Berliner Spaziergang

Der Kämpfer gegen die Ostalgie

Was verbindet den FU-Professor Klaus Schroeder mit Sophia Loren? Eine Villa in der Dahlemer Koserstraße. Einst schlief in ihr das italienische Film- und Busenwunder, der Wissenschaftler arbeitet heute Vergangenheit und Nachwehen der DDR in dem bald 100-jährigen Haus aus Backstein auf. Das hat, wie so viele herrschaftliche Domizile in dieser Gegend, eine bewegte Geschichte.

Die einstigen jüdischen Besitzer wurden von den Nazis enteignet, dann zog der SS-Wirtschaftsführer Oswald Pohl ein, der, nachdem die Nazis die halbe Welt in Schutt und Asche gelegt hatten, in den Nürnberger Prozessen zum Tode verurteilt wurde. Nach dem Krieg wurde ein armenischer Filmhändler Hausherr, der während der Berlinale die Villa als Refugium für bekannte Schauspieler öffnete - Mitte der 50er-Jahre auch für die Loren und O.W. Fischer. Als Ende der 60er-Jahre gegenüber ein riesiger Neubau errichtete wurde, verkaufte der Filmmensch der FU die Herberge, in der jetzt Schroeders Institut "Forschungsverbund SED-Staat" logiert. Ein Haus der Zeitgeschichte. An die von den Nazis ermordete Besitzerin mahnt ein Stolperstein vor der Eingangspforte.

Von der Loren zu Honecker, Krenz und Genossen. Mit denen hatte der aus Travemünde stammende Professor mit dem gestutzten grau melierten Vollbart auch wissenschaftlich ursprünglich nichts am Hut. Biologie hat der heute 61-jährige Schroeder zunächst an der Freien Universität (FU) studiert. Er wollte Genetiker werden. Bis ihn die mikroskopischen Untersuchungen über Vermehrung und Veränderung der Drosophila vom Stamm der Taufliege zu sehr nervten. Genetik sei wohl doch nichts für ihn, dachte sich der Mann von der Ostsee und entschied sich für Politische Wissenschaft und Soziologie.

Nach Examen und Promotion regte sich noch immer kein wissenschaftliches Interesse an der damals noch real existierenden DDR. Das änderte sich erst mit dem Fall der Mauer. "Im Dezember 1989 klingelte es an der Tür unseres Instituts und ein schneebedeckter Mann fragte in breitem Sächsisch, ob er hineinkommen dürfe. Es war der Prorektor der TU Dresden. Aus dieser Begegnung ergab sich eine Forschungskooperation, in der wir 15 Betriebe im Raum Dresden bei ihrer Umstellung auf die Marktwirtschaft begleitet haben. Bei den Gesprächen und Recherchen merkte ich, dass man die mit der Wiedervereinigung verbundenen Probleme nur richtig verstehen kann, wenn man weiß, was vorher war. Wie also die DDR im Gegensatz zur Bundesrepublik getickt hat." So entstand 1991 die Idee, mit Kollegen, die sich ebenfalls mit Teilungsgeschichte und Wiedervereinigung beschäftigten, einen Forschungsverbund zu gründen. Das gelang 1992. Unter Klaus Schroeders Leitung arbeiten dort seitdem Soziologen, Zeithistoriker und Politologen gemeinsam auf und publizieren, wie die Diktatur der SED funktioniert und welches Erbe sie hinterlassen hat.

In zwei Tagen, am 9. November, dem deutschen Schicksalstag, wurde vor 21 Jahren die Totenglocke für die DDR angeläutet. Der Fall der Mauer, der Untergang der DDR, die Wiedervereinigung - warum ist das noch immer kein Freudenfest für alle Deutschen? "Es ist viel mehr erreicht worden, als öffentlich anerkannt und wahrgenommen wird. Aber im Blick zurück sind die Deutschen unterschiedlich geblieben. Sie bewerten die Teilungsgeschichte unterschiedlich aus ihrer jeweiligen östlichen und westlichen Sicht. Das trübt das Zusammenwachsen. Das Hier und Heute und die Zukunft sind gar nicht die Probleme. Der Blick zurück trennt."

Das Materielle steht im Vordergrund

Sind Trübsal zu blasen und zu jammern also doch deutsche Wesenszüge? "Es scheint so zu sein. Die gewonnene Freiheit, auch der Wohlstand im Osten werden viel zu wenig gewürdigt. Obwohl sich die Ostdeutschen die Freiheit selbst erkämpft haben, sind sie nicht besonders stolz darauf. Zu schnell ist das Materielle in den Vordergrund gestellt worden. Der Zusammenschluss zwischen einem kollabierenden und einem prosperierenden Staat hat eine Vereinigung auf Augenhöhe ausgeschlossen, und der Preis für den schnellen neuen Wohlstand im Osten war die materielle Abhängigkeit vom Westen. Das kratzt am Selbstbewusstsein. Muss es aber gar nicht, weil es nachholende Gerechtigkeit ist. Die Ostdeutschen haben über Jahrzehnte für das zahlen müssen, was alle Deutschen mit verursacht hatten: NS-Regime, Weltkrieg, Holocaust, schließlich die bedingungslose Kapitulation. Diese Mitverantwortung gibt der Westen jetzt ein Stück weit zurück mit den Transfers."

Noch immer entzünden sich erregte Debatten an der Frage, was die DDR denn nun wirklich war? Eine Diktatur, ja. Aber auch ein Unrechtsstaat? Der Professor, ein Freund klarer Analysen und unmissverständlicher Wertungen, zögert keinen Augenblick mit der Antwort. "Bezogen auf das Herrschaftssystem kann man sehr wohl vom SED-Staat sprechen. Die Partei hat die DDR als ihren Staat betrachtet und folglich alle Führungspositionen eingenommen. Wer die DDR als Diktatur kritisiert, kritisiert damit natürlich nicht zugleich pauschal das Leben der Menschen in der DDR." Und der Streit um Rechtsoder Unrechtsstaat? "Selbstverständlich war die DDR ein Unrechtsstaat. Kern eines Rechtsstaats sind die Rechte eines jeden Individuums auch gegenüber dem Staat und die Achtung der Menschenrechte. Das war nicht gewährleistet." Der frühere Ministerpräsident Lothar de Maizière bestreitet, dass die DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei, weil dann ja auch das Heirats-, Scheidungs- oder Baurecht Unrecht gewesen wären. "Der versucht doch nur davon abzulenken, dass er als Rechtsanwalt selbst involviert war. Er rechtfertigt sich, indem er die DDR schönredet. Nach der Devise: Ich war Rechtsanwalt, deshalb konnte die DDR kein Unrechtsstaat sein. So ähnlich wie bei Herrn Gysi. Die beiden sind sich viel näher als öffentlich bekannt." Da es nun justiziabel werden könnte, gebe ich unserem Gespräch vorsichtshalber eine Wende.

Hat der Forschungsverbund auch mal alte SED-Größen kontaktiert? "Wir haben Modrow eingeladen, mit Schabowski, der leider sehr krank ist, häufiger gesprochen, auch mit Mitarbeitern aus dem früheren SED- Parteiapparat, die sich der kritischen Aufarbeitung gestellt haben." Und Egon Krenz? "Den nehmen wir nicht ernst. Das ist doch ein schlichtes Gemüt."

Während wir unter buntem Laub, durch das die milde Herbstsonne wärmt, entlang des Schlachtensees spazieren, trauen wir plötzlich unseren Augen nicht. Doch, da springt tatsächlich ein junger Mann ins Wasser und durchpflügt mit kräftigen Arm- und Beinschlägen bei gefühlten 14 Grad Wassertemperatur Ende Oktober den See. Nichts, was es in Berlin nicht gibt. Während mich, obwohl der Jahreszeit angemessen gewärmt, ein mitfühlend kalter Schauer durchzuckt, erinnert sich Klaus Schroeder an seine Jugendjahre. "Bei 14 Grad haben wir Anfang Mai früher immer die Badesaison in der Ostsee eröffnet." Sportlich ist er geblieben. Wenn es wärmer ist, schwimmt der Zehlendorfer mit Tochter Laura im Schlachtensee, außerdem spielt er begeistert Tennis.

Aus der Geschichte lernen

Zurück zu seiner Arbeit. Dass er sich Kritik ausgesetzt sieht, überrascht nicht. Wird er auch bedroht? "Es gibt immer mal wieder wüste Beschimpfungen, wir wollten die DDR insgesamt delegitimieren. Das ist natürlich Quatsch. Wir wollen nicht das Leben der Menschen diskreditieren. Wir wollen die Funktionsweise der Diktatur entlarven. Nicht zuletzt, um junge Menschen gegen diktatorische Verführung zu immunisieren. Aber wir bekommen kaum direkte Drohungen. Dramatisch zugenommen haben allerdings die Mails im Netz. 90 Prozent von ihnen sind pro DDR. Wenn man die liest, wird einem schon ganz anders..." Es heißt immer so schön: aus der Geschichte lernen. Und die Deutschen hätten ihre Lektion gelernt. Wirklich? " Ich glaube, wir haben sowohl aus der NS- wie aus der DDR-Geschichte gelernt. Nämlich, dass Diktaturen den Menschen nichts bringen, dass man schon im Vorfeld aufpassen muss, dass es nicht wieder so kommt. Aber es gibt auch Ewiggestrige - nach 1945 wie nach 1990. Wir schätzen, dass es zehn bis 15 Prozent sind, die der realen DDR nachtrauern, weil sie ihren einst hohen Status und damit früheres Ansehen verloren haben, obwohl es ihnen heute materiell gar nicht schlecht geht. Die restlichen gut 90 Prozent sind eigentlich froh, dass die DDR weg ist."

Die Einschätzung über das Lernen aus der Geschichte kontrastiert allerdings mit einer Studie über das gesamtdeutsche Wissen deutscher Schüler, die der Forschungsverbund vor zwei Jahren veröffentlicht hat. Mit dem ernüchternden Ergebnis, dass die Jugendlichen vor allem im Osten, aber auch im Westen höchst rudimentäres Wissen über die DDR haben. "Weil das Thema in den Schulen viel zu wenig behandelt wird. Das eigentlich Erschreckende war, dass viele Jugendliche gar nicht unterscheiden konnten zwischen Demokratie und Diktatur, gar nicht wissen, was eine Diktatur ist. Bezogen auf die DDR, sind sie damit völlig hilflos in der Beurteilung der Vergangenheit Ostdeutschlands." Das könnte sich zumindest in einigen west- wie ostdeutschen Ländern ändern. Denn ob sich die Schulen des Themas, wie angekündigt, nun intensiver annehmen, untersucht Schroeders Forschungsverbund derzeit in einer Nachfolgestudie. Die Ergebnisse sollen Ende 2011 vorliegen. Die Weigerung ausgerechnet Berlins und Brandenburgs, an dieser Nachuntersuchung teilzunehmen, rückt an den Rand eines Skandals. Hat die Linkspartei dort einmal mehr obsiegt?

Wir haben den See nicht ganz umrundet, glauben uns aber dennoch in der "Fischerhütte" einen Imbiss verdient zu haben. Wir bestellen den Klassiker Wiener Schnitzel, der einmal mehr überzeugt. Ein paar Fragen zwischendurch habe ich allerdings noch.

Suche nach dem SED-Vermögen

Was ist aus dem SED-Vermögen geworden? "Das ist nicht wirklich aufgeklärt. In dem Kompromiss mit der PDS hat diese wohl nur einen Teil des Vermögens zurückgegeben. Ich denke, dass mehr als die Hälfte des einstigen SED-Vermögens noch zirkulieren. Von krummen Geschäften ahnen wir, können sie aber nicht belegen. Kundige Strippenzieher dürften noch rechtzeitig insgesamt wohl einen Milliardenbetrag in einem weitverzweigten Netz beiseitegeschafft haben."

Gibt es noch alte Seilschaften? "Keine einflussreichen alten SED-Seilschaften mehr. Aber man kennt sich von früher und hat sich bestens auf die neue Zeit eingestellt. Diese alten Kader definieren sich zwar über die Vergangenheit, schauen aber nach vorn und sind in der Wirtschaft erfolgreich. Auch deshalb, weil sie sich gegenseitig Aufträge zuschustern."

Und wie demokratisch ist die SED, spätere PDS und heutige Linkspartei? "Ich glaube, dass sie sich als Partei an die demokratischen Spielregeln hält. Aber auch, dass es innerhalb der Partei viele gibt, die mit der Demokratie nicht viel am Hut haben. Mit dem Herzen sind viele Mitglieder im Osten noch in der DDR, im Westen entstammen viele linksradikalen Zirkeln. Noch ist nicht abzusehen, ob es der Parteiführung gelingt, eine linke demokratische Partei zu etablieren. Ich denke, dass es - wenn die derzeitige Stimmungslage anhält - nach einer Bundestagswahl 2013 nur zwei realistische Koalitionsmöglichkeiten geben wird: eine große Koalition unter CDU-Führung oder Rot-Rot-Grün mit einem SPD-Kanzler. Da die SPD den Kanzler stellen will, halte ich die zweite Alternative für die wahrscheinliche. Das wäre dann, um es zynisch zu sagen, eine Erfolgsgeschichte der SED. Sie benennt sich um und kommt wieder an die Macht."

Macht das zornig? "So ist das Leben halt. Als Wissenschaftlicher sucht man nach Gründen, als Privatmensch wundert man sich." Und beim Espresso die Schlussfrage: Ist Klaus Schroeders eigenes Leben frei von Brüchen? "Wenn es um Kontinuität und Brüche geht, sage ich zu meiner eigenen Entwicklung immer: Früher war ich linker Antikommunist, heute bin ich liberalkonservativer Antikommunist. Aber Antikommunist bin ich geblieben." Keiner, der Täter von gestern jagt. Sondern einer, der die Wahrheit sucht, der sich zugleich als Anwalt der Opfer versteht.

"Obwohl sich die Ostdeutschen die Freiheit selbst erkämpft haben, sind sie nicht besonders stolz darauf"

Klaus Schroeder, SED-Forscher

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