Mit dem Rad durch Berlin

Die eigene Stadt wie ein Tourist entdecken

Wann haben Sie sich zum letzten Mal Berlins Sehenswürdigkeiten angeschaut? Bei einer Radtour durch Mitte und Tiergarten lassen sich die Touristen-Highlights der Hauptstadt neu entdecken.

Foto: Reto Klar

Millionen Menschen aus aller Welt kommen Monat für Monat nach Berlin und sehen sich Reichstag und Brandenburger Tor, Kanzleramt und Holocaust-Mahnmal, Potsdamer Platz und Siegessäule an. Alles wohlbekannte Berliner Leuchttürme. Aber, Hand aus Herz: Wann waren Sie zum letzten Mal da und haben genau hingeschaut? Gewissermaßen als Tourist in der eigenen Stadt? Bei einer Fahrradtour durch das Regierungsviertel lassen sich viele Sehenswürdigkeiten bequem kombinieren. Eine kurze und kurzweilige Tour für die ganze Familie.

Unser Kompass ist der Berliner Fernsehturm. Die riesige Nadel, das höchste Bauwerk Deutschlands, funktioniert gut zur Orientierung in der Stadt. Wir starten am Hauptbahnhof und fahren in Richtung Fernsehturm ein Stück an der Spree entlang, die Regierungsneubauten und den Bundestag mit seiner gläsernen Kuppel im Blick. Nirgendwo ist man der Schaltzentrale der Bundesrepublik näher als hier.

Ein gläserner Gang von einer Uferseite zur anderen verbindet das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus mit den riesigen runden Fenstern, in dem Parlamentsbibliothek und -archiv untergebracht sind, und das Paul-Löbe-Haus, wo die Abgeordneten in ihren Büros sitzen. Der Ausblick auf das Lüders-Haus ist beeindruckend. In den Glasflächen spiegelt sich das Sonnenlicht, die Fenster erinnern an überdimensionale Bullaugen. Kinder müssen hier allerdings etwas aufpassen: Die Ufer sind nicht mit einem Geländer gesichert, neben dem Weg geht es direkt ins Wasser.

Die Kehrseite der Macht

Die Tour führt uns kurz darauf ein kleines Stück über den Berliner Mauerweg. Auf der anderen Seite der Spree säumen vor dem Bundestag weiße Kreuze den Weg. Sie erinnern an Menschen, denen die Flucht aus der DDR nicht geglückt ist. Wir fahren weiter, über die Marschallbrücke. Von dort hat man eine sehr gute Sicht auf die Rückseite des Bundestages.

Dann liegen die Sehenswürdigkeiten wie auf einer Perlenschnur aufgereiht: der Prachtboulevard Unter den Linden, der Pariser Platz, das Brandenburger Tor und wieder der Bundestag, jetzt von der Vorderseite. Durch das Brandenburger Tor darf jeder Radfahrer hindurchfahren, angemessene Geschwindigkeit vorausgesetzt. Für viele kaum noch vorstellbar: Vor 25 Jahren war all das hier Sperrgebiet.

Gleich neben dem Brandenburger Tor und der US-Botschaft steht das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas. Wer sich die dunkelgrauen Betonquader aus der Nähe anschauen möchte, bleibt am besten auf der linken Seite der Ebertstraße und schiebt das Fahrrad dieses kleine Stückchen. Wir schließen unsere Räder an und lassen uns auf das Feld der 2711 Stelen ein. Die Quader schlucken die Geräusche der Straße und bringen die bunte, laute Stadt für ein paar Minuten zum Verschwinden. Das Stelenfeld, obgleich eine Touristenattraktion, ist ein stiller und irritierender Ort des Gedenkens.

Zurück auf dem Rad, fahren wir weiter bis zum Potsdamer Platz. Hier machen wir kurz Halt am Nachbau der ältesten Verkehrsampel Europas. Das Original stammt von 1924. Neben dem Eingang zum Bahnhof stehen noch ein paar Teile der Berliner Mauer.

Wir machen uns, erst am Sony-Center, dann an der Philharmonie vorbei, auf zum Großen Tiergarten. Der Verkehrslärm wird hier schnell zum Hintergrundrauschen. Vögel zwitschern laut, Kaninchen hoppeln vor uns quer über den Weg. Abseits der Wege, zwischen alten Bäumen, entdecken wir eine Gruppe Menschen, die alle konzentriert durch Ferngläser starren. Es sind Studenten der Landschaftsarchitektur, deren Professor sie zur Vogelexkursion in den Tiergarten geschickt hat. Einer von ihnen ist der 28-jährige Phillipp Schönberg. „Ich liebe den Tiergarten“, sagt der gebürtige Berliner. „Das Erstaunliche ist: Die Vielfalt der Vogelarten nimmt zu. Hier gibt es Spechte, Käuzchen, Dohlen. Das beruhigt mich ungemein, dass die Natur sich der Stadt widersetzt.“

Belohnung nach 285 Stufen

An anderer Stelle kann sich die Natur zurzeit nicht durchsetzen. Teile der Wege durch den Großen Tiergarten sind leider bis Juli dieses Jahres wegen Sanierungsarbeiten gesperrt, besonders der Große Weg westlich der Hofjägerallee Richtung Neuer See ist betroffen. Also wählen wir den Weg über die Hofjägerallee, die uns direkt zur frisch sanierten „Goldelse“ führt. Den Blick auf die 67 Meter hohe Siegessäule kennen auch viele Nicht-Berliner – vor allem aus dem Fernsehen. Bilder von der Love-Parade oder dem Marathon sind um die Welt gegangen. Den Blick von der Siegessäule herunter kennen viele Berliner wahrscheinlich nicht. Schade. Wer die 285Stufen bis zur Aussichtsplattform hinaufsteigt, wird nicht nur mit einer herrlichen Aussicht über den Tiergarten und die gesamte Berliner City belohnt, er kann auch aus nächster Nähe begutachten, was die Restaurateure während der 18 Monate dauernden Arbeiten geleistet haben.

Links um die Siegessäule herum führt der Weg vorbei an den Denkmälern der Herren Roon, Bismarck und Moltke weiter zum Schloss Bellevue. Zurück an der Spree betrachten wir die „Bundesschlange“ und den ehemaligen Sitz der Spedition Hamacher, heute die Anne-Frank-Grundschule. Kurz dahinter fällt unser Blick auf das Haus der Kulturen der Welt, die einstige Kongresshalle. Wir schauen auf das Bundeskanzleramt, bevor es zurück zum Hauptbahnhof geht. Zum Abschluss der Tour haben wir uns eine Pause verdient. Im Zollpackhof am Ende der Elisabeth-Abegg-Straße sitzen die Gäste im Schatten alter Kastanienbäume. Bei Businesslunch, Leberkäs und „Bayrisch Hell“ gehen Geschäftsleute, Touristen, Spaziergänger und Radfahrer auf Tuchfühlung.

Hier die Karte als PDF.

Und hier gibt es die Wegbeschreibung dazu.

Alle Teile unserer Serie finden Sie unter www.morgenpost.de/radtouren.