Berliner Spaziergang

Mit dem Chef-Spion am Schlachtensee

Der Späher ist schon da. Zivilpolizisten erkennt man irgendwie auf den ersten Blick. Rasiertes Haar, bequeme Schuhe und, wichtigstes Detail, Bauchtasche. Er checkt die Umgebung, mustert die wenigen Leute, die an diesem Tag dem Wetter trotzen und draußen sitzen, sieht immer wieder auf die Uhr.

Fotograf Martin Lengemann und ich warten im diesigen Grau vor der "Fischerhütte" am Schlachtensee. Wir sind verabredet mit einem Mann, in dessen Händen die Sicherheit unseres Landes liegt: mit Ernst Uhrlau, Präsident des Bundesnachrichtendienstes.

Auf die Minute pünktlich halten zwei schwarze Limousinen vor dem Restaurant. Der BND-Chef trägt einen schwarzen Mantel, kurzes weißes Haar und eine beige Hornbrille. So sieht also ein Oberagent aus. Er hat ein rundes freundliches Gesicht und einen festen Händedruck. Sein Gefolge - Fahrer, Personenschützer und der Herr von der Presseabteilung - bleibt vornehm auf Abstand. Ernst Uhrlau möchte gleich losspazieren. "Sitzen tu ich den ganzen Tag genug."

Chef von 6000 Mitarbeitern

Der See liegt still und kalt da. Normalerweise kann man hier im Mai schon baden gehen. Uhrlau hat diesen Treffpunkt gewählt, weil er den See mag. Seine Dienstvilla steht ganz in der Nähe, er geht gern hier spazieren. "Natürlich lieber, wenn's nicht so matschig ist wie heute." Seit 2005 ist Ernst Uhrlau, Mitglied der SPD und mittlerweile 63 Jahre alt, Präsident des Bundesnachrichtendienstes und damit Chef von 6000 Mitarbeitern.

Mit einer älteren Schwester wuchs er bei seinen Eltern in Hamburg auf. In "völlig geordneten bürgerlichen Verhältnissen" sei er groß geworden. Mit Straßenbahn und Bus fuhr er jeden Tag nach Hamburg-Eppendorf zur Schule. Nach dem Abitur studierte er Politische Wissenschaften, Soziologie und Volkswirtschaftslehre. Eigentlich hätte er gern in Berlin am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität angefangen, sagt er. Damals, in den Sechzigern, war die FU ein Zentrum der linken 68er-Bewegung. Das klappte aber nicht, also blieb er in Hamburg und schloss 1974 sein Studium als Diplom-Politologe ab.

Der Waldboden rund um den Schlachtensee ist aufgeweicht vom feuchten Wetter der vergangenen Tage. Alle paar Meter müssen wir kleinen Schlammpfützen ausweichen. Jogger und Spaziergänger mit Hunden kommen uns entgegen. Die Personenschützer haben alles im Blick, vorn läuft jemand, hinter uns noch jemand. "Ich gehe gern am Wasser", sagt Ernst Uhrlau. "Vielleicht hängst das damit zusammen, dass ich Hamburger bin. Elbe, Alster - das Laufen in Wassernähe oder am Strand ist Erholung für mich."

Nach dem Studium wählte Ernst Uhrlau die Beamtenlaufbahn. Er war Lehrer an der Landespolizeischule in Hamburg, leitete das Büro des dortigen Innensenators und später das Landesamt für Verfassungsschutz. Links- und Rechtsextremismus, Terrorismus, Ausländerextremismus - das waren die Themen, mit denen er zu tun hatte. Seine Gegner waren die "Größen" der Neonazi-Szene: Jürgen Rieger, Christian Worch, Thomas Wulff. "Die bekamen glühende Augen, als sie sahen, was es im Osten für riesiges Potenzial für ihre Szene gab", erinnert sich Ernst Uhrlau. Als es nach der Wiedervereinigung darum ging, in den neuen Bundesländern die Verfassungsschutzbehörden aufzubauen, bat er seinen damaligen Vorgesetzten, den Hamburger Innensenator Werner Hackmann darum, dabei sein zu dürfen. "Das war eine sehr persönliche, emotionale Angelegenheit", sagt er. Neue Strukturen schaffen, zeitlich befristet helfen - "das hat mich damals gereizt". In Brandenburg suchten sie noch jemanden, Ernst Uhrlau stellte sich vor, zog kurze Zeit später, das war 1991, nach Potsdam.

Dort wurde er plötzlich mit alten Stasi-Strukturen konfrontiert. Und, das erschreckte ihn noch mehr, mit Asylbewerberunterkünften, vor denen Skinheads demonstrierten. "In Potsdam marschierten Neonazis in der Uniform der Jungen Nationaldemokraten durch die Brandenburger Straße", erinnert er sich. "Das wäre in den alten Bundesländern unvorstellbar gewesen." Er sagt, damals habe er ein Gespür dafür bekommen, welche die Herausforderungen der neunziger Jahre für die Nachrichtendienste sein werden. "Nämlich nicht mehr der Linksextremismus - der hatte mit dem Niedergang der DDR, dem Zusammenbruch des Ostblocks, dem Verlust an revolutionärer Perspektive und so weiter an Bedeutung verloren." Die große Bedrohung für die Sicherheit in Deutschland würde von Rechts kommen. Er sollte Recht behalten. Ende des Jahres 1991 griffen im sächsischen Hoyerswerda Neonazis ein Wohnheim für ausländische Vertragsarbeiter an. Der Beginn einer ganzen Serie von ausländerfeindlichen Anschlägen in Ost- und Westdeutschland.

Immer begleitet von Bodyguards

Vor uns gibt es Ärger mit einem Radfahrer. Der Späher hatte ihn gebeten, Abstand zu halten und auf die andere Seite des Weges zu wechseln. Der Radfahrer aber weigert sich, schimpft. Er ruft etwas mit "Polizeistaat" und "Ich habe das Recht, hier ..." Die Personenschützer stellen sich zwischen ihren Chef und den Radfahrer, wir gehen vorbei. Uhrlau hat etwas auf der anderen Seite des Sees entdeckt: "Schauen Sie, da hinten badet doch tatsächlich jemand." Mit dem Finger zeigt er in die Richtung und lacht. Ein Mann mit blankem Hintern steigt aus dem Wasser.

Seit fünf Jahren ist Ernst Uhrlau selten allein. Er hat rund um die Uhr Personenschutz. "Das ist kein Statussymbol, sondern wirklich eine Beeinträchtigung. Aber das muss man akzeptieren und damit leben", sagt er. Auf die Frage, ob er sich sicher fühle, antwortet er ohne zu zögern: "Ja. Uneingeschränkt." Doch es gab sie, die Bedrohungen gegen ihn, seine Frau und seine zwei Söhne. In der Vergangenheit vor allem aus der rechten Szene.

Als Chef des BND lässt er Informationen über das Ausland sammeln und auswerten, die für die Bundesrepublik von außen- und sicherheitspolitischer Bedeutung sind. Privat versucht Uhrlau, so wenig wie möglich über sich und seine Familie preiszugeben. Der Datenschutz macht sein eigenes Leben sicherer. "Jeder muss wissen, was er mit seinen Daten macht", findet er. Er selbst habe zum Beispiel keinen Account bei Facebook. Nachrichtendienste anderer Länder nutzten in der Vergangenheit solche Plattformen schon für ihre Zwecke. "Die Angst vor dem gläsernen Bürger - die ist in Deutschland unberechtigt. Hier sind Sie sehr viel eher als Kunde gläsern als für den Staat", sagt Uhrlau. "Jeder, der sich in Facebook, StudiVZ und anderes hineinbegibt, muss wissen, dass andere über ihn verfügen."

In schweren Fällen aber, wenn es einen konkreten Verdacht gibt, darf der BND in das Fernmeldegeheimnis eingreifen. Er darf Botschaften - ob über Post, Telefon oder E-Mail - abhören und unterdrücken. Um das Grundgesetz umgehen zu dürfen, bedarf es aber der Zustimmung der sogenannten G-10-Kommission des Bundes, die extra dafür eingerichtet wurde. Zahlen, wie oft die Kommission angerufen wird, kann oder will Uhrlau nicht nennen. In seiner Zeit als Leiter des Hamburger Verfassungsschutzes habe sich die Zahl solcher Eingriffe im einstelligen Bereich pro Jahr bewegt.

Die Bedrohungslage von Deutschland hat sich spätestens seit den Anschlägen im September 2001 verändert. "Der internationale Terrorismus hat für den BND andere und zusätzliche Herausforderungen mit sich gebracht", sagt Uhrlau. "Die Gruppierungen früher, RAF und andere europäische Terrorgruppen, waren entweder nationalistisch oder revolutionär marxistisch-leninistisch ausgerichtet. Sie hatten eine gewisse Berechenbarkeit und haben sich abgeschottet." Islamistische Terrororganisationen hingegen rekrutieren Anhänger und Mitstreiter in der ganzen Welt. "Sie operieren transnational, und wir wissen nicht, ob sich diese Strukturen in Deutschland in der Tat verwirklichen wollen oder im Ausland." In den vergangenen Jahren wurden immer wieder Anschlagsvorbereitungen aufgedeckt. "Bei den Kofferbombern hatten wir Glück, andere Fälle wie zum Beispiel die Sauerlandzelle haben wir sehr früh und rechtzeitig unterbunden. Die Schwierigkeit ist dann die strafrechtliche Bewertung - reichen die Beweise für eine ausreichende Strafzuteilung oder nicht."

Auch die Geheimhaltung der BND-Aktivitäten selbst hat sich verändert. WikiLeaks zum Beispiel ist eine Seite, auf der immer wieder als geheim eingestufte Dokumente veröffentlicht werden. Wer sie einstellt und wo die Server stehen, ist unbekannt. Der BND wollte die Verbreitung eines Dossiers juristisch verbieten lassen. Seitens WikiLeak wurde daraufhin die Frage gestellt, auf welches Gesetz in welchem Staat man sich denn berufe. Der BND musste sich, wie andere Geheimdienste auch, vorerst geschlagen geben. "Eine verflixt ärgerliche Angelegenheit", findet Uhrlau. Das Internet - für ihn Informations-, Rekrutierungs-, aber auch Tatvorbereitungsmedium. Man kann dort immerhin Hinweise zum Bombenbau und Kontakt zu gewaltbereiten Islamisten finden. Aber: "Das ist wie mit der Zahnpastatube: Was draußen ist, ist draußen, das kriegen Sie nicht mehr wieder hinein."

Wir sind halb um den See herum. Es wird gefragt, ob wir umkehren wollen oder ob die Wagen kommen sollen. Ernst Uhrlau schüttelt den Kopf: "Nein, wir gehen ganz herum."

Affären und Pannen beim BND

Er musste viel Kritik einstecken. Anfang 2006 etwa wurde berichtet, BND-Mitarbeiter hätten 2003 im Irak-Krieg die USA beim Ausspähen von Bombenzielen unterstützt. Bei der anschließenden Untersuchung bestätigten sich die Vorwürfe nicht, Schlagzeilen machte der Fall trotzdem. Die Entführung des Deutsch-Libanesen Khaled el-Masri durch die CIA und das Verhalten des BND dazu ebenso. Und im Mai 2006 wurde ein Bericht zur Bespitzelung von Journalisten in den 90er-Jahren veröffentlicht, in dem rechtswidriges Vorgehen des BND angeprangert wurde. Uhrlau entschuldigte sich öffentlich. Kurze Zeit später jedoch wurden bei der Überwachung eines afghanischen Ministers auch E-Mails einer "Spiegel"-Reporterin abgefangen. Einige Politiker forderten daraufhin den Rücktritt Uhrlaus. Wie er den Druck aushalten könne? "Besser wahrscheinlich als das unmittelbare Umfeld", sagt er. "Ich habe immer in den Konfliktbereichen gearbeitet."

Um einen Ausgleich zu schaffen, hört er gern Musik, "Klassik rauf und runter, da kann ich gut abschalten." Und liest, "keine Fachliteratur, Romane". Zurzeit liegt Henning Mankells letzter Kommissar-Wallander-Krimi auf seinem Nachttisch. Superagenten wie James Bond, die mit falscher Identität und verkleidet ins Ausland reisen und verdeckt operieren - gibt es so etwas eigentlich? Ernst Uhrlau zögert. Agenten, ja, natürlich. Einerseits beschäftigt der BND Mitarbeiter an den Botschaften im Ausland, "die sind ordentlich akkreditiert und angemeldet". Außerdem seien da diejenigen, die Informanten treffen und so Informationen sammeln. Er spricht von langfristigen Strategien, Partnern, Zusammenarbeit. Von Naturwissenschaftler, Chemikern und Raketentechnikern, die beim BND arbeiten. Es sind wohl eher keine Superhelden, die beim BND in Lohn und Brot stehen.

Bald werden 4000 Mitarbeiter umziehen. In den Neubau an der Chausseestraße in Mitte, das größte Bauvorhaben des Bundes seit der Wiedervereinigung. Gerade wurde Richtfest in Berlin gefeiert, der Umzug aber von ursprünglich 2008 auf mittlerweile 2014 verschoben. Ernst Uhrlau wird dann nicht mehr im Amt sein, er freundet sich langsam mit dem Gedanken an den Ruhestand an. Dass er überhaupt noch im Amt ist, acht Monate nach der Bundestagswahl, hat viele überrascht. Er selbst kommentiert das nüchtern. "Ich habe in den letzten Monaten meine Arbeit so fortgesetzt, wie ich sie vorher gemacht habe. Deswegen spekuliere ich nicht über meine eigene Zukunft." Irgendwann möchte er jedenfalls wieder ganz in Hamburg leben, seinem Immer-noch-Erstwohnsitz. Mit Alster und Elbe quasi vor der Tür, sagt er, als wir nach zwei Stunden den See umrundet haben. "Berlin ist hoch attraktiv und hoch spannend, aber Hamburg ist meine Heimat."

"Die Angst vor dem gläsernen Bürger - die ist in Deutschland unberechtigt."

Ernst Uhrlau, Präsident des BND