Tschechien

Vermisstes Mädchen aus Berlin lebend gefunden

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Andreas Gandzior, Ulrich Kraetzer und Philipp Siebert

Foto: Daniel Vogl/dpa

Zwei Tage nach ihrem Verschwinden wurde die Achtjährige aus Pankow wohlbehalten aufgefunden. Jetzt wurde sie aus der Klinik entlassen.

Waldmünchen/Cerchov/Berlin. Die acht Jahre alte Julia ist einen Tag nach ihrer Rettung im Grenzgebiet von Tschechien wieder aus dem Krankenhaus entlassen worden. Das Mädchen aus Berlin war fast zwei Tage lang nach einem Familienausflug verschollen, am Dienstag hatte ein tschechischer Förster das Kind entdeckt. Danach wurde das Kind nach Angaben des Polizeipräsidiums in Regensburg in eine Klinik in Deutschland gebracht .

„Bis auf einen leichten Kratzer am Bein war das Kind unverletzt“, sagte Polizeisprecher Florian Beck. Das unterkühlte Mädchen sei langsam wieder aufgewärmt worden. Am Mittwoch in den Mittagsstunden habe Julia das Krankenhaus in Begleitung von Familienangehörigen wieder gesund verlassen können.

Nach der Befragung hatte Julia in den zwei Tagen mehrere Kilometer zu Fuß im Wald zurückgelegt. Nachts schlief sie auf einer Wiese in hohem Gras und habe dabei auch Tiere wie Rehe, Füchse und ein Wildschwein gesehen, beschrieb der Polizeisprecher die Schilderung des Kindes. Weil sie sich nachts im Wald fürchtete, habe sie nicht auf sich aufmerksam gemacht.

Auch die Einsatzkräfte waren von der Nachricht vom Fund der Achtjährigen am Dienstag stark berührt. „Da sind beim ein oder anderen Tränchen geflossen“, sagte Beck am Dienstag dem Bayerischen Rundfunk in Furth in Wald. Mehrere Tage hatten Retter nach dem kleinen Mädchen im Wald im deutsch-tschechischen Grenzgebiet nach Julia gesucht, die am Sonntag spurlos verschwand.

So eine Erleichterung habe er in seiner Laufbahn noch nie erlebt, so Beck weiter. Das Bayerische Rote Kreuz in Cham sprach auf Facebook gar von der größten grenzüberschreitenden Suchaktion, die in der Region je stattgefunden habe. „Dass es gelungen ist, das Kind zu finden, kommt einem Wunder gleich“, heißt es darin weiter.

Waldarbeiter fand das Mädchen unverletzt

Die Nachricht kam um kurz vor 14 Uhr, dass Waldarbeiter die Achtjährige aus Berlin gefunden haben. Er gehe davon aus, dass die Forstleute aktiv an der Suche beteiligt waren, sagte Beck. Die tschechische Zeitung „Pravo“ hatte zuvor unter Berufung auf „zwei vertrauenswürdige Quellen“ in ihrer Onlineausgabe berichtet, das Mädchen sei bei Ceska Kubice gefunden worden. Das bestätigte auch die tschechische Polizei. Nach tschechischen Medienberichten hatte ein ortskundiger Wildhüter Julia etwa vier Kilometer von dem Ort entfernt gefunden, an dem ihre Eltern sie verloren hatten. Er soll sie mitten im Wald im Gras entdeckt haben. Wie sie dahingekommen war, blieb zunächst unklar.

„Julia wurde stark unterkühlt, aber unverletzt und ansprechbar gefunden“, sagte ein Sprecher des Polizeipräsidiums Oberpfalz der Berliner Morgenpost. „Das Mädchen befindet sich in einem Krankenhaus, ist aber nicht in Lebensgefahr.“ Zum Schutz der Familie werde aber nicht bekannt gegeben, ob sich das Mädchen in Tschechien oder in Deutschland in der Klinik befindet.

Nach Polizeiangaben von Mittwoch ist Julia in gesundheitlich guter Verfassung. „Es geht ihr eigentlich relativ gut“, sagte der Sprecher des Polizeipräsidiums Oberpfalz, Josef Weindl. Das Mädchen sei weiterhin im Krankenhaus. Über Nacht sei die Achtjährige in einem sogenannten Wärmebett gewesen, weil sie nach den zwei kalten Nächten im Wald unterkühlt gewesen sei. „Sie zeigt äußerlich keine Verletzungen“, erklärte Weindl. „Sie spricht und ist so weit unauffällig.“

„Letztlich war es dann ein Quäntchen Glück, dass ein in die Suchaktion eingebundener tschechischer Förster das Mädchen gefunden hat“, sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Man sehe einmal mehr, dass Hilfeleistung keine Grenzen kenne.

Förster beschreibt im Wald wiedergefundene Julia als „sehr geschickt“

Der Förster, der sie im Rahmen einer groß angelegten Suchaktion wiederfand, würdigte die Ausdauer des Mädchens in der Natur: „Um das zu schaffen, muss sie sehr geschickt gewesen sein“, sagte Martin Semecky. Er suchte mit Kollegen suchten in Absprache mit der Einsatzleitung ein Waldstück mit jüngerem Bewuchs ab, das knapp außerhalb des offiziellen Suchradius lag.

„Auf einmal stand die kleine Julia vor uns, sie saß etwa zehn Meter weit weg im hohen Gras“, berichtete der Förster. Als er ihren Namen gesagt habe, habe sie mit dem Kopf genickt. „Das war ein unglaubliches Gefühl, diese Emotionen kann man gar nicht mit Worten beschreiben“, sagte Semecky. Der Fundort lag demnach rund einen Kilometer entfernt von einer Quelle, die Ceska studanka heißt.

Was Julia in der Zwischenzeit alles durchgemacht hat, wird man wohl erst später erfahren. „Wir wollten sie nicht mit Fragen belasten“, sagte der Förster.

115 Suchhunde, Polizeihubschrauber und Drohnen im Einsatz

Julia war am Sonntag nach einer Wanderung rund um den tschechischen Berg Cerchov (Schwarzkopf) im Böhmerwald, verschwunden – der höchsten Erhebung in der Gegend. Etwa 1400 Einsatzkräfte aus Tschechien und Deutschland hatten sich laut Angaben der Polizei an der Suche nach dem Mädchen beteiligt. Wie das Polizeipräsidium Oberpfalz mitteilte kamen bei der Absuche im bayerisch-tschechischen Grenzgebiet auch 115 Suchhunde, Polizeihubschrauber und Drohnen zum Einsatz.

Die Einsatzkräfte durchkämmten zwei Tage und Nächte das unwegsame Waldgebiet entlang der Grenze beider Länder zwischen Waldmünchen, Furth im Wald und Domazlice. Dabei bildeten Feuerwehr, Bergwacht, Förster, Mitarbeiter des Nationalparks Böhmischer Wald und Polizei lange Menschenketten. Einige Kräfte waren auch auf Pferden unterwegs. Förster überprüften Fotofallen, Hochsitze sowie Futterstellen für Tiere und schauten unter Felsen, von denen Julia gestürzt sein könnte. Aber all das und auch der Einsatz einer Wärmebildkamera brachte nicht den erwünschten Erfolg.

Suche wurde immer mehr zum Wettlauf gegen die Zeit

Die Baumkronen sind in diesem Gebiet zu dicht, es gibt kaum Waldlichtungen. Zudem stehen in dem Wald Ruinen der Armee – Überbleibsel aus dem Kalten Krieg. Auf tschechischer Seite war die gesamte Grenzregion militärisches Sperrgebiet. So wurde die Suche immer mehr zum Wettlauf gegen die Zeit und die Kälte. Schon zwei Nächte lang war die acht Jahre alte Julia im Wald verschwunden, in denen die Temperaturen um den Gefrierpunkt lagen. „Die Chancen des Mädchens sinken von Stunde zu Stunde“, sagte Polizeisprecher Josef Weindl noch am Dienstag vor ihrem Auffinden der „Passauer Neuen Presse“. „Ohne Essen und Trinken schafft es ein Kind über zwei Tage.“

Das Mädchen aus Pankow war am Sonntag mit ihren Eltern, ihrem Bruder und einem Cousin beim Wandern. Was ein erholsamer Familienausflug werden sollte, endete als Alptraum. Gegen 17 Uhr verlor die Familie das Mädchen aus den Augen. Die Eltern alarmierten sofort die Rettungskräfte, die die Suche umgehend einleiteten. Allerdings stellte vor allem das Wetter die Suchenden vor Schwierigkeiten. So konnte ein Hubschrauber lange nicht abheben. Dennoch versprachen die Behörden, sie würden jeden Stein umdrehen, wie es noch am Montag vom Polizeipräsidium Oberpfalz hieß.

Polizei sieht keine Anhaltspunkte für Straftat

Erstmals kamen am Dienstag dazu auch ein Trupp Höhenretter aus Rosenheim zum Einsatz, die auf die Suche von Personen im alpinen Bereich spezialisiert sind. Auf Twitter bat die Polizei die Bevölkerung derweil, nicht selbst auf die Suche zu gehen und dadurch möglicherweise den Einsatz der Profis zu behindern.

Ein Verbrechen schloss die Polizei aus. Es gebe „überhaupt keinen Ansatz, der auf eine Straftat deuten würde“, sagte Pressesprecher Florian Beck dem Bayerischen Rundfunk. Man gehe nach wie vor davon aus, dass sich das Mädchen nahe dem tschechischen Berg Cerchov im Wald verlaufen habe. Es werde aber, wie in solchen Fällen üblich, in alle Richtungen ermittelt, so Beck. Dazu sei die Kriminalpolizei eingeschaltet.

( dpa )