Thermometersiedlung

18-Jähriger bei tödlichem Duell in Lichterfelde erstochen

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Am Montagmittag kamen junge Männer zu dem Ort am S-Bahnhof Lichterfelde Süd, an dem Kaan Ö. starb, und zündeten Kerzen an.

Am Montagmittag kamen junge Männer zu dem Ort am S-Bahnhof Lichterfelde Süd, an dem Kaan Ö. starb, und zündeten Kerzen an.

Foto: Katrin Lange

In der Nacht zu Sonntag wurde ein 18-Jähriger in der Thermometersiedlung in Lichterfelde Süd erstochen. Eine Spurensuche vor Ort.

Berlin. Nur eineinhalb Tage nach den tödlichen Messerstichen in Lichterfelde kann die 1. Mordkommission des Landeskriminalamtes einen Erfolg verbuchen. Wie die Berliner Morgenpost aus Polizeikreisen am Montag erfahren hat, wurde gegen einen 20-jährigen Hauptverdächtigen ein Haftbefehl erlassen. Der junge Mann steht unter dem dringenden Tatverdacht, in der Nacht zu Sonntag den 18-jährigen Kaan Ö. mit einem Messer niedergestochen zu haben. Nach Polizeiangaben starb Ö. wenig später in einem Krankenhaus.

Der 20-Jährige Tatverdächtige wurde einem Haftrichter vorgeführt und sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Drei weitere Männer im Alter von 19 und 20 Jahren wurden nach erkennungsdienstlichen Maßnahmen und Verhören wieder auf freien Fuß gesetzt. Die Ermittlungen dauern an.

Bisherige Erkenntnisse der Polizei ergaben, dass in der Nacht zu Sonntag gegen 1 Uhr in der Nähe des S-Bahnhofes Lichterfelde Süd in einer Grünanlage an der Réaumurstraße zwei Gruppen junger Männer in Streit geraten waren. Dabei wurde der 18-Jährige niedergestochen. Wenig später nahm die Polizei die vier jungen Männer in der Nähe des Bahnhofs fest.

Tödliche Messerstiche in Lichterfelde: "Keiner, der sich messen wollte"

Am Montagmittag ist es still in der Thermometersiedlung in Lichterfelde Süd – so als hätte sich eine Glocke über die Hochhaussiedlung gelegt. Auf der Tischtennisplatte an der Réaumurstraße stehen Grabkerzen, rote und weiße Rosen wurden abgelegt. Jeder hier weiß, was passiert ist. Es ist ein sozialer Brennpunktkiez, erst vor etwa einem Jahr wurde ein Quartiersmanagement eingerichtet. Mehr als 4600 Menschen leben in der Thermometersiedlung, fast 50 Prozent haben einen Migrationshintergrund. Etwa ein Viertel der Bewohner bezieht ein Transfereinkommen.

„Auseinandersetzungen zwischen den Jugendlichen kommen immer mal wieder vor“, sagt eine Mitarbeiterin des Evangelischen Jugendhilfevereins, der gleich neben dem Tatort in der Réamurstraße seine Räume hat. „Aber wir hatten noch nie einen Toten.“ Die junge Frau kennt Kaan Ö. und seine Familie, der 18-Jährige war auch ein paar mal im Familienzentrum des Vereins. Ein tolles, gläubiges Elternhaus, erzählt sie. Der Vater Taxifahrer, die Mutter arbeitet in einem Geschäft im Kiez. Der Junge sei keiner gewesen, der sich messen wollte. Die Mitarbeiterin kennt viele Details des Dramas aus den Erzählungen der Jugendlichen.

Mutmaßliche Täter aus Schöneberg: „Wir stechen dich ab“

Kurz bevor er starb, hat Kaan Ö. noch auf der Tischtennisplatte gesessen. Äußerlich unverwundet. Dann wurde der 18-Jährige blass und klappte zusammen. Ein Junge öffnete die Jacke. Da war die Verletzung zu sehen: Der Einstich mitten in die Brust, Blut quoll heraus. Sie blieben alle bei ihm, hielten seine Hand, weinten, bis der Krankenwagen kam.

Es sei eine Dreieck-Beziehung gewesen, kurz vor der Tat Sonnabendnacht habe das Mädchen noch das spätere Opfer angeschrieben, berichtet die Mitarbeiterin des Jugendhilfevereins. Sie und Kaan Ö. waren getrennt. Ob er sie noch geliebt hat? Sie hatte einen neuen Freund. Am Ende sollte ein Duell entscheiden, ein Zweikampf, für den sie sich nachts am S-Bahnhof Lichterfelde Süd getroffen hatten. Doch dort wartete nicht ein Gegner. Nach Auskunft der Mitarbeiterin waren die vier mutmaßlichen Täter aus Schöneberg angereist, einer hatte bereits angekündigt: „Wir stechen dich ab“. Am Mittwoch will sie ein Frühstück für die Jugendlichen im Verein veranstalten, um zu reden.

Kaan hatte in der Nacht kein Messer bei sich

An der Tischtennisplatte kommen am Montagmittag einige junge Männer vorbei. Sie zünden Grabkerzen an. Betroffen, wütend, traurig – ja, so fühlen sie sich, sagen die Jugendlichen. Kaan habe gerade für das Abitur gelernt und sehr viel Fußball gespielt, sagt ein 19-Jähriger. Sport sei ihm sehr wichtig gewesen. „Er war ein ruhiger Junge, er wollte was aus sich machen und seine Eltern stolz machen“, erzählt er leise. Beliebt sei er gewesen und sehr respektvoll. Feinde hatte er nicht.

Kaan hatte in der Nacht kein Messer bei sich. Er wollte kämpfen und nach Hause gehen, erzählen die Jungs. Warum er sich dem Zweikampf stellen wollte? „Aus Ehre vielleicht“, sagen sie.

Baktash, der im Kiez in einem Döner-Imbiss arbeitet, kann sich auch nicht erklären, wie es dazu kommen konnte. Am Vormittag hätten die Jungs noch gemeinsam Fußball gespielt, das seien doch alles Kumpel gewesen, erzählt Baktash. Auch Olga, die mit ihren Sohn einkaufen geht, kennt den Vorfall. „Wir haben aber erst etwas mitbekommen, als die Polizei da war“, sagt sie. Eigentlich habe sich die Siedlung beruhigt, in den vergangenen zwei bis drei Jahren sei nichts passiert.

Freunde und Familie des Getöteten haben derweil im Internet eine Spendenaktion gestartet. Diese diene dazu, „dass wir im Namen unseres geliebten verstorbenen Bruders und Freundes ein Andenken in Form eines Brunnens bauen können“, heißt es dort. „Wir halten deinen Namen für immer und ewig hoch und in Ehren.“ Das erste Ziel, insgesamt 10.000 Euro zu sammeln, war am Dienstag bereits fast erreicht. Gegen 11.20 Uhr waren bereits 8328 Euro zusammengekommen.

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