Serie "Das ist Berlin"

Gatow und Kladow – Ein Leben wie auf dem Lande

Zwischen Havel und Feldflur, alten Höfen und neuen Reihenhaussiedlungen lebt man in Gatow und Kladow. Die beiden Ortsteile im Westen haben sich als Dörfer behauptet. Daran konnten auch Tausende von Zuzüglern nichts ändern. Nicht zuletzt, weil engagierte Bürger ein wachsames Auge auf ihre Heimat haben.

Spätestens dort, wo Gatows Dorfkern endet, schlägt die Stimmung um. Alle Anspannung verflüchtigt sich, als hätte der Wind über der Feldflur sie mitgenommen. Oder die Ackerfurchen haben sie verschluckt, die mit beruhigender Gradlinigkeit die Straße begleiten. Alle aus der Großstadt mitgebrachten Ärgernisse – zwischen dem offenem Land zur Rechten und dem Havelufer zur Linken erscheinen sie unpassend, überflüssig.

Dabei fährt in diesen Zipfel Berlins niemand ohne Anliegen. Schon Gatow ist für die meisten Berliner nicht nur der Entfernung wegen vor allem eines: JWD. „Und nach Kladow muss man wollen“, sagt Rainer Nitsch. Der 68-Jährige verbrachte sein halbes Leben in Spandaus „Südstaaten“, die sich wie ein Wurmfortsatz der Metropole an die Havel schmiegen. Zwar wurden die Bauern- und Fischerdörfer schon 1920 Berlin zugeschlagen. Dennoch fahren Gatower wie Kladower bis heute nach Spandau „in die Stadt“ und „nach Berlin“, wenn es zum Kudamm oder zur Friedrichstraße geht.

Wie in einer anderen Welt

Wer ländlichen Charme liebt, der kann hier darin baden. 220 Hektar umfassen die vogelreichen Rieselfelder. Etwa auf das Dreifache summieren sich Feldflur, Wald und Heide, wo Berliner gerne radeln und laufen. In Gatow werden Erdbeeren geerntet, bietet Bauer Walter Bathe Kremserfahrten an. In Kladow führt der erste Weg zu „Spandaus Riviera“ an der Imchenallee, wo die Wannseefähre anlegt. Reitmöglichkeiten, Wanderwege plus Wassersport verlocken manch gutsituierten Städter, ganz zu bleiben.

RBB-Reporter Ulli Zelle fühlt sich in Gatow, „nur eine Viertelstunde von der City West entfernt, in einer anderen Welt“. Und DGB-Chef Michael Sommer genießt es, in Kladow „mitten im Grünen und doch in der Großstadt zu leben“. Eine Eigenheimsiedlung nach der anderen wuchs um das Angerdorf Kladow herum. Von der Prachtvilla mit Seeblick aus dem frühen 20. Jahrhundert bis zum modernen Fertighaus reicht das Spektrum. Nur eines hat fast jeder: einen Garten samt Zaun darum. Die Landstadt Gatow bietet noch immer reichlich Bauland. Junge Familien ersetzen dort die erhofften Bundesbediensteten, für die seit 1994 auf dem früheren Flugplatz Gatow geplant wurde und die doch nie kamen.

Ein Forum fördert das Wir-Gefühl

13.600 Einwohner hat Kladow heute. Allerdings: Während das Straßendorf Gatow in dritter und vierter Reihe abseits der Hauptstraße wuchs und noch dörflicher wirkt als der südliche Nachbarort, ist dieser „ausgefasert“, wie Spandaus Bezirksbürgermeister Konrad Birkholz (CDU), selbst Kladower, nüchtern feststellt. Auch das Gemeinwesen litt. „Schlafstadt“ nannte Rainer Nitsch in den 80er-Jahren das Dorf. Zur Arbeit ging es in die Innenstadt, in der Freizeit in den Garten. Seit 1985 engagiert sich Nitsch deshalb im „Kladower Forum“. Kulturangebote und Infos zur Lokalhistorie sollen die Identifikation mit dem Dorf stärken. Mit Erfolg: Selbst in der Landstadt, die ebenso wie der Flugplatz erst 2002 durch Änderung der Ortsteilgrenzen zu Kladow kam und nun fälschlicherweise den Namenszusatz „Gatow“ trägt, ist man mit Stolz Kladower.

Wenn die Alteingesessenen mal unter sich sein wollen, treffen sie sich zum Beispiel bei Inge Groß. Die 80-Jährige führt den Kladower Hof, an dessen verzierter Holztheke schon der Großvater und später die Mutter zapften. Manch andere namhafte Gaststätte, wie das Schweizerhaus oder das Ausflugslokal Schloss Brüningslinden, schloss dagegen im Laufe der Jahre. Irgendwann blieben die Feriengäste aus Berlin weg, die zu Mauerzeiten im Spandauer Süden die Illusion eines Umlandes suchten. Abseits vom Nordende des Groß-Glienicker Sees, wo noch immer Metallzäune und ein Mauersegment stehen, konnte man hier den Kalten Krieg fast vergessen. „Eine Familie kam bis in die 70er-Jahre jeden Sommer zu uns, und dann machten sie täglich eine Dampferfahrt“, erinnert sich Inge Groß schmunzelnd.

Man kennt sich im Ort

Eigenwillig und selbstbewusst kennt man Kladower wie Gatower im Bezirksamt. Ob die Erneuerung des Kladower Hafens, der Bau eines Supermarktes in Gatow oder das aktuelle „Projekt Gatow“ zur Verschönerung und touristischen Aufwertung des Dorfes – ohne lebhafte Bürgerversammlung geht kein Investitionsvorhaben durch. Von „Spandauer Bauernkriegen“, besonders in Gatow, ist schon mal die Rede. Die Streitlust habe das Dorf aber nicht nur entzweit, sondern auch zusammengeführt, findet Bauer Bathe. Man kennt sich im Ort – nicht zuletzt deshalb.

Tatsächlich wäre gerade Gatow ohne seine engagierten Bürger heute ein anderes Dorf. Der Arbeitskreis Gatow kämpft seit 30 Jahren für den Erhalt der Naturlandschaft. Die Bauern waren gleich zur Stelle, als auf dem Grund der Gutsgärtnerei ein Discounter geplant wurde und Uli Reinicke, heute der „Gutsherr“, dagegen Sturm lief. Hieraus entstand der Förderverein Historisches Gatow, der seither zahlreiche Relikte ländlicher Architektur vor dem Verfall rettete. Im sanierten Kornspeicher des Beutelguts nahe der kleinen Badewiese betreiben Reinicke und seine Mitstreiter ein Heimatmuseum. Im alten Waschhaus des Gutshofes Gatow gibt es an Wochenenden selbst gebackenen Kuchen und Brot aus dem Hofbackofen. Neue Projekte, wie die Sanierung der Remise und der Ausbau des Wasserturms zum Aussichtspunkt, stehen schon fest.

Dem Nachbarn helfen – Ehrensache

Allen Meinungsverschiedenheiten zum Trotz: Wenn es darauf ankommt, sind Nachbarn in Gatow noch immer Nachbarn. „Ich brauche nur einen der Bauern anzurufen, wenn ich mit dem Trecker liegen bleibe. Selbst um Mitternacht kommen die sofort“, sagt Uli Reinicke. Ein friedlicher Ort sei Gatow, findet auch Karl-Heinz Lichtschlag, der am Dorfplatz zwei Kossätenhäuser des Beutelgutes restaurierte. In Berlins Kriminalstatistik rangiert der Ortsteil im untersten Viertel. Kinder fänden oft ihren Weg in die Freiwillige Feuerwehr, Probleme mit der Jugend gebe es praktisch nicht, sagt Bäuerin Beate Bathe.

Anders in Kladow: Hier geht angesichts jüngster Vandalismus- und Gewaltdelikte das Wort von der „Wohlstandsverwahrlosung“ der gutbürgerlichen Jugend um. Der Bezirk schickt jetzt Streetworker ausgerechnet in den wohlhabenden Süden. Gelangweilter Nachwuchs soll nicht zerstören, was hier zum Selbstbild gehört: Dass in Gatow und Kladow die Welt noch heil ist.

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