Berliner Spaziergang

Galerist Johann König: Mit wachen Sinnen für die Kunst

Wir treffen Menschen, die etwas bewegen. Heute: ein Spaziergang mit Top-Galerist Johann König.

Johann König / Galerie König / Garten der Galerie

Johann König / Galerie König / Garten der Galerie

Foto: Reto Klar

Berlin. Sieben Uhr morgens. Johann König fragt via SMS, ob man sich statt um 10.30 Uhr schon um 9 Uhr treffen könnte. Und doch nicht in seiner Galerie in der Kreuzberger St.-Agnes-Kirche, sondern am Oranienplatz. Leider etwas zu spontan. Es bleibt wie vereinbart.

Der große Johann König, einer der Topgaleristen Deutschlands, gerade mal 37 Jahre alt und schon seit 16 Jahren im Geschäft, verheiratet und vierfacher Vater. Natürlich staunt man da und kann erahnen, dass der Mann dauerhaft auf dem Gaspedal steht. Deshalb wohl auch die SMS am Morgen mit eventueller Optimierung des Tagesplans. Man muss ja alles unter einen Hut bringen.

Wir trinken noch kurz einen Kaffee in der Galerie und gehen dann raus. Zuallererst will er uns den Mittelpunkt Berlins zeigen, den sonst kaum einer zu kennen scheint. Er läuft zielstrebig zu einem fast traurig wirkenden Markierungsstein, auf dem die Koordinaten jener Mitte eingemeißelt sind. Er lacht, weil das hier schon irgendwie skurril wirkt so am Wegesrand irgendwo zwischen Büschen.

Genau das ist es auch, was ihn so fasziniert hat an dieser Gegend und es immer noch tut. Das merkwürdig Undefinierte. Damals war er eigentlich auf der Suche nach einem Eigenheim für die Familie, stieß dann auf diese leer stehende „Sonderimmobilie“ im Nichts. Im lange Zeit vergessenen Teil des im Zweiten Weltkrieg komplett zerbombten Zeitungsviertels an der Alexandrinenstraße.

Beruf und Leidenschaft in einem Gebäude

Gebaut wurde die St. Agnes vom Architekten Werner Düttmann. Der Stil: Brutalismus. Manch einer wird sie wohl hässlich finden. Ein Ungetüm von Beton der 60er-Jahre. Grau und klobig. König mag sie, erstand sie 2015 und wohnt mit seiner Familie im ersten Stock. Die Verschmelzung von Beruf, Leidenschaft und Privatleben. Ähnlich wie Familie Boros, die im ehemaligen Reichsbahnbunker Friedrichstraße lebt und arbeitet.

Wir laufen in die Ritterstraße. König hat einen zackigen Schritt drauf, ohne zu hetzen. Auf dem Weg erzählt er von der Sanierung des Viertels hier. Schön sei das, endlich passiere mal was, schwärmt er. Man hat das Gefühl, dass er seinen Motor dauerhaft füttert, und zwar mit allem. Dem Wohnprojekt R50 hier in der Straße (Versuch neuer Wohnform im Kiez), einem Dolce&Gabbana-Video, das gerade als rassistisch bezeichnet wurde, oder den Gästen in seiner Lieblingskneipe namens „Flachbau“ hier um die Ecke.

Vielleicht liegt dieses angezogene Tempo auch an seinem Schicksal, das ihn mit elf Jahren traf, als er sein Augenlicht bei einem Unfall verlor. Immer weitermachen, niemals stehen bleiben. Im Kopf jedenfalls. König bleibt jetzt abrupt stehen, schaut (laut lachend) einem Boxer hinterher, der ein Jäckchen mit drei Streifen trägt. Statt Adidas steht da „Adidog“. Wieder der wache König, der erst seit wenigen Jahren und unzähligen Operationen in geringem Maße wieder sehen kann.

Kurz vorher sprachen wir noch über diese eine Szene aus seiner Kindheit: Sein Vater, damals Direktor des Museums Ludwig in Köln, liegt in der Badewanne, die Künstlerin Isa Genzken (mit der König heute selbst arbeitet) rauchend daneben, während ihr seine Mutter Spiegeleier bringt.

In jungen Jahren gehörte grotesk Inszeniertes zum Alltag

Der junge Johann wuchs in einem Haushalt auf, wo so etwas fast schon grotesk Inszeniertes zum Alltag gehörte. Immer große Namen im elterlichen Wohnzimmer. „Oft sind Leute so begeistert, wer damals alles bei uns zu Hause war, aber als Kind interessiert einen so was ja nicht.“ Eine Welt voller Erwachsener und er, das Kind, mittendrin.

Aus der Gewohnheit heraus ist es für König nicht immer ganz einfach, die nötige Demut oder eine gewisse Ehrfurcht vor den Künstlern zu haben. „Die Figur des Künstlers ist für mich fast etwas zu normal“, sagt er nun.

Ist diese Lockerheit nicht gut? „Schon, aber es ist doch schon etwas Besonderes, mit Künstlern zu arbeiten. Ich vergesse ab und an, dass sie einen speziellen Blick auf die Welt haben.“

Auch seine Kinder (vier bis 14 Jahre von zwei verschiedenen Frauen) wachsen zwischen „solchen“ Leuten auf. Alleine der eigene Vater, also Johann König selbst, ist ja schon eine Type. Und sein Interesse an markigen Charakteren scheint unersättlich. Oft sei es übrigens angenehm irritierend, wie entwaffnend normal oder wie schräg die Leute wirklich sind. „Mich interessieren andere Welten, auch weil ich alles irgendwie miteinander mischen will“, sagt er.

„Der Zugang zur Kunst muss vielfältig sein!“

Wer in Königs Büro anruft, hört somit auch statt dem klassischen Tuten die Melodie der Love Hotel Band um den Rapper Yung Hurn. Ein superhipper, junger Wiener, ein Star mit 370.000 Fans auf Instagram (König hat 22.700). Als man König drauf anspricht, lacht er wieder so. Er sei „Fanboy“ von dem Musiker, gibt er zu, aber: „Bei dem ganzen Zirkus geht es mir auch darum, Schwellenangst abzubauen.“

Mittlerweile sitzen wir im Café der Berlinischen Galerie um die Ecke. König erklärt nun: „Der Zugang zur Kunst muss vielfältig sein!“ Für alle könne Kunst eine gewisse Bereicherung sein, so wie Film und Musik auch. Und die Hürde sei nicht so hoch, wie viele glauben. „Man muss gar nicht so viel dafür wissen. Wobei natürlich gilt: Wer viel weiß, sieht mehr.“

Dieser Gedanke war auch ein Grund dafür, dass er König Souvenirs ins Leben rief. Eine Art Merchandise zur Identifikation mit der Galerie. Eben auch für diejenigen, die sich zufälligerweise kein 300.000-Euro-Werk leisten können. Die Ausgangsfrage: Was kann man den Besuchermassen mitgeben? Das sind dann Pullover oder Kappen oder das „König Magazin“.

Vor allem mit den Klamotten zeigt man eine Verortung, eine Teilhabe. Wirkt das nicht elitär? Nein, genau das Gegenteil! Weil über so etwas Grenzen gezeigt würden. Wer sich vorher noch nicht wirklich mit Kunst beschäftigt hat, findet vielleicht darüber seinen ganz eigenen Zugang. Die mal mehr, mal weniger politisch konnotierten Teile als kleinster gemeinsamer Nenner, könnte man also sagen.

Lange wollte König nichts mit Kunst zu tun haben

Bei Galeristen sei der übrigens nicht etwa das Studium der Kunstgeschichte. Er hat auch keines. Dann, wenn es etwa um Momente der Mythologie gehe, fehle ihm da schon manchmal Wissen. Und trotzdem steht er da, der gemachte Galerist, der damals – etwas wahnwitzig – noch vor der letzten mündlichen Abiturprüfung entschied, eine Galerie zu eröffnen. Das war 2002.

Dabei wollte er lange gar nichts mit Kunst zu tun haben, sie habe ihn sogar genervt. Typisches Rebellieren gegen Bekanntes. Doch über all die Beziehungen zu den Künstlern sei er immer mehr da reingerutscht. „Und irgendwann habe ich gemerkt, dass nichts anderes so viel Enthusiasmus in mir auslöst wie dieses unheimlich freie Umfeld.“

Es ist schon ein wenig verrückt, dass jemand mit Ende 30 schon so „groß“ ist – gerade im herrschaftlich wirkenden Kunstbusiness. Doch wer früh sät, erntet im besten Fall eben auch früher. Dazwischen gab es natürlich auch auf Königs Weg immer wieder Durststrecken.

„Ich habe wahrscheinlich schon jetzt so viel erlebt wie ein 50-Jähriger.“ Er lacht wieder. Als Nächstes dann früher Ruhestand und Enkel, sagt er und lacht noch lauter. König klingt dabei sympathisch. Er ist amüsant, weil er sich gerne amüsiert – auch über sich selbst.

Noch bevor wir auf die Straße gehen, werden die Fotos gemacht. Im hübsch bepflanzten Garten hinter der Kirche. Darin stehen neben dem Sandkasten für die Kinder auch Skulpturen. Von Tatiana Trouvé und Alicja Kwade.

Bei jedem Auslösen reflektiert sich der grelle Blitz in seinen auffällig dicken Brillengläsern. Sie sind so etwas wie sein Markenzeichen, unverkennbar. Damals beim Unfall spielte er mit einer Startschusspistole. Die Munition, die er in eine Metalldose legte, explodierte durch eine chemische Reaktion. Die Splitter zerstörten seine Netzhaut.

Hätte er sich wohl genau so schnell für einen alles verändernden Weg entschieden, wäre der Unfall nicht passiert? Es könne schon sein, dass es dann anders gelaufen wäre, sagt er. Damals habe er jedenfalls den unbedingten Drang gehabt, es zu tun. Vielleicht auch aus Angst, im nächsten Moment wieder zu stagnieren.

Das glaubt man sofort. Wie furchtbar muss es wohl sein, plötzlich einfach nichts mehr zu sehen? Wie frustrierend, nach jeder Operation wieder zu glauben, jetzt werde alles wie vorher? Und dann ist da doch wieder bloß alles verschwommen.

In manchem Leid steckt ja perverserweise auch etwas Positives – ob es ihm da auch so geht? König überlegt kurz und sagt dann: „Ich denke, ich bleibe länger an einer Sache dran, gebe nicht so schnell auf, wie ich es wahrscheinlich sonst getan hätte.“

Was ihm das im Beruf bringt? „Das Letzte, was man im Umgang mit Künstlern machen sollte, ist es, zu schnell aufzugeben.“ Er nennt Jeremy Shaw, der aktuell in der Galerie zu sehen ist. König betreut ihn seit acht Jahren und erst jetzt zeigen die Londoner und das Pariser Centre Pompidou seine Arbeit.

Den gesamten Weg eines Künstlers bekommt eine gewisse Öffentlichkeit ja meist gar nicht mit. Galerist und Künstler brauchen einen langen Atem und Geduld als wichtigste Handwerkszeuge. Seinem Vater erzählte er vor 16 Jahren übrigens erst mal nichts von seinem Plan einer eigenen Galerie, wollte sich die Idee nicht zerreden lassen. Kasper König hätte als erfahrener Mann in dieser Szene sicher einen Realitätscheck mit dem Sohn gemacht. „Und wenn du was nicht hören willst, fragst du nicht nach“, sagt König.

Das Programm in der Galerie heute ist divers. Alle Medien, alle Nationen und Orientierungen. Was hält die Künstler zusammen? „Die Klammer ist, dass man die Arbeiten immer ganzheitlich erleben kann.“ Also auch körperlich.

Natürlich bleibt da die etwas fiese und irgendwie auch berechtigte Frage, ob das nicht auch etwas mit seinem eingeschränkten Sehvermögen zu tun habe? „Ich habe Kunst schon immer ganzheitlich erfahren!“

Am Ende sei doch das Bleibende an der bildenden Kunst, im Gegensatz zu vielen anderen Formen, „dass man sie vor allem nur in der Realität erleben kann“, mit allen Sinnen. Musik kann man streamen, Literatur irgendwie vervielfältigen. „Kunst wird sich über all die disruptiven Marktveränderungen retten können“, glaubt er.

Kurz bleiben wir nun noch hängen im digitalen Zeitalter. Die Macht von Social Media und so. Facebook ist für ihn zum Grabbeltisch geworden, ein Artikel der „New York Times“ neben einem von „Russia Today“. Und Instagram nutzt er als Pressetool und zum Sourcing. Wie das? „Wenn ich irgendwo eingeladen bin, schaue ich mir vorher häufig die Location an und wäge danach ab, ob es Sinn macht, hinzugehen.“

Ein Blick auf die Uhr, ein verpasster Anruf. Er müsse kurz zurückrufen. „Hallo, wer spricht da? – Ah ja, genau, ich hatte die Nummer nicht gespeichert. – 10.30 Uhr vor dem Wasserwerk, gut.“

Und dann müssen wir auch los. Sein nächster Termin steht an. Diesmal mit einem seiner Kinder. Die Familie scheint ihm heilig. Das ist schön zu sehen. Umtriebigkeit muss nicht immer auch bedeuten, keine Konzentration für das Einzelne, das Kleine, zu haben. König, der Dauer-Vater, Dauer-Mann und Dauer-Socializer.