Raus in die Stadtnatur

Hier können Sie in Berlin Obst selbst von Bäumen pflücken

Magda Zahn von der Aktion Mundraub an einem Blutpflaumenbaum im Ernst-Thälmann-Park in Prenzlauer Berg.

Foto: Reto Klar

Wer in Berlin frisches Obst ernten will, braucht dafür keinen eigenen Garten. So können Sie auch in der Stadt sammeln.

Berlin. Neulich hat sie in der Hasenheide junge Blätter von den Bäumen gepflückt. Magda Zahn (41) war nicht allein. Auf der Suche nach dem, was die Natur an Essbarem hergibt, führt sie Gruppen durch Berlin. „Mundraub“, so heißt das Online-Portal, das Stadtbewohner und Obstbäume zusammenbringt. Die Blattsalate-Tour ist der Exot im Programm.

Magda Zahn sagt, es sei immer schön zu sehen, wie die Teilnehmer die Blätter erst nur sehr zögerlich vom Baum pflückten. Und wie sie sich dann, einmal auf den Geschmack gekommen, die Taschen damit vollstopften und die Blätter beim anschließenden Picknick mit Holunderblütensirup würzten.

Es ist ein ungewohnter Anblick: Großstädter, die auf Blättern herumkauen. Manche Passanten guckten sie komisch an, sagt Zahn. In der Hasenheide habe einer ausgesprochen, was vielleicht viele denken. „Jetzt fressen die Touris schon die Blätter von den Bäumen.“ Sie lacht.

Wir treffen sie im Ernst-Thälmann-Park in Prenzlauer Berg. Das Gesicht wettergegerbt, die Haare leuchtend rot. Sie trägt eine Sporthose, ein hellgrünes Top und Chucks. In diesem Outfit schlägt sie sich durch den Großstadtdschungel. Es ist ein Job, der sie, die studierte Naturschützerin, auch nach der x-ten Tour noch begeistert. Das merkt man, wenn sie elastisch durch den Park federt und das Laub nach Früchten scannt: „Ah, guck mal, eine Blutpflaume.“ Wir kommen nur im Schneckentempo voran, denn an jedem zweiten Baum bleibt sie stehen. Sie sagt, die Stadt sei voll mit Obst. „Du musst nur genau hingucken.“

Vor dem Aldi Maulbeeren fürs Frühstück gepflückt

Ihr Revier, das sind die Parks in Berlin. Man staunt, was hier an 365 Tagen im Jahr so alles wächst, zwischen sechsspurigen Ausfallstraßen und Bürotürmen, zwischen Hochbahnsteigen und Plattenbausiedlungen. Äpfel. Kirschen. Pflaumen. Brombeeren. Nüsse. Sanddorn. Hagebutten. Mirabellen. Ja, sogar Maulbeeren. Zahn sagt, die finde man in Europa sonst nur im Mittelmeerraum.

„Die hat der Alte Fritz im 19. Jahrhundert pflanzen lassen“, erzählt sie. Die Maulbeeren sind ein Souvenir dieser Epoche. Erst heute morgen hat sie einen Maulbeerbaum gegenüber einer Aldi-Filiale in Rudow entdeckt. Das ist ihr Kiez. Dort ist sie mit ihrem anderthalbjährigen Sohn aus Kreuzberg hingezogen. Sie sagt: „Eigentlich wollte ich Bio-Äpfel fürs Frühstück kaufen. Die waren aber in Plastik eingeschweißt. Ich habe mir dann lieber Maulbeeren gepflückt.“

In Berlin steht die Wiege der „Mundraub“-Bewegung. Hier fing 2009 alles an. Großstädter, die auf dem Land großgeworden waren, fragten sich, warum sie fünf Euro für ein Kilo Mirabellen aus dem Supermarkt ausgeben sollten, während die Früchte am Maybachufer an den Bäumen vergammelten. Sie streiften durch die Stadt, um zu gucken, was hier sonst noch wächst. Und riefen die Bevölkerung auf, ihnen zu helfen.

Auf einer interaktiven Landkarte, die sie auf ihrer Internet-Plattform einrichteten, sollten die Nutzer Bäume eintragen. Inzwischen sind es ungefähr 7000 in Berlin, so genau hat das noch keiner gezählt – und deutschlandweit etwa 50.000. Bislang haben sie nur den deutschsprachigen Raum erfasst, aber künftig wollen sie ihren Radius noch erweitern. Noch zeigt der Pflück-Atlas nur einen Bruchteil der tatsächlichen Bestände. „Das Angebot ist fünfmal so groß“, schätzt Kai Gildhorn. Er ist Umweltingenieur.

Er hat „Mundraub“ erfunden. Es war die richtige Idee zur richtigen Zeit. Der Trend geht weg von exotischem Obst, das am anderen Ende der Welt noch unreif von den Bäumen gepflückt und mit Flugzeugen nach Deutschland transportiert wird. Slow Food, so heißt der Schlüssel zur Wiederentdeckung der regionalen Esskultur. Immer mehr Restaurants pflegen eigene Gärten oder kaufen Obst, Gemüse und Kräuter aus dem Umland.

Die „Mundräuber“ zeigen den Berlinern, wo sie Äpfel oder Birnen selber pflücken können. Die Resonanz sei überwältigend gewesen, sagt Gildhorn. „Umweltverbände und Medien kamen auf uns zu, gleich im ersten Jahr hatte unsere Webseite eine halbe Million Besucher.“ Privateigentümer gaben Bäume für die öffentliche Nutzung frei.

Inzwischen ist aus dem Hobby ein Unternehmen mit zwei festangestellten Mitarbeitern geworden. Ihre Arbeit finanzieren sie mit Siegerprämien von Ideenwettbewerben und den Einnahmen aus Projekten für eine Supermarktkette und einen Stromanbieter. Sie haben ein Handbuch für Mundräuber herausgegeben und den Ratgeber „Geh raus! Deine Stadt ist essbar“. Sie bieten geführte Touren durch die Bezirke an. Sie beraten Baufirmen, die Streuobstwiesen als Ausgleich dafür pflanzen müssen, dass sie für ihre Bauvorhaben eine Schneise in die Natur geschlagen haben.

Auch Städte und Gemeinden interessieren sich für ihre Arbeit. Der Berliner Senat zum Beispiel will „urban gardening in der Stadt verwurzeln“. So steht es im Koalitionsvertrag. Einzelne Bezirke wollen öffentliche Grünflächen bevorzugt mit solchen Bäumen oder Beerensträuchern bepflanzen, die von den allen abgeerntet werden können. Sie suchen Bürger, die bereit sind, Bäume zu spenden und zu pflegen. Friedrichshain-Kreuzberg oder Pankow sind schon eingestiegen. Essbare Bezirke, so nennen sie sich selber.

Woher weiß man, was man pflücken darf?

Ein Freibrief zur Selbstbedienung sei der Mundraub-Atlas jedoch nicht, sagt Zahn. „Wenn man sich nicht sicher ist, sollte man vorher lieber Anwohner fragen.“ Von dem uralten Apfelbaum zum Beispiel, der sich im Schatten eines Plattenbaus am Rande des Thälmann-Parks duckt, würde sie lieber die Finger lassen. Seine Zweige reichen fast bis zu den Fenstern. „Da denke ich dann, die Anwohner haben den vielleicht schon okkupiert.“

Vier Kirschen, ein Apfel und eine Hagebutte, mehr gibt die Karte von mundraub.org für den Thälmann-Park nicht her. Die Blutpflaume, die wir jetzt ansteuern, ist nicht darauf verzeichnet. Beherzt beißt Magda Zahn in eine Frucht. Ein leiser Schrei. „Boooaaah, ist die sauer!“ Ihre Stirn kräuselt sich. Und das will schon etwas heißen.

Schließlich, sagt sie, seien ihre Geschmacksnerven deutlich empfindlicher geworden, seit sie ihr Obst in der Stadt pflücke. Sie entdecke plötzlich Aromen, die sie noch gar nicht gekannt habe. Und genau das mache den Reiz ihrer Reisen durch die Stadt aus. „Ich mache das nicht, um Geld zu sparen, sondern um neue Geschmäcker zu entdecken.“ Es ist ihr Beitrag für einen nachhaltigeren Umgang mit der Natur.

Sie ist in einem Dorf im Süden Brandenburgs aufgewachsen. Sie sagt: „Im Sommer habe ich nach der Schule immer einen Umweg über das Feld gemacht, in dem Blaubeeren wuchsen. Ich hätte mich da reinlegen können.“ Heute fällt ihr Geschmacksurteil präziser aus. Die Pflaume, findet sie, sei erfrischend auf den ersten Biss, aber „sauer im Abgang“. Sie klingt wie eine Weintesterin. Ein Zufall ist das nicht. Zahn sagt, sie jobbe 20 Stunden pro Woche in einer Weinhandlung. Ihre Touren bietet sie nur am Wochenende an. Noch werfen sie nicht genug zum Leben ab.

Am Alexanderplatz wachsen Esskastanien

Mit der Baumsalat-Tour im Frühjahr geht es los, mit der Nüsse-Tour im Herbst hört es auf. Zahn sagt: „Wusstest du, dass es in Berlin Esskastanien gibt?“ Die herben Baumfrüchte, auch Maronen genannt, wachsen am Alex, vis-à-vis des Kaufhauses Alexa, und vor dem Roten Rathaus. Sie hat sie aber auch schon im Treptower Park entdeckt, am Hafen. „Da steht ein riesiger Baum, und wenn du da Maronen pflücken willst, kommst du immer zu spät.“

Ihre Kunden, das sind überwiegend Frauen ab Mitte 30, viele kommen mit ihren Kindern. Sie sagt, es seien alles Sammlerinnen wie sie. „Es hat doch etwas Archaisches, Beeren und Obst zu pflücken, um daraus Marmelade zu kochen.“ Männer kommen seltener. Sie sagt, es seien Rentner, auf der Suche nach dem Geschmack ihrer Kindheit. Ein leiser Schrei. „Hast du das gesehen?“ – „Nein, was?“ – „Die roten Flecken auf dem Weg. Man muss auch mal nach unten gucken.“

Wir schauen nach oben. Über uns hat ein Kirschbaum seine Äste gespannt. Sie hängen voller dunkler Früchte. Die sind deutlich süßer und aro­matischer als die Kornelkirschen, die wir gerade eben probiert haben. Eine „Geschmacks­explosion“, schwärmt die Kennerin. Erstaunlich eigentlich, dass die Kirschen noch keiner vor uns entdeckt habe, sagt sie. Aber auch irgendwie beruhigend. Für Magda Zahn gibt es noch viel zu tun.

Obsternte in der Stadt: Die wichtigsten Fragen

Giftig oder nicht?

Es ist eine Frage, die Magda Zahn immer wieder beantworten muss. Verleitet sie Kinder auf ihren Touren nicht dazu, sich künftig alle möglichen Früchte und Beeren in den Mund zu stopfen – auch solche, die giftig sind? Die „Mundräuberin“ rät, im Zweifel immer mindestens drei Merkmale prüfen, zum Beispiel die Form der Blätter, der Blüte und den Stammwuchs. Sobald man sich in einem Punkt unsicher sei, sollte man die Frucht besser nicht essen.

Umweltbelastung

Die „Mundraub“-Expertin rät, keine Früchte zu ernten, die direkt an stark befahrenen Straßen wachsen. Der Abstand sollte mindestens zehn Meter betragen. Weil die Früchte mit Feinstaub bedeckt sein könnten, sollte man sie auf jeden Fall waschen. Obst aus städtischen Parks ist manchmal sogar weniger belastet als auf dem Land. „Ein Stadt-Apfel hat in der Regel weniger Pestizide abbekommen als Früchte neben dem mit Giften belasteten Maisfeld.“

Ist Mundraub Diebstahl?

Den Straftatbestand „Mundraub“ gibt es juristisch nicht mehr – dennoch darf man nicht alles ernten. Bei privaten Gärten und Grundstücken braucht man die Genehmigung des Eigentümers – dies gilt auch für Obst, das über Zäune hinauswächst. Auf öffentlichem Grund ist das Ernten zum Eigengebrauch in der Regel gestattet, oft sogar erwünscht. Für eine gewerbliche Ernte im großen Stil braucht man allerdings eine Genehmigung.

Was kann man jetzt ernten?

Jetzt oder demnächst reif sind Heidelbeeren, Brombeeren oder Holunderbeeren. Auch Mirabellen und Pflaumen haben Saison, die oft an Wegrändern gepflanzt werden. In Rabatten zu findet sind auch Sanddorn und die sogenannte Apfelbeere (Aronia). Der Strauch wird wegen der schönen Herbstfärbung der Blätter gern als Rabatten genommen. Doch die Beeren haben ein herb-süßes Aroma, das sich gut für Saft oder Marmelade eignet.

Alle Teile der Stadtnatur-Serie finden Sie hier.