Razzia

Razzia: Zoll entdeckt gefälschte Pillen mit Hightech-Gerät

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Mit dem „Gemini Thermo Scientific Analyzer" kann der Zoll vor Ort erkennen, ob es sich um eine gefälschte Substanz handelt. Hier wurden angebliche Viagra-Pillen überprüft.

Mit dem „Gemini Thermo Scientific Analyzer" kann der Zoll vor Ort erkennen, ob es sich um eine gefälschte Substanz handelt. Hier wurden angebliche Viagra-Pillen überprüft.

Foto: Pudwell

Der Analysator „Gemini“ des Zolls erkennt gefälschte Substanzen in kurzer Zeit. Gerät wurde Barbesitzer in Tempelhof zum Verhängnis.

Berlin.  Bei mehreren Razzien in Tempelhofer Bars am Mittwochabend wurden einige Verstöße festgestellt. Unter anderem wurden potenzsteigernde Pillen entdeckt, die sich durch den Einsatz eines besonderen Gerätes noch vor Ort als gefälscht herausstellten.

Um die 40 Ermittler der Polizei, vom Zoll, Finanzamt und Mitarbeiter des Bezirksamtes Tempelhof-Schöneberg haben gemeinsam bei einem so genannten Verbundeinsatz sechs Lokale kontrolliert. Nach Angaben der Einsatzkräfte wurden unter anderem in einer Shishabar 20 Kilogramm unversteuerter Tabak festgestellt. So sei laut eines Sprechers des Hauptzollamtes ein Steuerschaden in Höhe von 780 Euro entstanden. Der Erlös, der bei einem Verkauf auf der Straße eingenommen worden wäre, dürfte um ein Vielfaches höher liegen.

Der Zoll leitete zudem Strafermittlungen wegen Sozialversicherungsbetrug und Sozialleistungsbetrug ein. In einem Fall arbeitete demnach eine Frau in einer Shisha-Bar am Bayernring schwarz – und das nur 80 Meter Luftlinie vom dortigen Landeskriminalamt entfernt. Auch gewerberechtliche Vorschriften wie der Nichtraucherschutz wurde teilweise nicht eingehalten.

Hightechgerät des Zolls erkennt Fälschungen in kurzer Zeit

„Es ist klar, dass man bei den Kontrollen nicht immer auf scharfe Waffen oder Juwelen aus dem Grünen Gewölbe trifft. Dennoch sind diese gemeinsamen Verbundeinsätze wichtig, weil der Rechtsstaat Präsenz zeigt, man letztlich immer wieder Gesetzesübertretungen feststellt und illegale Waren findet“, sagt Benjamin Jendro, Sprecher der Gewerkschaft der Polizei (GdP) Berlin.

Aufmerksamkeit erregten zudem blaue Pillen in einer durchsichtigen Box, in der in Supermärkten normalerweise Kaugummis verkauft werden. Gefunden wurden sie bei der Durchsuchung des Autos eines Barbesitzers. Für die Pillen konnte der Mann kein ärztliches Rezept vorlegen. Die Tabletten erwiesen sich in der Vor-Ort-Analyse als wenig wirksame Plagiate des „blauen Originals“ – der potenzfördernden Viagra-Pille. Sie wurden daraufhin sichergestellt.

Dass noch an Ort und Stelle eine Fälschung diagnostiziert werden konnte, liegt an dem Einsatz des „Gemini Thermo Scientific Analyzers“. An dem tragbaren und kompakten circa zwei Kilogramm schweren Gerät des Zolls befindet sich ein Lasermessgerät, das an die Verpackung gehalten wird. Dieses berechnet dann die Zusammensetzung des zu untersuchenden Stoffes. Es können sowohl helle Feststoffe und Flüssigkeiten als auch dunkle Substanzen und fluoreszierende Stoffe berührungslos durch transparente Behältnisse gemessen werden.

Analysator „Gemini“ des Zolls kostet um die 120.000 Euro

In diesem Fall in Tempelhof stimmten die Inhaltsstoffe der Pillen nicht mit dem Original überein – in der Datenbank sind fast 14.000 Substanzen hinterlegt, die das Gerät vor Ort mit den gefundenen Substanzen abgleicht. Nach Angaben eines Sprechers des Hauptzollamtes kostet ein Gerät um die 120.000 Euro.

„Das Gerät erleichtert die Arbeit des Zolls enorm. Deshalb haben die Kolleginnen und Kollegen das Gerät auch bei jedem Einsatz dabei“, sagt ein Sprecher des Hauptzollamtes. Der Vorteil sei, dass man schon vor Ort wisse, um welche Substanz es sich handele und so gegebenenfalls umgehend weitere Maßnahmen ergreifen könne. Ohne das Gerät müssten die Substanzen im Labor überprüft werden, was wesentlich mehr Zeit in Anspruch nehmen würde.

Auch GdP-Sprecher Benjamin Jendro sieht einen großen Vorteil des Analysators: „Der eingesetzte kompakte Gemini Thermo Scientific Analyzer ist eine Sache, die sich auch Berlins Politik mal genauer ansehen könnte, weil man damit auch die Arbeit der Polizei in der Drogenhauptstadt effektiver gestalten könnte“.

Razzien kratzen am Image der Clans

Die Berliner Behörden gehen mit den sogenannten Verbundeinsätzen regelmäßig gegen die Organisierte Kriminalität vor – und werden bei ihren Durchsuchungen auch immer wieder fündig. Zuletzt etwa fanden die Ermittler bei Gewerbekontrollen in Kreuzberger Bars einen Schießkugelschreiber samt Munition.

Die Razzien wurden in der Vergangenheit als Teil einer „Politik der Nadelstiche“ bezeichnet. So sei der Aufwand zwar oft enorm und der Ertrag meist eher gering, die Szene werde so aber aufgescheucht und in ihrem kriminellen Treiben nachhaltig gestört. Die häufige Präsenz der Polizei kratze zudem am Image der Clans als unantastbare Herren der Kieze.