Stadtnatur-Serie

Mit diesen Pflanzen lässt sich alles färben

Die "Schönfarberinnen" auf dem Tempelhofer Feld

Die "Schönfarberinnen" auf dem Tempelhofer Feld

Foto: Reto Klar

Was sie ernten, macht die Welt bunt. Zu Besuch bei der Färberpflanzen-Initiative „Die Schönfärberinnen“ auf dem Tempelhofer Feld.

Berlin. Bunte Wimpel flattern im Abendlicht, das Windrad neben dem gelben Bauwagen dreht sich unermüdlich. Wie ein kleines Dorf in der weiten Steppe wirkt der Gemeinschaftsgarten Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld. Wenn die Sonne scheint, laufen zwischen den Hochbeeten Menschen mit Gießkannen umher, andere genießen auf grob zusammengezimmerten Bänken Bier und einen Plausch mit Freunden.

Heute ist es eher kühl, es hat fast den ganzen Tag über geregnet. Trotzdem haben sich Susanne Jacobs, Kristin Hensel und Ulrike Hartwig zum Tempelhofer Feld aufgemacht, um nach ihrem Garten zu schauen und uns zu treffen. Der Garten, er ist ihr Wohnzimmer, wird Kristin Hensel später sagen. Der Eindruck, dass da mehr als ein paar Hochbeete vor uns liegen, täuscht also nicht.

Fast alles kann man mit Färberpflanzen farbig gestalten

„Oh je, unser Beet wird schlimm aussehen nach dem vielen Regen“, hat uns Susanne Jacobs am Telefon gewarnt. Als wir das Tempelhofer Feld durch den Eingang Oderstraße betreten, wartet sie schon mit Ulrike Hartwig am Gemeinschaftsgarten. Kristin Hensel kommt wenig später angeradelt und lädt einen bis oben bepackten Jutebeutel ab. Anschauungsmaterial.

Susanne Jacobs, Ulrike Hartwig und Kristin Hensel sind „Die Schönfärberinnen“. In ihrem Färberpflanzengarten auf dem Tempelhofer Feld ziehen sie historische Färberpflanzen, um sie anderen Menschen nahezubringen – und um selbst mit ihnen zu arbeiten und zu experimentieren. Ob Tuch, T-Shirt oder Wolle: Fast alles kann man mit Färberpflanzen farbig gestalten. Zudem lässt sich mit den Naturmaterialien sehr gut malen, was die drei Frauen Kindern und Erwachsenen immer wieder in Workshops vermitteln.

Die Blüte lässt nicht auf die Färbefarbe schließen

Das runde Schaubeet am Eingang des Gemeinschaftsgartens Allmende-Kontor, gleich gegenüber der sogenannten Dorfbühne, sieht tatsächlich etwas ramponiert aus. Kreisrund ist es und birgt auf 20 Quadratmetern eine Vielfalt von Kultur- und Wildpflanzen, die, einst in Gruppen angepflanzt, nun munter durcheinander wuchern. Schilder weisen Besucher auf einzelne Pflanzenarten hin.

Manche von ihnen, wie „Färberwau“, Färberamaranth und Färberknöterich tragen einen Hinweis auf ihre Fähigkeiten direkt im Namen. Andere, wie „Krapp“ und „Waid“, dürften den meisten völlig unbekannt sein. Doch wir entdecken auch gängige und beliebte Gartengewächse wie Studentenblume, Kapuzinerkresse und Rhabarber – und lassen uns belehren, dass die Brennnesselranken und Schafgarben-Stängel im Schaubeet nicht etwa unerwünschtes Unkraut sind, sondern ebenfalls zu den Färberpflanzen gehören. „Goldrute, Schafgarbe, Brennnessel: Die färben richtig gut“, erklärt Susanne Jacobs mit Stolz in der Stimme.

Auch Brennnesseln färben richtig gut

Susanne Jacobs ist Landschaftsplanerin und Gartentherapeutin, ihr botanisches Interesse hat sie zu den Färberpflanzen gebracht. Sie bückt sich und streicht liebevoll über einen Tuff verblühten Färbermeister. „Den haben wir ganz neu, er trägt zarte weiße Blüten“, erklärt sie. Dann inspiziert sie die niedlich gelb-orange blühenden Mädchenaugen, um sich schließlich dem hochwüchsigen Färberwaid zuzuwenden. Teilweise tragen die Stängel noch kleine gelbe Blüten, teilweise haben sich schon kleine Schoten gebildet.

Susanne Jacobs zerbröselt eine Schote zwischen ihren Fingern. „Schauen Sie, hier drin befindet sich die Saat“, sagt sie. Und damit wird auch gefärbt? Keinesfalls. Beim Waid sind es die Blätter, die die Farbe abgeben – und zwar nicht etwa gelb, sondern blau. Entsprechend wird der Waid auch „Deutscher Indigo“ genannt. Die Färberpflanzen, lernen wir, stecken voller Überraschungen und Geheimnisse.

150 Pflanzen eignen sich zum Färben und so gut wie jede zum Malen. Doch lässt die Farbe der Blüte nicht auf die Färbefarbe schließen. Zudem muss man die richtige Erntezeit abpassen, die manchmal vor und manchmal nach der Blüte liegt. Und in vielen Fällen sind es auch gar nicht die Blüten oder Blätter, die zum Färben nützlich sind, sondern die Wurzeln. So wie beim Krapp, dessen Wurzel ein zartes bis kräftiges Orange erzeugt.

Im Kochtopf tritt die Farbe aus den Pflanzenteilen aus

Die Frauen zaubern drei farbige Seidenschals aus ihren Beuteln: einer in zartem Rosa, einer in sanftem Violett, einer in leuchtendem Orange. Kristin Hensel lässt sie durch ihre Hände gleiten. Die Diplom-Designerin hat Mode studiert und sich kürzlich zur Stadtnaturführerin ausbilden lassen. Bei den Schönfärberinnen kann sie ihre Interessen und Kenntnisse verknüpfen. „Dieser Schal hier ist mit Krapp orange gefärbt“, sagt sie und erläutert den Färbevorgang.

Damit ein Stoff die Naturfarbe annimmt, muss man ihn zuvor mit Alaun, einem Salz, behandeln. Das Färbegut wird hergestellt, indem man die Pflanzenteile mit wenig Wasser in einen Kochtopf erhitzt und etwa eine Stunde köcheln lässt, bis die Farbe vollständig ausgetreten ist. „Für das eigentliche Färben braucht man dann Färbegut und Stoff etwa im Verhältnis eins zu eins“, so Kristin Hensel. Je grober der Stoff, desto mehr Farbe ist notwendig.

Eine Reise in die Geschichte

Für ihre Workshops müssen die Schönfärberinnen Farbe zukaufen, weil das Schaubeet auf dem Tempelhofer Feld gar nicht so viel Färbegut hergibt. Auch das Saatgut wird teilweise bestellt oder auf Urban-Gardening-Plattformen eingetauscht. Auch, weil viele Färberpflanzen mittlerweile so selten geworden sind, dass man Saatgut nicht einfach im Gartencenter nachkaufen kann. Dabei gibt es immer mehr Menschen, die sich für sie interessieren. „Färberpflanzen sind ein richtiger Trend geworden“, hat Susanne Jacobs beobachtet. „Sie passen zum steigenden Interesse an der Natur, am Selbermachen, am Urban Gardening.“

Ein Besuch bei den Schönfärberinnen ist auch eine Reise in die Geschichte. Seit jeher nutzen Menschen Naturmaterialien wie Pflanzen und auch Tiere, um ihre Kleidung zu färben. „Viel wichtiger als der Schutzcharakter war früher der Schmuckcharakter der Stücke“, erzählt Kristin Hensel. „Die Urvölker haben sich mit Kleidung schön gemacht und darin die Farben der Natur aufgenommen: etwa das Blau des Himmels und das Rot der Abendröte.“ Farbe wurde zu einem Zeichen von Reichtum. Zudem kennzeichnen Farben häufig die soziale Stellung. Bis heute haben Farben symbolischen Charakter – und machen das Leben bunt.

Die Pflanzen erzeugen ein großes Farbspektrum

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten synthetischen Farben in Deutschland hergestellt wurden, gerieten die Färberpflanzen allerdings in Vergessenheit. Die Vorteile der chemisch produzierten Farbstoffe, die im Zuge der Industrialisierung die Naturstoffe fast vollständig verdrängt haben, liegen auf der Hand: Die Farben sind intensiver, farbecht, waschecht und reproduzierbar.

Natürlich hergestellte Farben variieren in ihrer Farbstärke, sie sind lichtempfindlich und weniger haltbar. Doch sie haben einen Zauber, dem sich nicht nur die Schönfärberinnen kaum entziehen können. Auch wir spüren ihn, als die drei Frauen sämtliche Stoffproben und kolorierten Papiere vor uns ausgebreitet haben. Die Färberpflanzen erzeugen ein äußerst variantenreiches Farbspektrum. Es ist ein sinnliches Vergnügen, über die handgefärbten Tücher zu streichen. Und nicht zuletzt leuchten selbst die kräftigen Farben so sanft, dass sie eine ungemein beruhigende Wirkung entfalten.

In jeder Gehwegritze wachsen Färberpflanzen

Ulrike Hartwig nickt zustimmend. Für die Wirtschaftsingenieurin ist die Arbeit mit den Färberpflanzen ihr Ausgleich zum Stadt- und Büroleben. Sie wohnt nicht weit entfernt vom Tempelhofer Feld und kümmert sich gern um das Schaubeet. Gießen, Unkraut zupfen, Pflanzen hochbinden: Es gibt immer was zu tun, „das erdet mich“, sagt sie. Zu Ulrike Hartwigs Hobbys gehört auch das Stricken, Spinnen und Filzen. Gern experimentiert sie dabei mit Extrakten aus den Färberpflanzen – so schließt sich der Kreis.

Seit 2013 engagieren sich die drei Frauen für die Färberpflanzen auf dem Tempelhofer Feld. Mit ihrer Arbeit haben sie nicht nur die Sicht neugieriger Besucher auf die Kostbarkeiten der Natur verändert – auch sie selbst gehen mittlerweile mit anderen Augen durch die Stadt. „Ich sehe inzwischen in jeder Gehwegritze Färber- und Heilpflanzen“, sagt Kristin Hensel und lacht.

Susanne Jacobs gibt zu, dass sie in ihrem Haushalt fast alles hortet, was sie früher als Abfall betrachtet hat. Ob Zwiebelschalen oder verblühte Blumensträuße: Alles wird gesammelt – schließlich lässt es sich noch zum Färben verwenden.

Der Himmel über uns ist wieder grau geworden, aus den Wolken beginnt es zu tröpfeln. Schnell packen die drei Schönfärberinnen ihre bunten Stoffe und Gläser mit Farbproben zusammen – zu viel Mühe steckt darin, als dass sie das empfindliche Gut Regen aussetzen wollen. Der soll den Färberpflanzen vorbehalten sein, die das Nass nach vielen trockenen Tagen gut gebrauchen können.

Als wir vom Ausgang auf den Gemeinschaftsgarten Allmende-Kontor zurückblicken, stehen die drei Frauen noch beisammen, man hört ihr Lachen über die Ebene schallen. Das Gartendorf hat aus ihnen nicht nur die Schönfärberinnen gemacht – sondern auch Freundinnen.

Workshops: Experimentieren mit Natürlichen Farben

Natürlich färben Am Sonntag, 22. Juli, bieten die Schönfärberinnen-Gärtnerinnen im Rahmen des 2. Gatower Kräutersommers zwei Workshops an. Der Veranstaltungsort ist nicht das Tempelhofer Feld, sondern der Gutshof Gatow, Buchwaldzeile 45, 14089 Berlin. Anmeldung für beide Workshops jeweils unter:
faerbergarten@allmende-kontor.de

Workshop 1 Von 11 bis 13.30 Uhr wird mit selbst hergestellten Pflanzenfarben experimentiert. Unter anderem werden Postkarten mit botanischen Motiven koloriert. Dazu gibt es Wissenswertes über historische Färberpflanzen. Kosten: Erwachsene 25 Euro, Kinder 10 Euro (inkl. Material).

Workshop 2 Von 14.30 bis 16.30 Uhr geht es um botanisches Zeichnen mit Naturfarben. In der Tradition der Naturforscher wird die Flora der Umgebung mit Naturfarben gezeichnet. Diplom-Designerin Kristin Hensel leitet die Teilnehmer an. Zeichenpapier und Pinsel gerne mitbringen. Kosten: Erwachsene 25 Euro, Kinder 10 Euro (inkl. Material).

Schönfärberinnen Sie sind eine der zahlreichen Initiativen von Gärtnerinnen und Gärtnern des Gemeinschaftsgartens Allmende-Kontor e. V. Wer Interesse an Färberpflanzen hat und den Färbergarten unterstützen möchte, ist herzlich willkommen. Auf Nachfrage werden Führungen und Workshops angeboten, auch für Schulklassen. Kontakt: faerbergarten@allmende-kontor.de

Das Allmende-Kontor Gemeinsam gärtnern, Bildungsarbeit leisten, die Stadtentwicklung vorantreiben, forschen und beraten – der Verein des Gemeinschaftsgarten auf dem Tempelhofer Feld hat mittlerweile 300 Hochbeete und rund 900 Gärtnerinnen und Gärtner. Kontakt: www.allmende-kontor.de

Bücher Jackie Crook: Natürlich färben. 30 Rezepte zum Färben mit Pflanzen. Haupt-Verlag, 9,90 Euro; umfassendes Wissen über die Färberpflanzen vermittelt dieses Buch: Eberhard Prinz: Färberpflanzen. Anleitung zum Färben, Verwendung in Kultur und Medizin. Schweizerbart, 39,50 Euro.

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