Berliner Spaziergang

Die Kommissarin mit Herz für Tiere

Sie muss jetzt erst einmal Hunde retten. 14 Exemplare in verschiedensten Größen, die ein junger Mann in einen Kombi zu zwängen versucht. Anneke Kim Sarnau findet das gar nicht gut und sagt ihm das auch. Sehr laut, sehr deutlich. Er fährt dann aber trotzdem los. Und die 36-Jährige schimpft ihm hinterher, wäre ihm vermutlich am liebsten vor den Wagen gesprungen und läuft in ihrer Erregung zunächst auch an dem Reporterteam vorbei.

Als sie ihren Irrtum bemerkt, bleibt sie stehen und lächelt. Neben sich einen Hund. Die elf Jahre alte Foxterrierhündin ist auch der Grund für die gewählte Spaziergangsroute mit Start am Jagdschloss Grunewald. Es ist ein beliebtes Hundeauslaufgebiet. Mit Waldwegen, Büschen zum Stöbern und, nicht zu vergessen, dem nur wenige Meter entfernten, in der Nachmittagssonne glitzernden Grunewaldsee.

Anneke Kim Sarnau ist anfangs etwas gehemmt. Aber sie spielt nur in den ersten Minuten des Gesprächs die Rolle einer sehr erwachsenen, sehr ernsthaften Schauspielerin, die nachdenklich aufs Leben schaut. Die Frage, was ihr besonders an Berlin gefällt, beantwortet sie so: "Interessant ist an Berlin, dass die Nachteile oftmals auch zu Vorteilen werden." Zwar seien Größe und Entfernungen manchmal quälend. Andererseits habe sie jedoch "das Gefühl, dass originelle Gedanken und kreatives Schaffen hier allein schon durch diese Größe mehr Raum haben". Das wirkt ein wenig, als habe sie sich die Worte zurechtgelegt. Denn beim Berliner Spaziergang, das war vorher klar, wird natürlich auch über Berlin gesprochen. Aber nach ein paar Sätzen redet sie dann doch so, wie Anneke Kim Sarnau vermutlich immer redet. Von dem "Chaotischen und Unfertigen", das ihr an Berlin so gefalle - was ihr absolut abzunehmen ist, weil sie selber ja auch so sympathisch chaotisch und unangepasst wirkt. Von ihrem Freund, mit dem sie seit mehr als einem Jahr zusammen ist, dessen Namen sie aber um keinen Preis verraten will: "Nur so viel: Er ist kein Schauspieler." Ihre Lebensgefährten zuvor waren die Schauspieler Devid Striesow und später Hinnerk Schönemann. Und sie erzählt von ihrem Umzug aus Prenzlauer Berg nach Charlottenburg. "Zurück in den Westen", wie sie sagt, "wo die meisten Freunde leben." Aber es gibt noch einen Grund, stellt sich heraus, und der ist sehr profan: "In Charlottenburg war es leichter als in Prenzlauer Berg, eine große und halbwegs bezahlbare Wohnung zu kriegen." Und sie und ihr Lebensgefährte brauchen in Bälde etwas mehr Platz. Den fragenden Blick des Reporters ignoriert sie. Wenig später platzt sie dann aber doch mit der Neuigkeit heraus. Als ihr der Name eines von ihr sehr geschätzten Kollegen, der einen Oscar bekommen hat, zunächst partout nicht einfallen will - Christoph Waltz, auch der Reporter ist nicht gleich darauf gekommen. Sie schlägt sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, schüttelt den Kopf, lacht laut und sagt: "Entschuldigen Sie, ich bin schwanger, seitdem bin ich manchmal ein bisschen blöd im Kopf." Und dann lacht sie noch einmal und noch lauter, und es ist zu spüren, dass es bei ihr keine Gedanken gibt an die vielleicht gestörte Karriere und dass sie diese Schwangerschaft einfach nur unglaublich glücklich macht.

Sehnsucht nach dörflicher Idylle

Ein Hundeauslaufgebiet ist eine stressfreie Zone. Scharen von Hunden pirschen durch die Gegend, bellen, schnüffeln, beäugen sich, aber es ist keine Aggressivität zu erleben. Anneke Kim Sarnaus Terrierhündin hält sich mehr abseits. Sie hört - wenn sie denn hören will - auf den Namen Sailor. Ihre Besitzerin nennt sie manchmal auch zärtlich Liselottchen. Und da ist dann auch sofort ihre norddeutsche Heimat herauszuhören. Anneke Kim Sarnau liebt Hamburg, ist bekennender Fan des Fußballklubs St. Pauli. Aber ihre Heimat liegt noch ein ganzes Stück nördlicher - in einem Dorf bei Elmshorn, das Klein Offenseth-Sparrieshoop heißt und knapp 2000 Einwohner hat. Für den Teenager Anneke Kim Sarnau war es schnell zu klein geworden. Aber geblieben sind romantische Erinnerungen. Sie sehne sich aber immer noch nach einem Leben auf dem Land, sagt sie: "Tür auf, Hund rauslassen und keine Angst haben müssen", beschreibt sie diese Idylle. "Oder einfach den Tisch draußen hinstellen, gemeinsam essen und die Ruhe genießen."

Es ist schwer vorstellbar, dass sie dauerhaft so leben könnte. Sie wirkt zu temperamentvoll und lebenshungrig. In einem Artikel über sie steht der treffende Satz: "Ihre bloße Anwesenheit hinterlässt kleine Druckwellen im Raum." Tatsächlich strahlt die nur 1,62 Meter kleine Person eine unglaubliche Energie aus. Und es drängt sich die Frage auf, wie ihre Eltern Anfang der 90er-Jahre ernsthaft versuchen konnten, der quirligen Tochter ein Studium zum Lehramt schmackhaft zu machen. "Sie fanden die Idee der Beamtenlaufbahn damals großartig", sagt Anneke Kim Sarnau. "Heute kann ich sie schon ein bisschen besser verstehen. Sie wollten Sicherheit für mich."

Anneke Kim Sarnau begann dann wirklich in Kiel mit diesem Studium. Aber nur wenige Wochen. "Ich habe innerhalb kürzester Zeit gemerkt, dass es nichts für mich ist", erinnert sie sich. "Das war wie in der Schule: Ich kann mich nicht konzentrieren, wenn so viel geredet wird. Und wenn es nicht anschaulich erklärt wird, schlafe ich ein. Ich bin oft eingeschlafen."

Die Alternative war das Schauspielstudium. Um die Eltern zu beruhigen, bewarb sie sich parallel für eine Ausbildung zur Kunsttherapeutin - und wurde auch angenommen. Inzwischen gab es jedoch Zusagen der Schauspielschulen in Stuttgart und Leipzig. Sie entschied sich für Stuttgart. Das Studium dort war "sehr unkonventionell und sehr liberal", sagt sie. Außerdem gab es einen Studenten, der während der Prüfungen als Begleitung am Klavier saß und sang. In den habe sie sich "total verknallt". Sie waren dann auch zwei Jahre zusammen.

Anneke Kim Sarnau gilt heute als eine der besten deutschen Schauspielerinnen. Claus Peymann, damals Direktor des Burgtheaters in Wien, hatte ihr großes Talent sofort bemerkt, als er sich in Stuttgart die begabtesten Eleven anschaute. Sie weiß noch, dass es damals immer wieder hieß: Das wird zeitlich knapp, Peymann wolle abends zu einem Boxkampf von Axel Schulz. Als sie doch noch drankam, unterbrach sie Peymann jedes Mal, wenn sie mit ihrem Text beginnen wollte, mit Fragen. "Ich habe dann irgendwann genervt gesagt: Jetzt lassen Sie mich doch mal. Ich lege jetzt los!" Peymann habe das "aber nicht als Majestätsbeleidigung" empfunden. "Der fand das lustig." Und er holte sie ans Burgtheater.

Es war eine Szene, die typisch ist für Anneke Kim Sarnau. Sie verwendet Teenagervokabeln wie "echt", "krass", "geil" oder auch "alter Schwede". Sie lacht derart laut, dass Leute, die unbeteiligt danebenstehen, zusammenzucken. Es könnte gekünstelt wirken, so scheinbar bewusst auf jung getrimmt, aber bei ihr ist das echt.

Legendär ist ihr Auftritt im Jahr 2003 bei der Verleihung der Goldenen Kamera. Anneke Kim Sarnau bekam den Preis als beste Nachwuchsschauspielerin. Sie war davon ausgegangen, den Abend als passive Zuschauerin zu erleben: "Ich hatte die Kontaktschalen weggelassen, trug eine Brille und sah aus wie ein Honk." Als die Wahl verkündet wurde, hatte sie ihre Freude nicht mehr unter Kontrolle: "So ein Preis, und das in Gegenwart von Wahnsinnskollegen wie Dustin Hoffman und Salma Hayek. Ich dachte, ich fasse das nicht. Ich bin vor Überwältigung auf die Knie gegangen." Sie blieb auf den Knien, lief auf allen Vieren die Showtreppe hinauf, wandte sich um und rief in Richtung des irritierten Dustin Hoffman: "Do you want to marry me?"

Seitdem hat es nicht mehr viele Bilder von Anneke Kim Sarnau bei offiziellen Empfängen gegeben. Sie macht sich rar. "Ich bin kein Boulevardtyp", sagt sie, "diese Rote-Teppich-Situationen habe ich nicht besonders gut drauf." Auch ihre Agentin, von der sie schon seit Jahren betreut wird, habe ihr schon mehrfach geraten: "Geh da lieber nicht hin." Und als sie vor wenigen Wochen zum RBB-Talk bei Jörg Thadeusz ins Studio geladen wurde und sich "ein bisschen schicker als sonst" anzog, bekam sie von der Agentin prompt die Quittung: Das Gespräch mit dem Moderator sei ja wirklich unterhaltsam gewesen, lautete die Manöverkritik. "Aber das Äußere, du sahst aus wie eine Pastorinnentochter auf LSD."

Am Grunewaldsee ist es kalt. Die Natur hat sich noch nicht entschieden - morgens Winter, mittags Frühling. Fotograf Martin Lengemann hat für die Aufnahmen einen guten Platz am Ufer des Sees gefunden. Anneke Kim Sarnau pellt sich aus ihrer dicken Jacke. "Sonst sehe ich ja aus wie ein Fass", sagt sie. Die Terrierhündin kommt sofort angelaufen, als ihre Besitzerin plötzlich so still steht, setzt sich zu ihren Füßen und blickt ebenfalls ins Objektiv.

Pleite am Burgtheater

Anneke Kim Sarnau war eine Senkrechtstarterin, die dann aber auch schnell wieder abstürzte. Das Wiener Burgtheater, für viele Bühnendarsteller ein Traum, wurde für sie zur ersten großen Enttäuschung. "Ich bin viel zu naiv und viel zu gutgläubig an diesen Beruf herangegangen", sagt sie. "Ich wurde ja gleich mit einer großen Rolle geholt und habe gedacht: Jetzt geht es los, und ich werde ein Star." Doch es kam anders. Sie wurde von anderen Regisseuren des Burgtheaters als Typ nicht angenommen, bekam keine großen Rollen mehr, hatte aber dennoch die Option, an dem Theater weiter mit einem festen Vertrag abgesichert zu werden. Aber das war nichts für sie. Kompromisse sind nicht ihre Stärke. "Mir war klar, dass ich gehen muss", sagt sie. "Ich fühlte mich unterfordert, wie eine bezahlte Rentnerin."

Sie ließ sich dann auch nicht für andere Theater empfehlen, obwohl es ihr von renommierten Kollegen angeboten wurde. Sie wollte jetzt zum Film, bewarb sich, machte Castings. Nebenher arbeitete sie als Kellnerin, betrieb für eine Werbeagentur Telefonmarketing, gab Leuten aus Saudi-Arabien, die im Hamburger Universitätsklinikum auf Spenderorgane warteten, Englischunterricht und hätte sich beinahe mit einer Cateringfirma selbstständig gemacht. Zwischendurch gab es die ersten Auftritte in TV-Streifen. Darunter eine Hauptrolle in dem Film "Ende der Saison" mit Hannelore Elsner. Doch der eigentliche Durchbruch war 2001 die Hauptrolle in dem später mehrfach preisgekrönten Film "Die Hoffnung stirbt zuletzt". Anneke Kim Sarnau spielte eine junge Polizistin, die an den Schikanen ihrer Kollegen zerbricht. "Das war eine geile Rolle", schwärmt sie auch heute noch, "das ist der Stil, den ich mag und den ich auch weiter verfolgen will." In der Konsequenz sei aber auch klar, "dass man bestimmte Formate nicht machen kann. Da muss man halt auch Durststrecken durchstehen."

Das klingt nicht arrogant, eher sachlich. Sie weiß, was sie kann. Und sie weiß, was sie will. Auf ihre Handgelenke hat sie sich zwei Worte tätowieren lassen. Auf das rechte "Rock", auf das linke "Roll". "Man feiert den Moment, aber dann geht es auch wieder weiter", erklärt sie das. In der Serie "Polizeiruf 110", wo sie eine Kommissarin spielt, sollen diese Tattoos sogar offiziell eingeführt werden. In anderen Filmen, in denen sie brave Frauen spielen muss, werden die Tätowierungen einfach mit Ärmeln oder mit Make up abgedeckt.

Sie lächelt, als nach der Erwähnung der "braven Frauenrollen" sofort die Frage nach einer eventuellen Heirat kommt. Immerhin werde sie ja jetzt Mutter. "Ich habe mir früher meine Hochzeit immer ganz toll vorgestellt, als so eine Art Zusammenschweißen von zwei Menschen", sagt sie. "Aber als ich schwanger wurde, hab ich gemerkt, dass es kein engeres Zusammenschweißen gibt als ein gemeinsames Kind. Ich glaube, doller kann man gar nicht verbunden sein." Ein paar Schritte weiter - vor uns schwänzelt am Ufer des Grunewaldsees Terrierhündin Sailor - fügt sie nachdenklich hinzu, dass der Gedanke an die Ehe bei ihr "auch so etwas wie Panik" auslöse. "Weil ich das Gefühl habe: Das ist dann das letzte Stück Freiheit, das ich aufgebe." Sagt's und lacht und ist wieder die scheinbar so robuste Anneke Kim Sarnau.