Raus in die Stadtnatur

Mondfinsternis: So sieht der Himmel über Berlin aus

Auf dem Dach des Planetariums wirkt der Zauber des Himmels über Berlin

Auf dem Dach des Planetariums wirkt der Zauber des Himmels über Berlin

Foto: Jörg Krauthöfer/Berliner Morgenpost

Was kann man neben dem Blutmond noch am Berliner Nachthimmel sehen? Zu Besuch in der Sternwarte, Morgenpost-Serie, Teil 19.

Berlin. Der Blick in den Sternenhimmel über Berlin ist beschwerlich. Im Sommer wie im Winter überzieht ein feiner, rötlicher Schleier die Nacht und verwehrt eine klare Sicht auf ferne Galaxien. Straßenlaternen, Leuchtreklame, Werbeschilder – die Quellen, die Licht in den Hauptstadthimmel streuen, sind endlos. In einer sternklaren Nacht gedankenverloren in Berlin die Milchstraße beobachten: Ist das in der Stadt überhaupt denkbar? Und was erwartet uns zur Mondfinsternis am heutigen Freitagabend? Dazu habe ich mich mit Monika Staesche verabredet, der Direktorin des Planetariums am Insulaner in Schöneberg. Sie will mir den Himmel über Berlin zeigen.

Es ist kurz vor 22 Uhr, als ich am Priesterweg in Schöneberg aus der S-Bahn steige. Hier „draußen“ kommt es mir direkt viel dunkler vor als in Mitte. Etwas spät dran und orientierungslos frage ich eine Passantin nach dem Weg zur Sternwarte am Insulaner. Sie sieht mich verdutzt an, fragt, ob ich mir sicher sei, um diese Zeit noch allein dort hoch zu wollen. Ich erkläre kurz, dass ich verabredet sei. Sie ist beruhigt, ich bin es nicht mehr.

Ich biege auf den Schotterweg am Insulaner ein, nach ein paar Metern kann ich ihre Skepsis verstehen. Es ist stockdunkel. Meine Augen sind für einige Minuten völlig nachtblind. Ohne Taschenlampe habe ich keine Chance, den Weg zu erkennen. Der Schein der Dämmerung schafft es nicht durch die üppigen Baumkronen. Grillen zirpen, hin und wieder raschelt es im Gebüsch, meine Schritte werden dann schneller. Der Weg zum „Gipfel“ ist zwar nur ein paar Hundert Meter lang, ich bin dennoch erleichtert, als ich die Kuppeln der Sternwarte entdecke.

Hin und wieder drückt der Mond sich durch die Wolken

Im Südosten ist der Mond bereits aufgegangen, auf der gegenüberliegenden Seite flimmert der Horizont feuerrot. „Also hier haben wir die Venus, dort ist der Jupiter und hier der Saturn“, sagt Astronomin Staesche. Ich kann gar nicht so schnell gucken, wie Staesche mit ihrem Zeigefinger über den Himmel fährt. „Wenn wir Glück haben, sehen wir in ein paar Minuten die ISS vorbeifliegen“, meint Staesche, hat ihren Kopf im Nacken und ihre Hände an den Bügeln ihrer Brille.

Die Internationale Raumstation ISS fliegt seit 1998 mit einer Geschwindigkeit von 28.800 Stundenkilometer von West nach Ost. Seit einigen Wochen ist auch der deutsche Astronaut Alexander Gerst Teil des sechsköpfigen Teams im All. „Sie müsste heute südwestlich auftauchen“, erklärt Staesche, „und fliegt dann auf rund 70 Grad, also schon ziemlich hoch über uns“. Im Moment überzieht eine dichte Wolkendecke den Himmel. Hin und wieder drückt sich der Mond für ein paar Sekunden durch die Bewölkung. Mehr aber nicht. Ich habe nur wenig Hoffnung.

Staesche kommt indes nicht zur Ruhe. Während ich angestrengt gen Himmel schaue, mich abmühe, Flugzeuge von Himmelskörpern zu unterscheiden, dreht sie geschäftig ihre Runden um die Kuppeln. Seit 2008 ist die 51-jährige Berlinerin Direktorin des Planetariums. Sie war noch nicht einmal 16 Jahre alt, als sie 1982 in den Verein eingetreten ist, der damals für die Sternwarte verantwortlich war. „Angefangen hat alles mit einer nachtleuchtenden Sternenkarte im Comic-Magazin „Yps“, erzählt Staesche. Als sie zwölf Jahre alt war, habe sie sich damit nächtelang auf den Balkon ihres Elternhauses gesetzt und versucht am Himmel wiederzufinden, was auf der Karte so schön leuchtete.

Es ist 22.42 Uhr, die Wolkendecke zieht gerade auf, als Staesche innehält, ihre Hände wieder an der Brille: „Ah ja, dort zwischen den beiden Wolken fliegt die ISS vorbei“. Tatsächlich, ich kann sie sehen. Wie ein großer, sehr heller Stern gleitet sie zwischen den Schleierwolken hindurch. Ich gucke gebannt nach oben, Staesche erklärt, dass die Raumstation rund vier bis sechs Minuten benötige, um einmal über das Himmelszelt zu fahren.

Am nördlichen Horizont flimmert zu diesem Zeitpunkt noch immer rötliches Dämmerungslicht, die Nacht lässt sich Zeit. „Gerade haben wir auch eigentlich keine Nächte“, klärt die Expertin auf. Um von Nacht sprechen zu können, müsse die Sonne tiefer als 18 Grad unter dem Horizont stehen. „Am Freitag wird sie um 00.36 Uhr erstmals wieder darunter sinken, dann haben wir bis 1.51 Uhr Nacht.“

Zur Ruhe kommen wird die Astronomin trotzdem nicht. Freitagabend wird der Mond für 103 Minuten komplett im Schatten der Erde verschwinden – es kommt zu einer totalen Mondfinsternis. „Das Besondere ist, dass der Mond sich sehr lange durch den Erdschatten bewegen wird“, sagt Staesche, „wir sprechen von einem Jahrhundertereignis“. Der Mond wird dann rot leuchten, von einem Blutmond zu sprechen sei aber falsch: „Ein grausames Wort! Ein Überbleibsel aus einer Zeit, in der man sich die Verhältnisse noch nicht erklären konnte“, sagt sie. Der Mond färbe sich bei jeder Finsternis rötlich, nur die Intensität unterscheide sich. „Dieses Mal wird der Mond wahrscheinlich recht dunkelrot sein.“ Er sei weit im Schatten der Erde, weshalb er weniger Licht bekomme. Auch die Verschmutzung in der Atmosphäre, etwa durch Staubteile, wirke sich auf die Färbung aus.

Um 23 Uhr funkelt es doch noch am Himmelszelt

Es ist kurz vor 23 Uhr, die Wolken sind davongezogen, als es plötzlich doch am Himmelszelt funkelt. Sternbilder formen sich, als hätte Staesche sie nun lange genug herausgekitzelt. In völliger Ruhe blickt sie nach oben, zeigt mir den Stern Deneb. Er ist der hellste im Sternbild des Schwans, im Südosten bildet er mit Wega und Altair das Sommerdreieck. Im Nordwesten taucht der Große Wagen auf. In dessen verlängerter Deichsel sehe ich hinter einem zarten Wolkenvorhang den leicht orange schimmernden Arktur, den Hauptstern im Bärenhüter. Auf der anderen Seite des Großen Wagens scheint der Nordstern.

Ich bin ein bisschen verzaubert, fast sentimental. Nicht, weil das Himmelsspektakel so außerordentlich wäre – vielmehr, weil es so alltäglich ist. Jeden Tag und jede Nacht stehen über uns Sterne und andere Galaxien. Doch nur in Ausnahmen nehmen wir das bewusst wahr. „Das Sternenlicht, das wir jetzt am Himmel sehen, ist zum Beispiel bei der Andromeda-Galaxie auf die Reise gegangen, als auf der Erde noch nicht mal an Menschen zu denken war“, sagt Staesche, „wir gucken 2,5 Millionen Jahre in die Vergangenheit“.

Längste Mondfinsternis des Jahrhunderts

Rekord: Am Freitag findet die längste Mondfinsternis des Jahrhunderts statt. Für eine Stunde und 43 Minuten taucht der Mond dann vollständig in den Erdschatten ein.

Ablauf: Der Mond geht am Freitag um 20.58 Uhr im Südosten auf, die totale Mondfinsternis beginnt um 21.30 Uhr, erreicht um 22.21 Uhr ihren absoluten Höhepunkt und endet um 23.13 Uhr.

Blutmond: Wenn der Mond im Erdschatten verschwindet, leuchtet er rötlich – deshalb nannte man ihn früher abergläubisch „Blutmond“. Auch der Mars wird heute ganz in rot sichtbar sein, aber deutlich heller scheinen.

Sicht: Je dunkler die Umgebung, je besser die Sicht. Im Brandenburger Havelland liegt der dunkelste Ort Deutschlands: Gülpe.

Teleskop: Am Freitag findet in der Archenhold-Sternwarte Treptow die „Lange Nacht der Astronomie“ statt. Ab 17 Uhr kann dort der Himmel bestaunt werden.

Weiterlesen: Alle Folgen unserer großen Stadtnatur-Serie finden Sie unter: morgenpost.de/stadtnatur

Anregungen: Wir freuen uns über Vorschläge zu weiteren Stadtnatur-Themen per E-Mail: stadtnatur@morgenpost.de