Berliner Spaziergang

Das Leben ist für Christian Göke eine Ausstellung

Morgenpost-Reporter treffen Menschen, die etwas in Berlin bewegen.Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: Ein Spaziergang mit Christian Göke, Co-Chef der Messe Berlin.

Foto: M. Lengemann / Martin Lengemann

Das Geheimnis des Erfolgs passt in einen Satz. Christian Göke, neben Raimund Hosch der Co-Chef der Messe Berlin, hat mir diesen Satz auf dem Spaziergang durch den verregneten Tiergarten verraten. Es ist ein Zitat des Militärhistorikers Carl von Clausewitz, und es lautet wie folgt: „Was können wir besser als die anderen – und wie können wir erreichen, dass wir das auch in Zukunft besser können werden als die anderen.“

Aber bevor es zu theoretisch wird, erzähle ich von den ersten sieben Sekunden unseres Treffens. Schließlich gilt unter Unternehmensberatern und Personalmanagern der Spruch: In den ersten sieben Sekunden entscheidet der Mensch, wie das gesamte Gespräch laufen wird. Eins: Christian Göke kommt in die Lobby des „Grand Hyatt“ am Potsdamer Platz, gut gekleidet, Mantel, Anzug, Schlips. Zwei: Er läuft schnell und zielsicher auf mich zu, Halbglatze, keine Brille. Drei: Er streckt fordernd, aber mit einem offenen Lächeln die Hand nach vorn. Vier: „Guten Tag. Schön, dass es heute klappt.“ Er spricht so deutlich, als wäre er zum Schauspieler ausgebildet worden. Fünf: Auffallend fester Händedruck. Sechs: Einfach alles an ihm wirkt so aufgeweckt, als habe er eben noch im Ring geboxt – und seinen Gegner dabei besiegt. Sieben: Ich bin mir jetzt sicher, das wird kein leichter Spaziergang.

Dabei haben wir uns für einen sogenannten Walk in the Park verabredet, schön gemütlich durch den Tiergarten schlendern. Leider bin ich schlecht auf das schlechte Wetter vorbereitet, habe nur eine dünne Regenjacke an, und meine Schuhe sind nicht wasserdicht. Christian Göke muss das in den ersten sieben Sekunden bemerkt haben, denn er sagt gleich nach der Begrüßung: „Sie sind gar nicht adäquat gekleidet, vielleicht bleiben wir doch lieber gleich hier?“ Nichts da, Spaziergang ist Spaziergang, wir sind alle nicht aus Zucker, wie man so sagt.

Das ist eine Einstellung, die ihm offensichtlich gefällt. Als wir Sekunden später über den gerade eröffneten „Boulevard der Stars“ laufen, sagt er, dass auch er eine robuste Gesundheit habe. In den vergangenen drei Jahren hatte er keine Erkältung. „Überhaupt habe ich ein hohes Energieniveau.“ Seine Geschwindigkeit bestätigt das: Mit großen, schnellen Schritten eilt er mit seinen Lederschuhen über die glatten, nassen Metallplatten innerhalb des Sony Centers. So etwas wie Ausrutschen würde nicht zu ihm passen.

Wir reden zunächst über den Stress, der gerade hinter ihm liegen muss, und gleichzeitig: über seinen Erfolg. Funkausstellung, Popkomm, InnoTrans. Drei Messen, die sich zum Teil zeitlich überlappen, hat er gerade mitorganisiert. Rund 40 Branchentreffs („plus Gastveranstaltungen“) sind es im Jahr, die die Berlin Messe ausrichtet. Viele davon sind der international wichtigste Treffpunkt ihrer Art. Grüne Woche, Internationale Tourismus-Börse etc. Irgendwo auf der Welt sei immer gerade jetzt eine Messe, auf der auch seine Firma Kontakte knüpfen müsse. „Manchmal telefoniere ich morgens mit dem Präsidenten des Bauernverbandes, treffe mich mittags mit dem Chef eines Reiseunternehmens und muss am Nachmittag eine Diskussion mit dem Google-Chef moderieren.“ Das sei aber das Faszinierende an seinem Job: „Sich in 40 verschiedenen Märkten gleichzeitig auszukennen, reizt mich. Ich will verstehen, wie die Dinge wirklich zusammenhängen.“

Lebenslauf mit zehn Stichpunkten

Das klingt nach Goethes „Faust“, jenem Wissenschaftler, der einen Pakt mit dem Teufel schloss, um „zu erkennen, was die Welt zusammenhält“. Christian Göke sagt dazu nichts, lächelt aber bei diesem Vergleich. Vielleicht geschmeichelt. Es beginnt zu regnen, und noch einmal fragt er besorgt, ob wir wirklich spazieren wollen. Er schaut wieder auf meine Schuhe. Ich sage etwas vom Schutz, den die Bäume uns bieten werden, und wir betreten den aufgeweichten Erdboden im Tiergarten.

Im Internet und in Archiven ist nur wenig über Christian Göke zu erfahren. Sein offizieller Lebenslauf umfasst gerade mal zehn Stichpunkte. Gelebt hat er in Münster, Bologna, Mailand, München und Frankfurt. Dort hat er sich im Jahr 1997 mit dem „Messe-Virus“ infiziert, wie er es nennt. Seit zehn Jahren führt er die Messe Berlin. „Mehr muss nicht von mir im Lebenslauf stehen“, sagt er. „Das wäre nicht professionell.“ Es müsse nicht jeder gleich lesen können, dass er im Aufsichtsrat von Hertha sitzt, dass sein Handicap im Golf bei 9,4 liegt, seine Freundin aus Österreich kommt und für ihn seit 15 Jahren die spannendste Frau der Welt ist.

Wir reden von ihrem letzten gemeinsamen Urlaub in Indien, der kein richtiger Urlaub war. Die beiden reisten in ein Klosterkrankenhaus im südlichen Dschungel des Landes, wo Gökes Schwester schon einmal gearbeitet hatte. Die Freundin pflegte Menschen mit schweren Krankheiten („ausgeeiterte Rippen“), Christian Göke schloss sich währenddessen den Männern draußen an, die mithilfe von Elefanten eine Hütte bauten. Nach zwei Stunden war er am Ende seiner Kräfte. Es ist das einzige Mal, dass er während dieses Spaziergangs von „am Ende meiner Kräfte“ sprechen wird.

Wir laufen weiter, große Schritte, des Regens wegen. Christian Göke erzählt, dass er neben dem Meer den Wald besonders mag. In seiner Freizeit ist er Jäger. Besser: ein erfolgreicher Jäger. „Aber Jagen beinhaltet mehr als Totschießen“, sagt er. Vielmehr sei Jäger eine Ganzjahresaufgabe. Man müsse genau wissen, wie und wo man einen Hochsitz baut, wie man anfüttert, die Tiere hegt und vieles mehr. „Der Abschuss eines wilden Tieres steht erst ganz am Ende und wird von der jeweiligen Landesjagdbehörde stark kontrolliert.“ Am Jagen mag er auch: das Archaische.

Ein Eichhörnchen kreuzt unseren Weg. Wir bleiben stehen und beobachten, wie es auf einen Stamm springt. „Es ist ein rotbraunes, das sind die guten, die einheimischen“, sagt Göke. „Die grau-schwarzen Eichhörnchen sind die schlechten, die machen hier im Park alles kaputt.“ Sie stammen aus Amerika und wurden erst vor rund 100 Jahren in Europa angesiedelt. Damals rechnete niemand mit dem Virus, den sie einschleppten.

Wir laufen weiter und reden über seine Heimat („Meine Vorfahren haben sich im Jahr 1214 in der Nähe von Münster niedergelassen und die Gegend nie verlassen“), seine Erziehung („Mein Vater sagte immer: Streng dich an, dann hast du mehr Freiheiten im Leben“), und darüber, was er so in seiner Jugend gemacht hat („Sport, Sport, Sport, Sport, Sport“). Er sagt: „Ich war eben mit 15 nicht bei denen, die gekifft und rebelliert haben.“ Er habe seine überschüssige Zeit lieber in Fußball gesteckt, war während seines Jurastudiums sogar B-Liga-Mittelfeld-Profi in Italien. Morgens ging er in die Universität, und am Nachmittag bereitete er sich auf seine Karriere auf dem Platz vor. „Ich habe durch die Spiele schnell viel Geld verdient“, sagt er, „und überhaupt habe ich durch Sport viel über mich gelernt.“

Ich frage ihn, ob Sport eine gute Lebensschule ist, weil dort Erfolg leicht zu erzielen ist. Er antwortet mit einer Parabel über ein Mädchen, das morgens im Spiegel einen Pickel im Gesicht entdeckt. Die Art, wie sie mit diesem Problem umgeht (ignorieren, in Panik verfallen oder den Pickel überschminken), sagt etwas darüber aus, wie sie mit Widrigkeiten im Leben umgeht – in der Uni, im Job, zu Hause. Christian Göke nennt diese Art des Lösungsansatzes: das Managementsystem.

„Ich glaube, dass jeder Mensch solch ein Managementsystem hat“, sagt er, „das ihm hilft, Probleme zu erkennen und mit ihnen umzugehen.“ Die einen strebten eben besonders nach Macht oder nach Geld, oder sie richten ihr System nach einem hohen Sicherheitsdenken aus. „Mein Managementsystem hat mir schon als Jugendlicher gesagt: ‚Solange du gewinnst, hast du im Leben keine Probleme.'“ Das sei ein prachtvolles System, solange man der Situation gewachsen sei und gewinne – wie im Sport eben. Es kann aber auch ein gefährliches System sein. Göke musste auch lernen, sich davon zu emanzipieren. „Solange man von einem Managementsystem gesteuert ist, ist man nicht frei.“

Dem Sport jedenfalls hat er den Rücken gekehrt, zu viele Verletzungen. Vielleicht hat es auch nicht für die A-Liga gereicht. Auf jeden Fall öffneten sich andere Türen. Zuerst die zum Unternehmensberater Roland Berger. Dort wurden zwar 90-Stunden-Arbeitswochen zur Routine, aber er lernte auch viele Menschen kennen, die seine Mentoren wurden und ihm noch heute viel bedeuten – und er lernte Regeln, wie die der Sieben-Sekunden-Menschenkenntnis. „Ich versuche aber inzwischen, meinen Mitarbeitern in der Personalabteilung zu sagen, dass sie diese ersten sieben Sekunden gleich wieder vergessen sollen.“ Das müsse man trainieren, um in Vorstellungsgesprächen keine Vorurteile zu haben.

Er selbst musste sich bisher nicht bewerben. Roland Berger hatte ihn noch in Italien angefragt, die Messe Frankfurt warb ihn von dort ab, und um die Stelle als Messe-Manager in Berlin musste er nicht kämpfen. „Allerdings war das Unternehmen vor zehn Jahren defizitär. Viele glaubten nicht mehr an die Messe als Kommunikationsplattform.“ Göke schon. Das Geheimnis des Erfolgs der Messe lautet: „Ohne eine Messe müssten 100 Unternehmer 99 Reisen unternehmen – mit einer Messe müssten all diese Unternehmer sich nur einmal aufmachen: nach Berlin.“

Höheres Gehalt als die Kanzlerin

Wir sind zurück auf dem Weg zum „Grand Hyatt“, vor uns eine der wenigen Großstadt-Silhouetten Berlins. „Die Stadt ist eine einzige Attraktion“, sagt Göke. Ein Grund für den Erfolg seiner Messen sei Berlin selbst, das er als Kind nur als „Fleck auf der Wetterkarte“ im Osten kannte. Sein Geschäft heute habe viel mit Trends zu tun. „Genau dafür ist Berlin der ideale Ort, hier wohnt Jugend, die neue Dinge ausprobiert und stilbildend wirkt.“ Cannes habe die Côted'Azur, Venedig den tollen Hafen, Frankfurt das Drehkreuz. Berlin habe es aber geschafft, nicht nur die Jugend anzuziehen, sondern auch die Politik, die über die Zukunft des Landes entscheidet.

Göke verdient schon jetzt mit einem Jahresgehalt von 398.000 Euro mehr als die Kanzlerin. Sein Lohn ist öffentlich, weil das Land Berlin die meisten Anteile an der Messe Berlin hält. Doch er mag Neiddebatten nicht. Es gibt Stimmen, die Deutschland attestieren, die Gehälter seien eher zu niedrig. „Außerdem: Es kann sich jeder auf den Job bewerben.“ Dass er in den nächsten Jahren an Energie verliert, damit ist nicht zu rechnen. „Leistung geht mit dem Alter zurück“, sagt er und hält eine Hand schräg nach unten gebeugt, „bei gleichzeitig wachsender Erfahrung“, er hält die andere Hand nach oben.

"Irgendwann kreuzen sich diese beiden Linien, und ich befinde mich genau an diesem Punkt: meiner wohl produktivsten Phase.“ Seine Freundin habe ihm einmal gesagt, er soll nicht ständig sein Leben in Diagrammen erklären. Er tut es trotzdem. Als wir den Tiergarten verlassen, werfen wir noch einen Sieben-Sekunden-Blick auf einen besonders bunt (Pink und Gelb!) gekleideten Regenjacken-Jogger, der unseren Weg kreuzt. Ganz ohne Wertung, einfach nur, weil wir es beide komisch finden, so herumzulaufen. Menschen lassen sich eben nicht wie Eichhörnchen auf den ersten Blick in gut oder schlecht einordnen. Im Sony Center hatte ich den glatten Metallboden vergessen und wäre beinahe ausgerutscht. Christian Göke ruft spontan: „Trittfestigkeit!“

Froh, im Trockenen zu sein, setzen wir uns noch in die Lobby des „Grand Hyatt“. Kamin, runde Tische, um uns erfolgreiche Menschen, die sich hier das Sushi leisten können. Göke: „Das Beste in der Stadt.“ Ich putze den Regen von meiner Brille, und der Messe-Chef erzählt, warum er keine Brille mehr braucht: „Der Augenmuskel ist ein Muskel wie jeder andere. Er lässt sich trainieren. In einem Buch steht, wie das geht: Jeden Morgen im Bett wie eine Katze strecken, dann den Kopf senkrecht nach unten halten, damit das Blut in die Muskeln fließt, dann die Augen vorsichtig reiben.“ Bei ihm hat es funktioniert. Das Buch will er mir schicken. Bis dahin fange ich mit der Reform meines Lebens ganz unten an, bei meinen nassen Füßen. Beide Sohlen meiner Schuhe sind durchgebrochen. Am Abend werfe ich sie in dem Müll.

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