Antisemitische Attacke

Rabbiner Ariel Kirzon fordert nach Angriff besseren Schutz

| Lesedauer: 4 Minuten
Der U-Bahnhof Westphalweg in Berlin-Mariendorf. Hier ereignete sich laut Polizei der antisemitische Übergriff auf den Potsdamer Rabbiner Ariel Kirzon (Archivbild).

Der U-Bahnhof Westphalweg in Berlin-Mariendorf. Hier ereignete sich laut Polizei der antisemitische Übergriff auf den Potsdamer Rabbiner Ariel Kirzon (Archivbild).

Foto: Markus C. Hurek / picture alliance

In Berlin ist es zu einem antisemitischen Übergriff auf den Rabbiner Ariel Kirzon gekommen. Senatorin Jarasch verurteilte den Vorfall.

Berlin. Der Potsdamer Rabbiner Ariel Kirzon ist am Dienstag in Berlin-Mariendorf angerempelt und antisemitisch beleidigt worden. Wie die Polizei mitteilte, ereignete sich der Vorfall gegen 10.30 Uhr auf dem Gehweg vor dem U-Bahnhof Westphalweg. Laut Polizei telefonierte er während der Attacke auf Hebräisch. Kirzon war in Begleitung seines 13 Jahre alten Sohnes.

Die Polizei meldete, dass dem Rabbiner ein unbekannter Mann entgegenkam, ihn an der Schulter anrempelte und ihn beleidigte. Anschließend entfernte sich der Täter in Richtung des Bahnhofs Westphalweg.

Die Polizei schreibt: "Da nicht auszuschließen ist, dass der Tatverdächtige den Bereich des Bahnhofes betreten haben könnte, wurden die Videoaufzeichnungen des Bahnhofes gesichert." Der jugendliche Sohn des Rabbiners sagte laut Polizei aus, er könne den Mann vermutlich wiedererkennen. Die Ermittlungen führt der Polizeiliche Staatsschutz.

Antisemitische Attacke in Berlin: Rabbi trug jüdisches Kleidungsstück

Laut "Bild"-Zeitung trug Kirzon, der Landesrabbiner der jüdischen Gemeinde in Potsdam ist, den Zizit, ein religiöses, jüdisches Kleidungsstück, ein Bündel von langen, weißen, mehrfach geknoteten Fäden aus Wolle oder Kunstfaser.

Kirzon sagte der Zeitung: "Ich war also eindeutig als Jude zu erkennen, als mich plötzlich ein arabisch aussehender Mann beschimpfte und angriff. Er schrie ‚Jude‘, hob die Hände, fasste mich an. Jeden Moment dachte ich, er schlägt zu." Dem "Focus" sagte Kirzon, der Mann habe "schrecklicher Scheißjude" gerufen.

Potsdamer Rabbiner Ariel Kirzon: „Wir wollen Gebete machen können ohne Sorge“

Kirzon forderte am Mittwoch bessere Sicherheitsvorkehrungen für das Gemeindehaus. Die Polizei schütze die Gemeinde zu besonderen Feiertagen, sagte Kirzon. „Aber was ist mit dem ganzen Jahr?“ Mit Blick auf den Anschlag auf die Synagoge von Halle im Jahr 2019 sagte er: „Das kann passieren irgendwo und jederzeit.“ Terroristen suchten Plätze und Orte auf, die wenig geschützt seien.

An jedem Schabbat, wenn er in Potsdam Gottesdienst feiere, mache sich seine Frau Sorgen, erzählte Kirzon. „Wir wollen Gebete machen können ohne Sorge.“ Der jüdische Feiertag Schabbat beginnt am Freitagabend und dauert bis Samstagabend. Kirzon sagte, er überlege inzwischen, auf der Straße nicht mehr Hebräisch zu sprechen und spezielle Teile seiner Kleidung nicht mehr zu zeigen. Vor drei Jahren sei er schon einmal angegriffen worden.

Bei der Jüdischen Gemeinde in Potsdam löste der Vorfall neue Unsicherheit aus. „Wir fühlten uns in Potsdam relativ sicher - jetzt nicht mehr“, sagte der Vorsitzende Evgueni Kutikow. Obwohl die Tat in Berlin geschehen sei, wachse die Verunsicherung auch in Brandenburg. Die Jüdische Gemeinde in Potsdam hat demnach etwa 500 Mitglieder. In Potsdam sitzt auch das Abraham-Geiger-Kolleg, das Rabbiner ausbildet.

Am Gemeindehaus sei nach dem Anschlag in Halle die Sicherheit erhöht worden, sagte Kutikow. Es gebe einen Zaun, Betonblöcke, Videokameras und Alarmsysteme. „Wir sitzen jetzt schon in einem Knast.“ Bei Gottesdiensten und den Feiern am Schabbat sitze ein „Aufpasser“, der aus der Gemeinde stamme. Einen Vertrag mit einem Wachdienst könne sich die Gemeinde nicht leisten. Bei besonderen religiösen Feiern mit vielen Gästen wende er sich an die Polizei, die dann auch mit Streifenwagen komme. Am 25. September wird das jüdische Neujahrsfest Rosch Haschana gefeiert.

Senatorin Bettina Jarasch: „Darf nicht passieren“

Berlins Umweltsenatorin Bettina Jarasch (Grüne) verurteilte den Vorfall. „Lieber Rabbiner Ariel Kirzon, es schmerzt mich zu lesen, was Ihrem Sohn und Ihnen heute in Berlin widerfahren ist“, teilte Jarasch mit. „Das darf nicht passieren und zeigt zugleich, dass wir im Kampf gegen Antisemitismus nicht nachlassen dürfen. Ich stehe solidarisch an Ihrer Seite: Gegen jeden Antisemitismus - ohne Wenn und Aber.“

Brandenburgs Kulturministerin Manja Schüle (SPD) nannte den Angriff „inakzeptabel“. „Ich möchte Rabbiner Kirzon und der jüdischen Gemeinschaft Mut machen: Bleiben Sie weiter sichtbar! Wir stehen an Ihrer Seite. Für jüdisches Leben in unserer Mitte.“

Antisemitismus in Berlin: 328 Verfahren im ersten Halbjahr 2022

Hass und Hetze gegen Jüdinnen und Juden beschäftigen die Berliner Strafverfolgungsbehörden weiterhin in hohem Maß. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres wurden nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft 328 Verfahren mit antisemitischem Hintergrund registriert, im ersten Halbjahr 2021 waren es 319.

Lesen Sie auch: Holocaust-Äußerung: Ist Mahmud Abbas ein Volksverhetzer?

( BM )