Raus in die Stadtnatur

Warum Fledermäuse die Zitadelle Spandau so lieben

Fledermäuse sind überwiegend Nektar-Trinker und Insektenfresser – und keine Blutsauger

Fledermäuse sind überwiegend Nektar-Trinker und Insektenfresser – und keine Blutsauger

Foto: Patrick Pleul / dpa

Die Zitadelle Spandau ist eines der größten Fledermaus-Quartiere Berlins. Wir haben die Helfer der kleinen Fledertiere besucht.

Berlin. Gespenster, Spuk, Legenden. Die Idee von Gut und Böse. Die dunkle Seite, ewige Urängste und – ein Symbol: die Fledermaus. Zielsicher fliegende Jägerin, geheimnisvolle Tochter der Nacht. Inspiration für Schauermärchen und Fabelwesen: Vampire, Graf Dracula, Batman. In Burgen und Schlössern zu Hause. Und immer wieder der Mythos vom blutsaugenden Monster.

Monster? Der Winzling an der Hand von Robert Henning vom Berliner Artenschutz-Team (kurz: BAT, englisch für Fledermaus) wirkt eher schutzbedürftig und tut, was Babys so tun: er schläft. Kopfüber hängend – typisch Fledermaus. Wir stehen vor dem Fledermauskeller der Zitadelle Spandau. Ganz kurz darf ich das Zwergfledermaus-Kind halten. Wie leicht es ist! Kaum spürbar krallt es sich, immer noch schlafend, an meinem Zeigefinger fest.

„Einen Namen hat es nicht, wir wildern es ja später aus“, sagt Jörg Harder, erster Vorsitzender des BAT. Der 50-jährige gelernte Tierpfleger, hauptberuflich bei der Berliner Polizei tätig, hat sich ehrenamtlich dem Fledermaus-Schutz verschrieben.

Im Sommer gehören besonders Rettung und Pflege zu den Aufgaben seines 16-köpfigen ehrenamtlichen Teams. Acht Tiere werden aktuell betreut. Eine erwachsene Zwergfledermaus etwa hat einen gerissenen Flügel.

Ein Fledermauskind ist auf einem Balkon gestrandet

Und das etwa drei Wochen alte Baby, ein Männchen, war bei Flugversuchen auf einem Balkon gestrandet. Es wird aus der Pipette mit Hundewelpen-Ersatzmilch aufgepäppelt. Harder rät, Findelkindern erst einmal selber vor Ort zu helfen. Ein wenig Wasser, ein schattiger, geschützter Platz, der sicher vor Räubern ist, in Fundortnähe. Fledermausmütter suchen bis zu drei Tagen nach ihren Kleinen. Grundsätzlich aber können verletzte oder hilflose Tiere hier in Haus vier abgegeben werden, vorzugsweise vormittags, jederzeit auch beim Pförtner der Zitadelle – platziert in einem ausbruchsicheren Karton mit Luftlöchern und kleinem Wasservorrat. Das BAT-Team berät gern vorher am Telefon.

Das klingelt auch jetzt. Eine Frau möchte die Fledermaus in ihrem Einfamilienhaus loswerden – „wegen der Hygiene“. Aber so einfach gehe das nicht, so die Experten. Fledermäuse stehen unter Artenschutz. Mitunter sind Umquartierungen aber lebensrettend.

Harder erzählt vom Einsatz in Heiligensee Anfang Juni. Vor der Hitze hatte sich eine Fledermausgruppe vom Dachboden eines Mehrfamilienhauses in dessen Kellerräume geflüchtet und nicht mehr hinausgefunden. „Wir haben die zwanzig Tiere eingesammelt, mit Wasser versorgt, in Kisten hierher gebracht.“ Eine Nacht Fürsorge auf der Zitadelle, am nächsten Tag Umzug in einen Fledermauskasten im Garten des Hauses. Die Tiere, eine Wochenstuben-Gemeinschaft, nahmen das Quartier gut an.

Bis zu 100 Weibchen leben gemeinsam in „Wochenstuben“ und ziehen im Stadtgebiet und Umland jeweils ein Jungtier groß. Ist der Nachwuchs ausgewachsen, beginnt die Schwärmzeit. Gemeinsam geht es in die Winterquartiere, wo sie die Männchen treffen und der neue Reproduktionszyklus beginnt. So eine Wanderung sei mitunter spannend, so Harder. „Weil junge Fledermäuse über Grenzen hinaus forschen.“

Hauswände werden als Felsen registriert, offene Schlafzimmerfenster als „Höhlen“. Besorgte Anrufer fragen dann beim BAT-Team nach: „Nisten die sich jetzt bei uns ein?“ Keine Sorge, so Harder, die Tiere wollen von alleine wieder weg: zu laut bei den Menschen, zu warm, zu trocken, und abends wird auch noch Licht gemacht.

Streicheln ist nicht zu empfehlen

Meist reicht es, die Fenster weit zu öffnen. Behutsam das Tier greifen und nach draußen helfen geht auch. Vorher sollte man einen Handschuh überstreifen: Auch Jungtiere haben scharfe Krallen und Zähne, können in seltenen Fällen Tollwut übertragen. Streicheln ist nicht zu empfehlen. Außerdem tabu: den Kammerjäger rufen. Verdauungs-Reste der Fledermäuse sind leicht zu identifizieren: pulverförmig, silbrig glitzernd wegen der Chitin-Reste.

Fledermäuse in unseren Breiten ernähren sich von Insekten, meist von Mücken. Ebenfalls nicht erlaubt: Die geflügelten Säuger mitnehmen und in der Wohnung halten. Sie sind keine Haustiere. In komplizierten Fällen kommen BAT-Leute vorbei. „Für uns tägliche Routine“, so Harder.

Wie auch die Betreuung der „Stammgäste“ im Schaugehege. Sie logieren hinter dickem Glas in ewiger Nacht, die rund 140 Exoten – Nilflughunde und südamerikanische Brillenblattnasen. Robert Henning öffnet die Zugangstür. Aufgeregt flattern die Tiere durcheinander, ohne anzuecken: Beweis ihrer Echo-Ortungsfähigkeit im für Menschen unhörbaren Ultraschallbereich. Einige der Fruchtfresser können, obwohl bereits satt, einem Stück Banane nicht widerstehen, landen kurz für einen Bissen.

Robert Henning ist Profi. Seit Gründung des Vereins vor 15 Jahren, der sich hauptsächlich aus Spenden und Veranstaltungen wie Führungen finanziert, leitet der 40-jährige Diplom-Biologe, der Haupt- und Ehrenamt kombiniert und wie Jörg Harder zum Team gehört, Besichtigungen für Fachpublikum, Familien, Schulklassen.

Besondere Attraktion sind Führungen während der Schwärmzeit ab Ende August. Nach Einbruch der Dunkelheit sind sie hier gut zu beobachten, die nächtlichen Mückenjäger, bevor sie ihre Winterschlafplätze in der Zitadelle einnehmen. Ein solches Quartier steuern wir jetzt an.

Wir überqueren den Hof der Zitadelle, Henning öffnet ein vergittertes Tor. Durch die untere Feuergalerie ins Labyrinth des verwinkelten Schwarzen Ganges. Eine Geistertour durch tunnelartige Fluchten, uneben gepflasterte Gewölbe. Die Schlafplätze – Nischen und Bohrlöcher in den Wänden – verwaist. Geisterhafte Stille. Pechschwarze Nacht. So stellt man sich die Welt der Vampir vor. Wir knipsen Taschenlampen an: Rundbögen und gewölbte Decken zerstreuen die Lichtkegel in den Gemäuern der uralten Zitadelle, die jährlich zum Leben erwacht, wenn sie wiederkommen: die wahren Burgherren.

Die Fledermäuse lieben ihre Zitadelle in Spandau

Ein instinktiver Rückkehr-Mechanismus, seit Jahrhunderten. „Ihr Faible für die Zitadelle hängt mit ihren Wanderwegen entlang der Flüsse zusammen“, weiß Jörg Harder. Hier kreuzen sich Havel und Spree. Idealer Stopp für viele Fledermäuse. Die meisten der auf der Zitadelle überwinternden Arten bewegen sich im Umkreis von 100 Kilometern, gut erforscht beim Großen Mausohr. Die Beringung der Tiere ermöglicht lebenslange Beobachtung. Die hat Tradition auf der Zitadelle.

Im Winter 1932/ 1933 hat der Naturforscher Martin Eisentraut die ersten Individuen der Art „Großes Mausohr“ beringt und so Rückschlüsse auf Quartiersbeziehungen und Wanderwege ermöglicht, zunächst zwischen der Zitadelle und dem Kloster Chorin.

Eines der größten Fledermaus-Winterquartiere

„Die Zitadelle ist eines der größten Fledermaus-Winterquartiere Berlins“, sagt Harder. In der Region Berlin-Brandenburg leben 17 verschiedene Arten. „Zehn davon überwintern in der Zitadelle.“ Darunter Großes Mausohr, Wasserfledermaus, Fransenfledermaus und Zwergfledermaus. Lebensnotwendig, dieser Winterschlaf. So haben sich diese an sich wärmeliebenden Fledertiere, die zu den wenigen aktiv fliegenden Säugern gehören, an unsere kühleren Breiten angepasst. Bei niedrigen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit schalten sie auf Energiesparmodus – Atmung ein- bis zweimal pro Minute, Herzfrequenz von 500 auf fünfmal pro Minute reduziert – und können von den sommerlichen Fettreserven zehren. Jede Schlafunterbrechung durch Lufterwärmung, Lärm oder Lichtreize sei fatal, weil Energieverschwendung, erklärt Harder, während wir den Schwarzen Gang verlassen.

„Ungefähr 40 größere regelmäßig genutzte Winterquartiere gibt es in Berlin“, weiß Harder. Die in ganz Europa stark bedrohten Tiere residieren in Bunkern, Kellern, Wasserwerken. Im 130 Jahre alten Fort Hahneberg in Spandau etwa. Oder den Wasserwerken in Friedrichshain und Tegel. Harder erklärt: „Fledermäuse sind Kulturfolger.“ Anfangs hätten sie Kirchen als große, warme Höhlen wahrgenommen, sich zunehmend an urbane Bauten angepasst: in Hohlräumen, hinter Fensterläden, zwischen Dachziegeln.

Die Zerstörung ihrer Quartiere durch Sanierung oder Wärmedämmung sei eine größere Bedrohung als natürliche Feinde wie Eulen, Waschbären, Marder, Katzen. Bauherren sollten rechtzeitig Fledermausquartiere melden, damit Maßnahmen ergriffen werden können.

Fledermausbeobachtungen über WhatsApp

Zur effektiveren Bestandsbeobachtung hat der Verein ein besonderes Projekt initiiert. Ziel ist die Erfassung der Berliner Quartiere in einem Fledermaus-Stadtplan und die Entwicklung von Schutzkonzepten. Berliner Smartphone-Nutzer können seit Januar 2017 über den Messenger WhatsApp Fledermausbeobachtungen melden, mit Standortnotiz und Foto – insbesondere Schlafplätze in Kellern oder Wochenstuben auf Dachböden. Einzige Bedingung: Die Tiere dürfen durch das Fotografieren nicht gestört werden. Ungefähr 40 Meldungen habe es letzten Sommer gegeben, erinnert sich Harder, als wir zurückgekehrt sind ins Haus IV.

Wir setzen uns in den Unterrichtsraum. Also – wie ist das nun mit den Mythen? Jörg Harder erklärt: Die Ultraschall-Orientierung habe ihre Grenzen, denn sie koste enorme Kraft. „Deshalb sind die Tiere in vertrauter Umgebung ortungsfaul.“ Vor 100 Jahren noch Anlass für Grusel, wenn im dunklen Keller die Tiere, mit aufgespannten Flügeln viel größer, dem Mensch um die Ohren flatterten und auch mal im Haar landeten. Und der Vampir-Mythos? Robert Henning weiß: „Weltweit gibt es nur drei Arten, die sich von Rinderblut ernähren, in Mittel- und Südamerika.“ Alle anderen Fledermausarten sind Fruchtfresser, Nektar-Trinker und Insektenfresser.

Und als solche wichtiger Teil der Ökosysteme – als natürliche Schädlingsbekämpfer etwa oder als Pflanzenbestäuber. Sein Fachwissen vermittelt Robert Henning auch an Schüler im – nach Lehrerwunsch maßgeschneiderten – Biologie-Unterricht hier vor Ort. Inklusive Rundgänge auf dem Zitadellen-Gelände, Abstecher in die Ausstellung mit dem neue Diorama „Lebensraum Zitadellen-Graben“.

Ende unserer „Schulstunde“. Zeit für die Bastion Königin, eine weiteres Quartier. Gewölbe und Gänge sind höher und geräumiger, die Wände glatter, haben weniger Schlupflöcher. Das BAT-Team hat aktuell nachgebessert. Sie haben unterschiedlich große fladenähnliche Quartierhilfen aus Holzbeton an die Wände geklebt: „Appartements“ und „Mehrfamilienhäuser“.

Henning und Harder fixieren sie mit prüfendem Blick: alles bestens vorbereitet für die Wintersaison. Wir gehen hinaus ins helle Tageslicht. Die Sonne durchbricht gerade die Wolken. Ein Windhauch fährt durch die Gräser auf den buckeligen Wällen der Festungs-Anlage. Alles so still, so friedlich. Die Ruhe vor dem Trubel, der großen Flugschau, wenn die Fledermäuse zurückkehren.

„Batman“ retten – so machen Sie mit:

Beratung und Hilfe

Berliner Artenschutz Team BAT e. V., Zitadelle Spandau, Haus 4, Am Juliusturm 64, 13599 Berlin, Telefon:030/ 36750061, E-Mail: info@bat-ev.de, Homepage mit Infos: www.bat-ev.de Abgabe hilfebedürftiger Tiere täglich von 9 bis 12 Uhr beim BAT-Team. Außerhalb dieser Zeit können verletzte Fledermäuse beim Pförtner der Zitadelle abgegeben werden. Das Tier bitte in einem Karton transportieren, vorher möglichst an einem kühlen Ort ausruhen lassen, etwas Wasser in einem kleinen Gefäß oder mit der Pipette reichen.

Mitmach-Forschung

Aufruf zur Fledermausforschung für alle: Jeder Nutzer des Messengers WhatsApp kann dem BAT-Team Fledermausbeobachtungen per Smartphone melden. Wer einen Hangplatz, Wochenstuben auf Dachböden oder andere Quartiere entdeckt, kann den Standort und ein Foto davon übermitteln. Die WhatsApp-Nummer: 0152 273 432 25 (gilt nicht für Anfragen oder Führungstermine).

Patenschaft

Wer etwas für den Artenschutz tun möchte, kann Fledermaus-Pate für eines der im Fledermauskeller lebenden Tiere werden. Ab 60 Euro im Jahr oder fünf Euro im Monat wird so Unterhalt und Pflege des Patentieres unterstützt. Patenschaften werden jährlich übernommen, können verlängert und auch als Geschenk abgeschlossen werden. Infos unter: http://www.bat-ev.de/index.php/patenschaften

Führungen

Besonders interessant: ab Ende August während der Schwärmzeit. Die Tiere sind dann abends gut bei der Futtersuche zu beobachten. Abendführungen ab Sonnenuntergang, etwa eineinhalb Stunden. Nur mit Anmeldung, auch als Einzelperson. Feste Termine werden dann auf der Website veröffentlicht. Führungen im Fledermauskeller zu flexiblen Zeiten sind nach Anmeldung ganzjährig möglich – ab zehn Personen und einem Mindestpreis von 100 Euro. Führungen für Schulklassen und Kitagruppen ab dem Herbst. Kindergeburtstagsfeiern sind ganzjährig im Fledermauskeller möglich: ab zwei Stunden mit bis zu 10 Kindern und bis zu drei Erwachsenen für einen Mindestpreis von 150 Euro. Infos unter: www.bat-ev.de/index.php/kindergeburtstage.

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Anregungen: Wir freuen uns über Vorschläge zu weiteren Stadtnatur-Themen per E-Mail: stadtnatur@morgenpost.de