Polizei

Donnern in der Nacht: Berliner wählen Notruf

| Lesedauer: 4 Minuten
Dennis Meischen
Blick auf das Heizkraftwerk Reuter West.

Blick auf das Heizkraftwerk Reuter West.

Foto: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/ZB

Wegen "explosionsartiger Geräusche" haben zahlreiche Berliner in der Nacht zu Freitag den Notruf gewählt. Das steckt dahinter.

Berlin. Die Geräusche drangen Freitagnacht sogar bis nach Wilmersdorf. „Ich habe noch Fernsehen geguckt, kurz vor 1 Uhr nachts, als ich den ersten Knall hörte“, berichtet Dominic Hauser, der in der Berliner Straße wohnt. Zuerst habe er gedacht, dass wohl die Tür im Innenhof zugefallen sein musste – auch, wenn sich das für gewöhnlich anders anhöre. „Knapp 15 Sekunden später folgte der nächste Bums“, so Hauser, „jetzt glaubte ich schon an eine Explosion auf der Straße, wunderte mich aber, dass es keine Druckwelle gab.“

Bei Schlag Nummer drei habe es sich dann fast wieder so angefühlt, als käme das Geräusch irgendwo aus dem Haus selbst. „Es war nicht unbedingt beängstigend“, sagt Hauser, „nur merkwürdig so mitten in der Nacht“. Er habe nicht weiter darüber nachgegrübelt: „Möglicherweise Bauarbeiten oder ähnliches, damit gab ich mich zufrieden.“

So gelassen wie Hauser reagierte indes nicht jeder in Berlin. Die explosionsartigen Geräusche, die ungefähr 20-mal hintereinander alle 15 bis 20 Sekunden im Westteil der Stadt bis hin nach Steglitz und Friedenau zu vernehmen waren, haben an anderer Stelle viele Einwohner aus dem Schlaf gerissen. Auf dem sozialen Netzwerk Twitter startete die Diskussion über den Lärm fast zeitgleich: „Was zur Hölle sind das für Geräusche in Siemensstadt?“, wollte ein Nutzer wissen. „Ziemlich laut hier in Charlottenburg, scheint aber aus Spandau zu kommen“, schrieb ein anderer.

Druckschwankungen im System der Fernwärme

Zahlreiche Personen alarmierten auch Polizei und Feuerwehr über den Notruf, weil sie über die Knall-Laute beunruhigt waren. In Siemensstadt stellten die Sicherheitskräfte darauf noch in der Nacht die Quelle des Lärms fest: das Vattenfall-Heizkraftwerk in der Otternbuchtstraße.

Die lauten Geräusche hatten technische Gründe, wie die Polizei am Freitag mitteilte. Durch Reglungsschwankungen hatten sich die Sicherheitsventile einer Dampfleitung geöffnet. „Verletzt wurde niemand“, verkündeten die Beamten rasch, „eine Gefährdung für die Bevölkerung lag zu keiner Zeit vor.“

Doch was bedeutete der Vorgang konkret? „In Teilen des Fernwärmeversorgungssystems von Berlin ist es in der vergangenen Nacht zu Druck- und Mengenschwankungen gekommen“, erklärt Vattenfall-Sprecherin Sandra Kühberger auf Anfrage der Berliner Morgenpost. Was genau die Ursache dafür war, das werde derzeit allerdings noch untersucht.

„Diese Schwankungen haben sich jedenfalls rückwirkend auch auf unsere Kraftwerksanlagen am Standort Reuter, insbesondere auf das Dampfsystem, ausgewirkt.“ Das Dampfsystem wiederum habe zur Eigenabsicherung Sicherheitsventile, die bei zu hohem Dampfdruck mit einer automatischen Entlastung beginnen.

„Dies tun sie, indem sie den überschüssigen Dampf sicher an die Umgebung ableiten“, so Kühberger. Diese Ableitung verursache jedoch laute Geräusche, die über den üblichen Betriebslärm des Kraftwerks weit hinausgingen. Die Geräusche also, die so viele Berliner aufgeweckt haben.

Keine Schäden am Heizkraftwerk

„Es handelt sich aber um einen ganz normalen Vorgang zum Schutz der Dampfsysteme eines Kraftwerks“, versichert Kühberger. Am Heizkraftwerk und seinen Anlagen seien dadurch auch keinerlei Schäden entstanden. Die Entlastung am Sicherheitsventil sei vielmehr integraler Bestandteil des Vattenfall-Betriebskonzeptes, das die Sicherheit der verschiedenen Anlagen zu jedem Zeitpunkt gewährleisten muss. „Das kommt immer mal wieder an all unseren Standorten vor“, sagt Kühberger, „wird aber tagsüber als Geräusch nicht so wahrgenommen wie eben nachts.“

Nach dem routinemäßigen Entlastungsvorgang konnte die Anlage inzwischen wieder in den Normalbetrieb übergehen. „Die Wärmeversorgung durch den Standort war während der gesamten Zeit ununterbrochen in Betrieb und sorgte und sorgt weiterhin im Versorgungsgebiet für warme Heizungen und heißes Wasser“, so Kühberger.

Zuletzt hatte 2017 ein technischer Defekt im Heizkraftwerk Reuter West Anwohner in Charlottenburg und Siemensstadt alarmiert. Damals gingen Hunderte Notrufe wegen Lärms in der Nacht bei der Polizei ein. Der Grund: Ein Waschbär hatte sich in den Katakomben des Heizkraftwerkes verirrt und in einem 110-Kilovolt-Transformator einen Kurzschluss verursacht. Was folgte, waren ein greller Blitz und ein lauter Knall.