Tödlicher Unfall

Radfahrerin stirbt - Neue Diskussion über Abbiegeassistent

Am Kottbusser Tor ist eine 68 Jahre alte Radfahrerin von einem Lkw erfasst worden. Nun wird wieder über Abbiegeassistenten diskutiert.

Am Donnerstagabend versammelten sich Menschen am Kottbusser Tor zur Mahnwache für die getötete Radfahrerin.

Am Donnerstagabend versammelten sich Menschen am Kottbusser Tor zur Mahnwache für die getötete Radfahrerin.

Foto: Reto Klar

Berlin. 
  • Eine 68 Jahre alte Radfahrerin ist am Mittwoch in Berlin-Kreuzberg von einem Lkw überfahren worden.
  • Die Radfahrerin starb noch an der Unfallstelle. Rettungskräfte mussten mehrere Menschen betreuen
  • Die Unfallkommission des Senats hat die Kreuzung am Donnerstag inspiziert und Sofortmaßnahmen identifiziert, um sie zu entschärfen.
  • 200 Menschen nahmen am Donnerstagabend an einer Mahnwache teil. Auch ein Geisterfahrrad wurde aufgestellt.
  • Nach dem tödlichen Unfall testet Morgenpost-Reporter Patrick Goldstein die Strecke mit dem Fahrrad. Er stellt fest, dort herrsche Lebensgefahr.
  • Am Freitagvormittag wurde in Adlershof erneut ein Radfahrer bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt.
  • Berlin will sich im Bundesrat für die schnelle Einführung eines verpflichtenden Abbiegeassistenten einsetzen

Nach dem tödlichen Unfall am Kottbusser Tor vom Mittwoch wird in Berlin über die Sicherheit im Straßenverkehr diskutiert. Im Zentrum steht dabei die Frage, ob verpflichtende Abbiegeassistenten für Lastwagen schon früher eingeführt werden können als bislang vorgesehen. Die Senatsverkehrsverwaltung sprach sich erneut für eine schnelle verpflichtende Einführung der Technik aus.

Bislang scheitert Berlin dabei jedoch an der fehlenden Gesetzgebungskompetenz. Zuständig ist die EU. Dort ist die Einführung verpflichtender Abbiegeassistenten für Lkw ab 3,5 Tonnen bereits beschlossen worden. Die Pflicht zur Ausrüstung gilt für neue Fahrzeugtypen aber erst ab dem Jahr 2022. Ab 2024 müssen alle neuen Fahrzeuge ausgerüstet werden.

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Abbiegeassistent Ende Januar Thema im Bundesrat

„Dies ist nach Auffassung der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz ein zu später Zeitpunkt“, teilte die Senatsverwaltung mit. Berlin versucht deshalb einen anderen Weg. Bereits im vergangenen Jahr hat das Land im Bundesrat einen entsprechenden Antrag eingebracht. Dieser sieht vor, dass Kommunen künftig sogenannte Verkehrssicherheitszonen einrichten können. Das rechtliche Konstrukt würde es den Städten ermöglichen, Lkw ohne Abbiegeassistenten die Einfahrt in die Zonen zu verbieten. „Dies wäre ein wirksamer Beitrag für mehr Verkehrssicherheit in den Städten“, teilte die Verkehrsverwaltung mit.

Ende Januar steht das Thema nun auf der Tagesordnung im Bundesrat. Ob Berlin genügend andere Bundesländer für den Vorstoß gegen die Bundesregierung gewinnen kann, ist unklar.

Morgenpost-Reporter Patrick Goldstein hatte nach dem Unfall einen Selbsttest gemacht. Wie gefährlich ist die Kreuzung Kottbusser Tor für Radfahrer? Er ist regelmäßig mit dem Fahrrad in Kreuzberg unterwegs. Schon die Anfahrt zum "Kotti" finde unter verschärften Bedingungen ab, schreibt er in seiner Reportage. Auf der Gitschiner gebe es keinen Radweg, auf dem Parksteifen werden ständig Autotüren geöffnet, ziehen Wagen aus Lücken. Am Kottbusser Tor haben die Autos Tempo drauf, an der Ecke Reichenberger Straße gibt es keine Ampel. Autofahrer und Radfahrer würden sich durch das Grün ein paar Meter zuvor im Vorfahrtsrecht wähnen. Lebensgefahr!

Tempo 30 für Adalbertstraße soll angeordnet werden

Der Senat will die gefährliche Kreuzung entschärfen. Laut einer Mitteilung der Senatsverkehrsverwaltung habe die Unfallkommission am Donnerstagnachmittag die Kreuzung begutachtet. Mit dabei war neben Vertretern von Bezirk und Polizei auch der Leiter der neuen Abteilung Verkehrsmanagement, Christian Haegele.

Folgende Sofortmaßnahmen wurden laut Senatsverwaltung identifiziert:

  • Am Kottbusser Tor sollen vor allem Maßnahmen an den Ampelanlagen geprüft werden. Der Bezirk soll zudem die bauliche Gestaltung des Radwegs prüfen.
  • An der Adalbertstraße soll Tempo 30 angeordnet werden. Dort war am 2. Januar ein Fußgänger von einem Lieferfahrzeug erfasst und ums Leben gekommen.

Es ist das erste Mal, dass die Berliner Behörden mit dieser Maßnahme auf einen tödlichen Unfall reagieren.

Der tödliche Unfall hatte sich am Mittwochmittag gegen 13.40 Uhr ereignet. An der Skalitzer Straße Ecke Kottbusser Straße geriet eine Radfahrerin unter einen abbiegenden Lkw. Wie die Berliner Feuerwehr mitteilte, starb die 68-jährige Frau noch an der Unfallstelle. Mitarbeiter des Rettungsdienstes betreuten mehrere Personen. Die Feuerwehr war mit 40 Kräften und zehn Fahrzeugen im Einsatz.

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Tödlicher Lkw-Unfall am Kottbusser Tor: Mahnwache am Donnerstagabend

Am Donnerstagvormittag waren an der Unfallstelle Blumen und Kerzen zu sehen. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) Berlin und der Verein Changing Cities riefen zur Teilnahme an einer Mahnwache am Donnerstagabend am Kottbusser Tor auf. Um 17.46 übertönten die Fahrradklingeln das Hupen und Autorauschen unter der Hochbahn. An die 200 Menschen waren gekommen, hatten sich um das weiße Fahrrad auf dem nassen Asphalt des Fußüberwegs versammel.

Kinder waren ebenfalls gekommen, mit Schildern auf denen Vision Zero und Fragezeichen stehen, Anwohner waren da, Ex-Kollegen der Verstorbenen, Radfahrerer aus der ganzen Stadt. "Wir wollen gemeinsam trauern", sagte Dirk Schneidemesser von der Verkehrsinititative Changing Cities zu den Menschen. "Aber wir wollen ganz klar die Botschaft an die politischen Verantwortlichen schicken: Das darf nicht sein."

Auch ein sogenanntes weißes Geisterrad, das an getötete Radfahrer erinnert, wurde aufgestellt. Das weiße Fahrrad lehnt an einem Geländer direkt an der Fahrbahn, daneben Kerzen und das Foto einer lächelnden Frau in Wandermontur und Wind in den Haaren. "Feli warum?", steht dort.

"Es ist begrüßenswert, dass die Senatsverwaltung so schnell reagiert", sagt Niklas Linck vom ADFC zu den Sofortmaßnahmen der Unfallkommission. Nur tue die Politik auch nur das, was das Gesetze vorsehe: eine Prüfung der Unfallstelle. Linck erinnert daran, dass die Kreuzung erst 2013 umgebaut wurde - und es trozdem noch 13 Unfälle mit Radfahrern hier gebe. Womöglich, so, Linck helfe am Kottbusser Tor nur das: "Autoverkehr einschränken oder rausnehmen."

Das in den Sofortmaßnahmen beschlossene Tempo 30 an der Adalbertstraße begrüße der ADFC, weil es die Verkehrssicherheit fördere. Linck: "Aber warum gibt es am ganzen Kottbusser Tor und in der Skalitzer Straße kein Tempo 30?"

Unfall in Berlin-Kreuzberg: Lkw-Fahrer biegt rechts ab und erfasst Radfahrerin

Der Unfall ereignete sich am Kreisverkehr auf Höhe der Kreuzung von Kottbusser Straße und Skalitzer Straße. Wie die Polizei am Donnerstag mitteilte, fuhr ein 54 Jahre alter Lkw-Fahrer auf der Kottbusser Straße in Richtung Kottbusser Tor und bog dann nach rechts auf die Skalitzer Straße ab. Dabei erfasste er die 68 Jahre alte Radfahrerin, die in gleicher Richtung auf dem Radweg fuhr.

Die Feuerwehr war schnell vor Ort. Einsatzkräfte waren gerade auf dem Weg zu einem Brand an der Reichenberger Straße. An der Kreuzung angekommen, wunderte sich ein Feuerwehrmann, warum der Lastwagen auf der Straße stand. Als er ausstieg, sah er die Person unter dem Lkw.

Radunfall: Kran musste Lkw anheben, um Leiche zu bergen

Der Verkehrsermittlungsdienst der Polizeidirektion 5 übernahm die weiteren Ermittlungen. Am Mittwochnachmittag wurde die Unfallstelle unter anderem mit einer Drohne vermessen. Nach den Arbeiten der Spurensicherung hob ein Kran den Lkw an, um die Leiche zu bergen. Die Leiche wurde am Nachmittag abtransportiert. Die Skalitzer Straße in Richtung Friedrichshain blieb am Abend zunächst gesperrt.

Am Kottbusser Tor gab es bereits vor knapp zwei Jahren einen schweren Unfall beim Rechtsabbiegen eines Lkw. Eine 63-jährige Fußgängerin war an dem Verkehrsknotenpunkt von dem Laster erfasst worden. Die Frau starb noch am Unfallort.

Erster tödlicher Unfall einer Radfahrerin in Berlin im neuen Jahr

Bei dem Unfall von Mittwoch handelt sich um die erste durch einen Verkehrsunfall ums Leben gekommene Radfahrerin in Berlin in diesem Jahr. Es ist aber schon das zweite Todesopfer.

Bereits am Montag starb ein 81-Jähriger im Krankenhaus, nachdem er mehrere Tage zuvor in einen Verkehrsunfall verwickelt war. Der Senior war am Donnerstag gestürzt, als seine Frau in der Adalbertstraße in Kreuzberg von einem Kastenwagen erfasst wurde.

Im vergangenen Jahr gab es in Berlin 40 Verkehrstote: 24 Fußgänger, sechs Radfahrer, sechs Autoinsassen, zwei Motorradfahrer sowie zwei Bus- oder Lastwagenfahrer. Mitte Dezember war ein 74-Jähriger bei einem Unfall auf der Landsberger Allee in Friedrichshain tödlich verletzt worden.

* In einer früheren Fassung hatten wir geschrieben, der Unfall habe sich an der Ecke Reichenberger Straße/Kottbusser Tor ereignet. Dies ist nicht richtig. Wir haben den Text entsprechend korrigiert.