Berliner Spaziergang

Die berühmte Stimme aus Berlin

Robert De Niro hat angerufen. "Brückner, guten Tag", sagt er am Telefon. Höflich und leise, aber mit dieser rauen, ein wenig zu hohen Stimme, die immer ein bisschen Unheil verkündend klingt. Er fragt: "Wann und wo wollen wir uns treffen?"

Ich bin einen Moment verwirrt. Kann das sein? Dann fällt mir ein: Ich hatte Christian Brückner für den Spaziergang angefragt, einen der bekanntesten deutschen Synchronsprecher. Seit Jahrzehnten ist er die Stimme aller möglicher Filmgrößen, wurde bekannt mit Warren Beatty in "Bonnie und Clyde". Das war 1967. Viele kennen ihn heute aus Hörspielen, als seriösen Off-Sprecher in Guido Knopps Historiendokus, von Literaturlesungen und Hörbüchern. Dass Brückner auch im wirklichen Leben wie Robert De Niro klingt, hatte ich nicht vermutet.

Einige Wochen später stehe ich vor einem kleinen Häuschen in Schlachtensee. In der Tür wartet ein Herr in dunklem Mantel. Der weiße Bart, das Haar mit den letzten dunklen Strähnen, der abwartende Blick aus dunklen Augen - Brückner ähnelt De Niro auch äußerlich, sie sind fast auf den Tag genau gleich alt: 68 Jahre. Vielleicht ist es ganz gut, dass ich diese Gedanken erst mal für mich behalte. Denn Brückner sagt später etwas reserviert: Sie seien sich nur einmal im Leben begegnet, auf einem Filmfestival. Er sei kein großer Filmfan. Ich bin erstaunt. Brückner entgegnet: Ihn bewege eben anderes. Was das ist, werde ich bald herausfinden.

Nie wieder wollte er abhängig sein

Gegenüber von Brückners Haus wühlt schweres Gerät brummend im Morast. Bagger und Kräne pflanzen blütenweiße Stadtvillen in den sumpfigen Boden. Sie passen nicht zur gediegenen Gemütlichkeit des 20. Jahrhunderts rundum. Wir beschließen, dem Lärm Richtung See zu entfliehen.

Der Weg führt vorbei an einem aufdringlich sauberen Einkaufszentrum und durch einen Tunnel. Unsere Stimmen hallen etwas unheimlich wider. Wir sprechen davon, wie er und seine Frau in den 70er-Jahren hierher zogen, in die Idylle am See, wo niemand etwas ahnte von Mauerfall und weltweitem Berlinfieber. Der Hauskauf sei eine Art Trotzreaktion gewesen, sagt er. "Wir hatten kein Geld, unser erster Sohn war schon auf der Welt, da wurde uns plötzlich die Wohnung gekündigt, weil die Tochter des Vermieters einziehen wollte." Nie wieder, schwor er sich damals, wollte er abhängig sein. Nicht von Vermietern, nicht von Arbeitgebern. Und, so wird er später sagen, auch nicht von Robert De Niro. Doch die Synchronrollen brachten immerhin genug ein, um das Häuschen zu bezahlen.

Dann liegt der See vor uns. Ein graues Band zwischen braunem Laubwald im Regen. Rund 500 Film- und Serienrollen hat Brückner bisher gesprochen, allein 64-mal Robert De Niro. So steht es in der Deutschen Synchronkartei. Brückner ist über die Zahl erstaunt. Er sagt, er habe diese Rollen nie gezählt. Und bittet, wieder in diesem leisen, Unheil verkündenden Ton: Ob wir uns wohl gedanklich ein bisschen von Robert De Niro entfernen könnten?

Das fällt schwer. Schauspieler können ihre Körperhaltung verändern, Mimik, Gestik, das Äußere sowieso. Die Stimme zu ändern ist fast unmöglich. So klingt auch Brückners heute so wie der deutsche Robert De Niro in "Taxi Driver" von 1976. Unser Gespräch ist die verwirrende Begegnung mit einem Unbekannten, mit dessen Stimme ich aufgewachsen bin - so wie inzwischen wohl mehrere Generationen.

Wir suchen einen Ort für das Foto. Brückner erkundigt sich besorgt nach unseren Schuhen. Pferde haben den Rundweg zertreten. Er prägt sich nebenbei unsere Namen ein, als seien wir Teil eines Spiels. Dann steigt er auf einen umgefallenen Baum, der im Wasser liegt, balanciert und macht Witze: Die besten Fotos würde es geben, wenn er jetzt ins Wasser fiele. Er fällt nicht. Er steht mit wehendem Mantel auf dem Stamm und blickt auf den See. "Wie ein Rabe", findet der Fotograf. "Wie ein windzerzauster Kapitän", findet Brückner. Er klettert wieder herunter und schlägt, ganz unabhängiger Kapitän, unsere helfenden Hände aus.

Schon als Schüler wollte er Schauspieler werden, sagt er. "Meine Familie bekniete mich aber, zu studieren." So wählte er Theaterwissenschaften, damals noch in Köln, wo er auch aufgewachsen ist. Nebenbei spielte er Theater, machte erste eigene Inszenierungen. Er volontierte außerdem beim Rundfunk und erhielt eine Sprecherausbildung. "Das war zunächst alles ein Nebeneinander, ein Suchen, bis ich zufällig die ersten Aufträge als Synchronsprecher bekam." Seine Stimme, sagt er, habe ihm lange nichts bedeutet. Ein Mitschüler habe ihm einmal gesagt: "Was, mit diese Stimme willst du Schauspieler werden?"

Brückners Stimme, seine Art, Texte zu interpretieren, sind heute längst ein Markenzeichen. Nur er selbst habe das viel zu spät begriffen, sagt er bitter. So beliebt ist sein Ton, dass es sogar Imitatoren gibt - gegen seinen Willen. Er hat von Kollegen gehört, denen gesagt wird: Mach mal den Brückner. "Mir wird auch immer wieder Werbung nachgesagt, von Bier bis Klopapier", sagt er, "aber so etwas mache ich nicht. Das sind Ähnlichkeiten oder bewusste Imitatoren." Er habe nur einen einzigen Werbevertrag "mit Porsche, sonst nichts".

Während er spricht, ploppen auf der Oberfläche des Sees neugierige Blesshühner hoch, eins nach dem anderen. Brückner scheint sein Publikum nicht zu bemerken. Oder es ist ihm nicht wichtig. Wir sprechen vom Schwimmenlernen. Seinen zwei Söhnen hat er es hier beigebracht. Der Jüngere ließ sich, ängstlich, auf dem Rücken des Vaters ins tiefe Wasser ziehen. Das war in den 70er-Jahren. Noch früher, erzählt Brückner, habe er eine junge Frau am Ufer des Schlachtensees spazieren geführt. Waltraut. "Meine nachmalige Frau", er mag literarische Wörter. "Ich fand es hier so schön, eine Idylle ganz nah an der Stadt, deshalb brachte ich sie als Allererstes hierher." Später wird er sagen: Ohne sie, Waltraut, wäre aus ihm nie das geworden, was er heute ist: Einer, wenn nicht der gefragteste deutsche Sprecher für Literatur.

Denn das ist es, was ihn eigentlich vorantreibt: Literatur. Weg von den ewigen Filmhelden und oberflächlichen Texten. "Ich wollte selbst bestimmen, was ich mit meiner Stimme mache", sagt er. "Nicht akustisch, nicht wie Ben Becker", er bringt ein gruseliges Grööääh-Geräusch hervor, lacht und wird plötzlich leise. "Nein, inhaltlich. Literatur hat auch schauspielerische Qualitäten."

Wir stehen inzwischen wieder vor seinem Gartentor. Die Brüllbaustelle schweigt, vielleicht ist Mittagspause. Und das brücknersche Wohnzimmer ist eine warme Insel aus Ledersesseln in einem Meer aus Büchern. Sie stehen in und auf Regalen, neben- und übereinander. Moderne und Klassik, Taschenbücher neben wertvollen antiquarischen Ausgaben. Kein Computer, kein Fernseher stört. Dies ist nicht die Sammlung eines Bibliophilen, sondern der Lebensraum von Lesenden.

Nur ein Anrufbeantworter piept in einem Nachbarraum. Eine Stimme spricht aufs Band. "Das ist Waltraut", sagt Brückner und lächelt. Vor elf Jahren haben Brückner und seine Frau hier, auf diesem Sofa, den Hörbuchverlag Parlando gegründet. Er sagt: Er war es leid, immer nur "Bestsellerzeugs" lesen zu müssen. Und dass andere seine Arbeit vermarkteten. "Plötzlich wurden meine uralten Sachen wieder herausgeholt und neu aufgelegt, ohne dass ich etwas davon hatte."

Die Verlagsgründung muss ein Abenteuer gewesen sein, das zweite, nachdem die ganze Familie in den 80ern spontan nach New York aufgebrochen war und zwei Jahre blieb. Von dort brachten sie die Idee mit den Hörbüchern mit. "Wir hatten ja keine Ahnung, was auf uns zukommen würde. Ich bin manchmal die Wände hochgegangen. Sie hat durchgehalten."

Waltraut Brückner trifft heute die Auswahl der Neuerscheinungen, managt Buchhaltung, Grafik, die Rechte und hunderterlei andere Dinge. Inzwischen hat der Verlag ein Büro in der Stadt und ein ansehnliches Programm. Rund 140 Titel, "ein Patchwork aus Lieblingsbüchern", wie Brückner sagt. "Neuerscheinungen, die wir bekannt machen wollen", dazu Klassiker wie Eichendorffs "Aus dem Leben eines Taugenichts" oder Andersens Märchen, Lyrik und politische "Denkanstöße". Bestseller war, erstaunlich genug, über Jahre Karl Marx' "Kommunistisches Manifest", das 2000 als Hörbuch erschien. Brückner grinst. Dann seufzt er einen tiefen Robert-De-Niro-Seufzer: "Das Schöne daran ist: Wir machen jetzt einfach, was wir wollen."

Der Text als Bühne im Kopf

Er räumt vorsichtig einen dicken Band Vergil zur Seite, es ist eine kommentierte Ausgabe aus der Goethezeit. In seiner Freizeit lese er Latein und Altgriechisch, sagt er und spricht ein paar Verse der "Odyssee" vor. Szenisch, mit Aufstehen. Dann setzt er sich wieder und zieht ein kleines, buntes Taschenbuch aus einem Stapel. "Wo ist das Weltall zu Ende?", fragt der Titel ein bisschen kindlich. In dem Buch beantwortet der Astrophysiker Hubert Reeves die Fragen seiner Enkelin. Das lese er gerade im Studio, sagt Brückner, "zusammen mit meiner Enkelin. Sie ist elf, sie stellt die Fragen." Er sieht jetzt sehr stolz aus.

Die Aufnahme eines Hörbuches, sagt er, sei nur der letzte Teil seiner eigentlichen Arbeit. Das ist ihm wichtig; bevor ein literarisches Werk zum Hörbuch wird, hat er es oft wochen- oder monatelang immer wieder gelesen, bedacht, weggelegt und wieder zur Hand genommen. "Durchwalken" nennt er das. "Du musst den Text irgendwo in deinem Körper unterbringen bis zu dem Augenblick, wo er wieder rauskommt."

Während er spricht, sitzt er abwechselnd mit über den Kopf verschränkten Armen da, springt auf, schreitet beim Sprechen durch den Raum. Sagt: Wenn er ein Werk vorbereitet habe, könne er in Gedanken damit umgehen wie mit einer eigenen Inszenierung. "Ich mache mir im Kopf eine Bühne zurecht, auf der ich mich bewegen kann." Denn auch wenn man im Studio nicht herumlaufen könne: "Der Körper ist trotzdem beteiligt, in den Spannungen und den Gesten." Das Parkett knarzt unter seinen Füßen, als er zum Sofa zurückkehrt.

Notizen brauche er nicht, sagt er, ebenso wenig Proben, bevor er ins Studio geht. "Ich lese den Text nur ein einziges Mal laut." Das klingt ungewöhnlich. Noch ungewöhnlicher ist wohl, was er danach sagt: Dass er sich seine Aufnahmen danach nie wieder anhört. "Ich ertrage es nicht. Es ist wie ein Fluch. Jedes Detail, das nicht perfekt ist, erkenne ich später noch genau, und es ärgert mich maßlos." Selbst Filme wie "Taxi Driver" hat er erst zehn Jahre später wieder unbefangen anschauen können. "Erst da war ich so weit von mir selber entfernt, dass ich den Film sehen und meine Stimme als jemanden wahrnehmen konnte, von dem ich dachte: Eigentlich ganz gut, dieser Typ."

"Parlando" bedeutet "sprechend". Diesen Namen haben die Brückners ihrem Verlag gegeben. In der Musiksprache bedeutet es auch "Sprechgesang, gut artikuliert". Viele von Brückners Sätzen klingen tatsächlich so: Als hätten sie keinen Punkt. Sie lassen den Zuhörer weiterschwingen in eigenen Bildern und Gedanken. Brückner gibt geschriebenen Worten Melodie, Farbe, Form, etwas Plastisches. Wohl auch deshalb hört man ihm so gern zu. Im März wird ihm dafür der Deutsche Hörbuchpreis verliehen, es ist der Sonderpreis für sein Lebenswerk. "Ja ...", sagt er dazu und dann lange nichts.

Im Nebenzimmer piept wieder der Anrufbeantworter. Brückner schiebt den Vergil auf dem Tisch zurecht. "Vielleicht bin ich zu alt", sagt er und flüstert jetzt fast, nur fast, und dabei klingt er wieder so unheimlich wie ein Mafiapate: "Aber ich mag keine Menschen, die Zeit stehlen."

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