtnis Deutschlands. Leider ist in drei Jahren Schluss, dann ziehen Tonträger samt Archivaren nach Leipzig, in den Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek.

Lankwitz ist Gesang. Christian Finke, Kantor der Dreifaltigkeitsgemeinde, leitet drei Chöre: die Kantorei Lankwitz, den Seniorenchor und das Lankwitzer Vokalensemble. Seit fast 25 Jahren ist Finke Kantor in der zentralen Lankwitzer Gemeinde. Die Sangeslust erklärt er sich so: „Lankwitz ist in weiten Teilen gutbürgerlich. Musizieren gehört häufig wirklich noch zum Familienalltag.“ Vielleicht liegt es auch ein wenig an der Beethoven-Oberschule an der Barbarastraße – mit Musik als Wahlpflichtfach ab Klasse 9 und Musik als Leistungskurs.

Lankwitz ist auch guter Ton. An der Mühlenstraße haben drei Synchronstudios ihren Sitz. Seit 1949 arbeiten bei der Berliner Synchron Wenzel Lüdecke Schauspieler, vor allem jene, von denen Kinogänger und Fernsehzuschauer die Stimme besser kennen als das Gesicht. Der deutsche Brad Pitt, der deutsche George Clooney, die deutsche Julia Roberts – sie alle waren in den vergangenen Monaten hier.

„Nirgendwo sonst in der Stadt findet man solch einen Komplex – und dann auch noch im Grünen“, sagt Martin Ruddigkeit, Geschäftsführer der Cinephon Filmproduktions GmbH, die Serien wie „Desperate Housewives“ und Kinofilme wie „Die Reise der Pinguine“ synchronisiert. Und so wird ein Lankwitzer Nachteil für Unternehmer zum Vorteil: Der Ortsteil liegt im Berliner Niemandsgürtel – nicht dicht genug am Zentrum, um mit Kultur und Geschichte zu locken, nicht weit genug davon entfernt, um mit Wäldern und Seen zu reizen. Dadurch aber bleiben Mieten bezahlbar, und doch ist die City nicht weit weg. „Für unsere Schauspieler, die häufig mehrere Termine an einem Tag haben, ist die Erreichbarkeit mit dem Auto perfekt“, sagt Synchron-Chef Ruddigkeit.

Lankwitz kann laut und fröhlich sein. An der Leonorenstraße steht das Stadtbad. Whirlpools, eine 60 Meter lange Rutsche, vier Saunen, ein Dachgarten machen Schwimmen zur Nebensache. Direkt dahinter liegt die Eisbahn. Am 31.?Oktober startet die Saison, dann flitzen dort Jugendliche aus dem Berliner Süden umher, auf dem Eis beginnen Liebesgeschichten – und enden oft noch im selben Winter. Lankwitz kann auch ganz still sein. Kantor Christian Finke wohnte 20 Jahre lang neben der Dreifaltigkeitskirche. 1989 musste er fast zwei Wochen warten, bis er dort den ersten Trabi zu sehen bekam. Seitdem hat der Verkehr heftig zugenommen. Finke hat sich davongemacht – natürlich nicht allzu weit. Er lebt jetzt im Komponistenviertel und genießt, dass in Lankwitz Ruhe einkehrt, sobald die Durchgangsstraßen außer Hörweite sind.

Es geht noch stiller: In Alt-Lankwitz, an der Dorfaue, liegt das Kloster Lankwitz. Die Christkönigschwestern und die Gemeinschaft Chemin Neuf führen dort das Gästehaus Angelicum. Besucher sind nach vorherigen Gesprächen eingeladen, am Klosterleben teilzunehmen – Abstand vom Toben des Alltags mitten in Berlin.

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