Berliner Spaziergang

Schauspieler Mark Waschke ist der Unverfälschte aus Berlin

Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen. Ein Spaziergang mit Mark Waschke, Schauspieler und Berliner „Tatort“-Kommissar

Schauspieler Mark Waschke vor einem Grafitty von "Urban Nation" in der Bülowstraße.

Schauspieler Mark Waschke vor einem Grafitty von "Urban Nation" in der Bülowstraße.

Foto: Reto Klar

Alles vereint, sagt Mark Waschke und dreht sich einmal um sich selbst. Glaube, Gentrifizierung, Prostitution, Diversität, Migration. Wir treffen uns bei miesem Wetter vor der Zwölf-Apostel-Kirche nahe der Kurfürstenstraße. Sein Kiez. Nicht der Straßenstrich, aber in der Ecke hier lebt er. Der eiskalte Regen und der drückend graue Himmel passen zu dem Rauen, das diese Gegend umweht. Dass man das so empfindet, liegt sicher auch an der Sehgewohnheit in einer Stadt, die immer sauberer wird. Auch hier, noch allerdings nur partiell.

In der Potsdamer und den Seitenstraßen gibt es noch Orte, die Berlin zeigen, wie es mal war. Relikte schäbig wirkender Trashkneipen aus den 80er-Jahren, die man mag, auch Waschke, weil sie so urig sind. Urig. Ein ganz furchtbares Wort, findet er. Die „Victoria Bar“ fällt aus diesem Trash-Raster, aber auch sie hat ihre unangefochtene Berechtigung, weil sie schon seit Ewigkeiten existiert. So wie der LSD-Shop – Love Sex Drugs – der noch immer verlässlich pink und blau leuchtet.

Trotzdem verändern sich auch hier die Dinge. Der Straßenstrich sei noch härter geworden, sagt Waschke: „Zwischenzeitlich war der Spielplatz gesperrt, weil dort zu viele Spritzen und Kondome lagen.“ Direkt daneben werden Penthouse-Wohnungen mit dem Namen Voltaire gebaut. Albern. Er lacht. Diplomaten ziehen dort ein. Leblose Gebäude sind das, geschmacklos, findet Waschke die. Und es werden Privatschulen gegründet, während staatliche Schulen vernachlässigt werden.

Waschke spricht die Dinge an wie ein Bezirkspolitiker

Der Schauspieler spricht die Dinge an als wäre er Bezirkspolitiker. Verbittert wirkt er dabei nicht. Trotzdem erzählt er, um das Ungerechte zu betonen, noch den Klassiker: ein Taxifahrer, der jahrelang vergebens nach einer größeren Wohnung sucht, weil er sich keine leisten kann. „Dass so viele Menschen in die Stadt kommen, war immer so, nur leider wird alles immer teurer.“ Das Monster Gentrifizierung legt mittlerweile seine Tentakel um fast jeden Teil Berlins.

Spannend sei es hier noch immer, weil eben alles aufeinanderpralle und gleichzeitig Grenzen aufgebrochen würden, findet Waschke. Hätte er das Budget, würde er einen Film über die Gegend drehen: „Eine Geschichte über Menschen, die gemeinsam in einer Art Mikrokosmos miteinander verwoben sind, trotz aller Gegensätze. Hier gibt es Galerien und Drogenhändler, ganz reiche und ganz arme Menschen.“

Schnell liegen nun urbane Konflikte auf dem Tisch. „Auch deshalb bin ich Kommissar geworden“, sagt Waschke und grinst. Natürlich nicht. Aber dass Berlin neben ihm und seiner Schauspielkollegin Meret Becker die dritte Hauptrolle im „Tatort“ spielt, ist wichtig. Vielleicht geht das auch gar nicht anders, all die Geschichten wären wohl verschenktes Material.

Dass die Kommissarin fast jede Nacht in Clubs geht und er als Kommissar Robert Karow auch mal mit Männern schläft, das würde in Ludwigsburg nicht authentisch erzählt werden können. So etwas funktioniere nur in Berlin. Da erwartet man so was geradezu und wundert sich über nichts. „Mich hat es deshalb auch irritiert, dass Karows Bisexualität so große Wellen geschlagen hat“, sagt Waschke. Aber klar, es betrifft ja ein Publikum in ganz Deutschland und da leben viele mit anderen Tendenzen.

Sehgewohnheiten erschüttern – das ist für ihn Schauspielerei

In solchen Momenten merkt er, dass er genau das will: Mit seinem Spiel etwas mit dem Zuschauer machen. „Wir können mit bestimmten Bildern, die wir in Filmen inszenieren, die Wirklichkeit prägen.“ Sehgewohnheiten zu erschüttern, das bedeutet für Waschke Schauspielerei. Man kann Dinge damit etablieren, Vorbilder schaffen. „Zum Beispiel warte ich bis heute darauf, dass endlich mal zwei ernst zu nehmende Kommissarinnen, losgelöst von weiblichen Klischees, im Fernsehen Fälle lösen.“

Der 44-Jährige ist im Ruhrpott und Saarland aufgewachsen. Mit Anfang 20 kam er nach Berlin, um auf die Schauspielschule Ernst Busch zu gehen. Dort war er in einem Jahrgang mit Nina Hoss, Fritzi Haberlandt und Lars Eidinger. Alle erfolgreich. Dass das so gekommen ist, sei reiner Zufall, sagt Waschke heute. Außer dem gemeinsamen Karrierestart an der Schule und dem Ruhm aller verbinde sie heute nicht viel. Sowieso hält Waschke nichts von Branchentreffs und solchem Zeug. Er hält sich da raus. „Obwohl ja auch das schon eine ‚Selbst­etikettierung‘ ist“, stellt er fest.

Wir laufen zur Bülowstraße. Oder besser: Waschke fährt. Er probiert das E-Bike aus, mit dem der Fotograf zum Termin gekommen ist. Mit Vollgas, 32 Stundenkilometer, die Straße entlang. Er wirkt wie ein kleiner Junge: neugierig und angefixt. Jetzt zum offiziellen Teil: Fotos schießen an einer Hauswand voller Graffiti. Bereitwillig setzt er sich auf einen Betonklotz. Zwischen diesem und der Fassade liegen ein alter Tampon, Spritzenhülsen und Filter. „Hier findet man ja allet“, witzelt Waschke im Berliner Dialekt. Der Fotograf schlägt ihm eine Pose vor. Waschke tauscht kurz die Rollen, tut so, als würde er ihn ablichten: „Super! Bleib so!“

Das kann er gut: einfach gucken - in die Kamera

Jetzt ist er an der Reihe. Sobald die Kamera auf ihn zielt, ist er ruhig. Das kann er gut: einfach gucken. Gerne auch, ohne sein Gesicht zum Lächeln zu zwingen, aber ohne unfreundlich zu wirken. Aufmerksam und offen blickt er in die Linse, als würde er sich darin spiegeln. Waschke weiß wohl genau, wie er später vom Foto den Leser anschauen wird. Und zwar mit einer magnetischen Anziehung, dass man schon jetzt kaum anders kann, als ihn zu beobachten.

Das Reduzierte, was er hier zeigt, das wird ihm oft als Besonderheit im Spiel ausgelegt. Dabei kann er auch anders. Vor allem auf Theaterbühnen, wo es um große Bewegungen und Extreme geht. „Theater bedeutet Orgie! Sex! Weil es eine intime, leidenschaftliche und grenzenlose körperliche Beziehung ist, die man mit vielen Menschen im Moment auf der Bühne eingeht“, sagt Waschke. Was einen großen Unterschied zum Film darstellt, weil man da diese Energie immer nur für Momente hat. „Dazwischen liegt ein technischer Apparat – es ist also ein stundenlanger Koitus interruptus.“ Er lacht.

Am Filmset werde ihm häufig gesagt, er könne ruhig weniger machen. „Eine Szene muss am Ende einfach so gespielt werden, dass der Zuschauer sie glaubt. Ob leise, geschrien oder stumm“, sagt Waschke. Punkt. Die berührendsten Erlebnisse in seinem Leben seien ohnehin die gewesen, in denen es eher zurückgenommen zuging. Bei einer Trennung zum Beispiel passiere mehr im Kopf, da werde währenddessen nur selten hysterisch geschrien, sagt er. Das kommt erst später oder war vielleicht längst da. Alles andere sei pseudo­authentisch.

Mittlerweile sitzen wir in einem Café auf der Potsdamer Straße. Waschke spricht immer wieder von Authentizität. Er spricht es nicht direkt aus, aber gibt durchaus zu verstehen, dass es da ihn gibt, dem Echtheit sehr wichtig ist, und andere. Das genügt. Nicht echt ist für ihn übrigens auch Klatsch. Auch davon grenzt er sich ab. Man weiß nur zwei private Dinge, über die man tratschen könnte: Er ist verheiratet und hat eine Tochter. Reicht, sagt er. Wer bei Google Fotos von den zwei weiblichen Personen in seinem Leben finden will, der sucht vergebens.

Waschke hat auch kein Facebookprofil, kein Instagram oder Twitter. Tinder allerdings, das würde ihn interessieren, so rein aus Prinzip. Ob ihm da seine Bekanntheit wohl helfen oder eher im Wege stehen würde, fragt er sich manchmal. Was es in echt macht, wenn man bekannt ist wie er, habe er unterschätzt, sagt er. Vor allem seit er Kommissar ist, hat sich das in der breiten Öffentlichkeit noch mal verändert. „Bestimmte Leute gehen anders mit mir um, wenn sie mich erkennen.“ Das kann lustig, aber auch nervig sein. Zum Beispiel dann, wenn man in der Silvesternacht, verstrahlt wie alle, ins „Kumpelnest 3000“ stolpert und alle ganz aufgeregt sind.

Wenn er von solchen Szenen erzählt, kann man auch noch vom Nachbartisch erkennen, dass der gut aussehende Typ mit den stechend blauen Augen entweder Exzentriker oder Schauspieler sein muss. Er steht auf, verstellt seine Stimme, in einem Moment ganz hoch, im nächsten raunt er nur wie in einem alten Western, wippt auf dem Stuhl nach vorne und hinten.

„Verwundbar sein bedeutet, auch feinsinnig zu sein“

Waschke schämt sich nicht aufzufallen. Scham, das ist sowieso so eine Sache. Eine, die ganz wichtig ist für Schauspieler und wegen der viele Schauspieler zu Trinkern würden, weil die Scham einem ja oft im Wege steht. Die Gefahr sei aber, dass man mit ausgestellter Schamlosigkeit nicht unbedingt besser werde. „Verwundbar sein bedeutet, auch feinsinnig zu sein. Die Kunst ist das Ausbalancieren: Man muss versuchen, sich in der Unbehaglichkeit behaglich zu fühlen“, sagt Waschke.

Teilweise klingen seine Gedanken fast philosophisch. Man glaubt ihm, dass er sich gerne in intellektuellen Kreisen aufhält. Momentan lese er gerne Texte des slowenischen Denkers Slavoj Žižek und schaue Serien, die ihn auf sich selbst zurückwerfen. „Dann, wenn sie Dinge formulieren, die ich so für mich vorher nicht verbalisieren konnte, mich aber in irgendeiner Form betreffen.“ Ich. Wie egozentrisch muss man in diesem Beruf eigentlich sein? „Schauspielerei ist ein sehr selbstbezogener Beruf, da muss man sich nichts vormachen.“

Eigentlich fing das schon in der Kindheit an. Damals, als Waschke im Kindertheater in Saarland war, wo er anfangs von seinen neuen Mitschülern gemobbt wurde. Er war „der Neue“, „das Ärztekind“, der sich als etwas Besseres fühlte mit seinem Hochdeutsch. Waschke spricht plötzlich mit saarländischem Dialekt. Damit stellt man sich die Ex-Mitschüler extra dümmlich vor. Dieser Ausschluss aber hat ihn motiviert. Mit zehn Jahren stand er dann vor dem Badezimmerspiegel und sagte zur Mutter: „Wenn das heute eine gute Vorstellung wird, werde ich Schauspieler, Mama.“ Waschke muss lachen, als er sich erinnert.

Der Drang, besonders zu sein, der war immer da. Dinge anders zu machen. Auch als seine Eltern. Die typische Unentschlossenheit zwischen Liebe für sie sowie dem Nacheifern und dem Abgrenzen, weil man es doch besser machen will als sie. Eigentlich sei der Urinstinkt des Menschen ja, in der Herde zu leben. Die Urangst – größer als vor Tod und Krieg – sei es, sich von ihr zu entfernen. „Ich hatte schon während meiner Kindheit vor, etwas Großes zu werden. Irgendetwas mit Musik war für mich gleich Dirigent und irgendetwas mit Kirche Kardinal. Am Ende bin ich irgendetwas mit Schauspiel geworden und bin mittlerweile „Tatort“-Kommissar.“

Draußen regnet es noch immer, aber Waschke hat es ja nicht so weit. Zum Schluss noch ein Tipp: „Wenn man mal schlechte Laune hat, muss man nur zu dem Supermarkt auf der Potsdamer Straße gehen.“ Da seien die Kassiererinnen so gut gelaunt. Und zwar ständig und trotz ihrer Situation, sodass man seine Realität wieder etwas zu justieren lerne.

Mark Waschke - Zur Person

Familie Mark Waschke wurde vor 44 Jahren in Wattenscheid geboren. Mit acht Jahren zog er mit seiner Familie ins Saarland. Nach Berlin kam er zum Studium an der Ernst-Busch-Schauspielschule. Waschke ist verheiratet und hat eine Tochter.

Karriere Seit 2014 ist Waschke Berliner „Tatort“-Kommissar. In der Literaturverfilmung „Buddenbrooks“ war er in der Hauptrolle im Kino zu sehen. Bis heute spielt er noch als festes Ensemblemitglied an der Schaubühne. Die spannendsten Geschichten, findet er, sind die, wo man nicht mehr weiß, wer gut und wer böse ist. Wenn verschiedene Universen verschwimmen würden. Virtuoses Spielen interessiert ihn nicht, eher, ob etwas stimmig sei oder nicht. Wenn jemand seine Technik beherrsche, sehe man sie sowieso gar nicht.

Auszeichnungen 2013: Deutscher Fernsehpreis für das Ensemble „Unsere Mütter, unsere Väter“

Spaziergang Wir treffen uns vor der Zwölf-Apostel-Kirche. In der Nähe befindet sich auch Berlins ältester Straßenstrich. Im Regen gehen wir zur Bülowstraße (hoch zum Urban Nation Haus). Der Regen wird stärker, deshalb laufen wir über die Potsdamer Straße in ein Café (Potsdamer Straße 103), wo wir uns später auch verabschieden.