Jahresbilanz 2021

Viele Notfälle, wenig Brände: Berliner Feuerwehr mit Rekord

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Dennis Meischen
Jahresbilanz der Berliner Feuerwehr am 16. Juni 2022.

Jahresbilanz der Berliner Feuerwehr am 16. Juni 2022.

Foto: Jörg Krauthöfer / Funke Foto Services

Zu fast einer halben Million Einsätze rückten die Retter im vergangenen Jahr aus. Ein Grund ist die alternde Gesellschaft.

Berlin. Mit entschlossenem Gesichtsausdruck und in voller Montur ziert Sabrina Woelffing den 242 Seiten starken Jahresbericht der Berliner Feuerwehr 2021, der am Donnerstag präsentiert wurde. Die 26-Jährige steht stellvertretend für den Nachwuchs, den die Einsatzkräfte suchen. Nach einem abgeschlossenen BWL-Studium wechselte die Brandoberinspektorin, die mittlerweile Ausbilderin an einer Lehrfeuerwache ist, 2018 als Quereinsteigerin in den gehobenen Dienst. „Ich wollte weg aus dem Büro“, sagte sie während der Veranstaltung, zu der auch Innensenatorin Iris Spranger (SPD) gekommen war. „Ausbilden und Führen macht mir Spaß.“

Es sind junge Menschen, die die Feuerwehr in den nächsten Jahren dringend brauchen wird. Das verdeutlichen schon die Zahlen aus dem vergangenen Jahr. 2021 ist die Feuerwehr in Berlin zu insgesamt 492.226 Einsätzen ausgerückt. Das sind im Schnitt 1349 Einsätze pro Tag – und damit die Höchstzahl an Einsätzen in der über 170-jährigen Geschichte der Berliner Brandbekämpfer. Zusätzlich gingen insgesamt knapp eine Million Notrufe unter der 112 in der Leitstelle ein. Im Schnitt mussten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter also alle 29 Sekunden den Hörer abnehmen. „Die Berliner Feuerwehr ist innovativ, sie ist modern und sie ist digital“, stellte Landesbranddirektor Karsten Homrighausen klar, „aber sie kommt langsam an ihre Belastungsgrenze.“

Berliner Feuerwehr will 500 Auszubildende pro Jahr anlernen

Rund ein Drittel der aktiven Berliner Feuerwehrleute sind über 50 Jahre alt, innerhalb der nächsten sieben Jahre gehen etwa 1500 von ihnen in den Ruhestand. Gleichzeitig sind 400 Stellen unbesetzt. „Der Nachwuchs steht daher bei uns voll im Fokus“, so Homrighausen. Aufgrund einer coronabedingten Pause wurden im vergangenen Jahr gleich zwei Jahrgänge mit insgesamt 322 Laufbahnbewerbern vereidigt, so viele wie nie zuvor. In Treptow wurde zudem die insgesamt 48. Jugendfeuerwehr Berlins gegründet. Aus diesen rekrutieren sich später oft auch die hauptberuflichen Feuerwehrleute.

Das soll jedoch noch nicht alles sein. Mit der Ausbildungsoffensive 500 ist geplant, jedes Jahr 500 neue Feuerwehrkräfte anzulernen. Von 2024 an sollen 1300 Auszubildende gleichzeitig die Feuerwehr- und Rettungsdienstakademie (BFRA) besuchen können, die 2027 in einen Neubau auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tegel ziehen soll. Ein Ziel, zu dem sich Innensenatorin Spranger am Donnerstag klar bekannte. „Es ist unsere Aufgabe, die Berliner Feuerwehr zu einem attraktiven Arbeitgeber zu machen“, sagte auch Landesbranddirektor Homrighausen.

Knapp 90 Prozent der Einsätze hatten mit medizinischen Notfällen zu tun

Dass das nicht so einfach werden wird, zeigt allein die Arbeitsbelastung, der die Feuerwehrleute im Jahr 2021 ausgesetzt waren. Kritisiert werden dabei vor allem die stetig zunehmenden medizinischen Notfallrettungseinsätze, die die Feuerwehr fahren muss. Tatsächlich entfallen von den 492.226 Einsätzen des vergangenen Jahres 446.149 – knapp 90 Prozent – auf den Bereich „Medizinische Gefahrenabwehr“ und gerade einmal 46.077 auf die „Technische Gefahrenabwehr“, zu der auch die 6843 Brände gehören. Allein die Zahl der Einsätze im Bereich Notfallrettung und Transport stieg im Vergleich zu 2020 um 75 Einsätze pro Tag.

„Auf die Berliner Feuerwehr ist Verlass, wobei wir angesichts der Entwicklungen in den letzten Jahren nicht mehr von Feuerwehr, sondern eher Rettungsdienst und Mutti für alles sprechen sollten“, sagte der Berliner Landeschef der auch für die Feuerwehr zuständigen Polizeigewerkschaft GdP, Stephan Weh. Man könne deswegen aber nicht einfach immer mehr Rettungswagen auf die Straße bringen, weil schlichtweg die Kollegen fehlten, um die Fahrzeuge auch zu besetzen.

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„Schon jetzt sind die Drehleitern nicht mehr fest besetzt, und auf vielen Löschfahrzeugen sitzen nur vier anstatt sechs Einsatzkräfte“, so Weh. Die Menschen in Berlin müssten verstehen, dass man bei saurer Milch im Kühlschrank nicht die 112 anrufe. „Wir müssen auch darüber reden, welche Rolle die Berliner Feuerwehr in unserem Gesundheitswesen überhaupt wahrnehmen kann und wo andere Institutionen eigentlich greifen sollten“, sagte der Gewerkschafter. Ansonsten mache man sich bei der so wichtigen Brandbekämpfung unnötig „nackig“.

Reform bei medizinischen Notfalleinsätzen gefordert

Ähnliche Stimmen kamen aus der Berliner Politik. „Nahezu täglich muss jetzt von der Berliner Feuerwehr der Ausnahmezustand ausgerufen werden“, sagte der FDP-Politiker Björn Jotzo, „diese Entwicklung ist aber mit immer mehr Rettungsfahrzeugen und immer mehr Personal allein nicht zu bewältigen.“ Es sei dringend Zeit für ein Umdenken. „Der Senat muss ein Konzept vorlegen, um Notfalleinsätze auf die Fälle zu konzentrieren, in denen sie wirklich erforderlich sind“, so Jotzo. Dazu müsse die Leitstelle Notfälle weitaus stärker als bisher von weniger dringlichen Einsätzen unterscheiden können.

Der Grünen-Politiker Vasili Franco verwies zudem auf nötige Reformen, um das Nachwuchsproblem wirklich effektiv zu lösen. „Wir werden zukünftig noch stärker in Ausbildung und Personalgewinnung bei der Berliner Feuerwehr investieren müssen“, sagte er, „die angestrebten Ausbildungskapazitäten existieren bisher nur auf dem Papier.“

Die Einsatzkräfte bekommen zudem wichtige Unterstützung von knapp 1500 Ehrenamtlichen in mittlerweile 59 Freiwilligen Feuerwehren. „Mein Dank gilt der Einsatz- und Risikobereitschaft aller hauptamtlichen und ehrenamtlichen Kollegen, die täglich ihr Leben für die Berlinerinnen und Berliner einsetzen, und deren Familien“, betonte denn auch Innensenatorin Spranger.