Kriminalitätsbekämpfung

Polizei zu Anti-Terror-Übung: Plan ging komplett auf

Die Polizei hat am Sonntag bei einer der größten Übungen in ihrer Geschichte den Ernstfall geprobt und ein positives Fazit gezogen.

Berlin. Die Berliner Polizei hat am Sonntag in Steglitz gemeinsam mit der Feuerwehr und den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) eine der größten Anti-Terror-Übungen in ihrer Geschichte durchgeführt. Die Polizei will so Erkenntnisse für Großlagen gewinnen.

Es wurde ein erstes positives Fazit gezogen. „Unser Plan ging komplett auf, das was wir üben wollten, haben wir geübt“, sagte der Leiter der Übung und Stabsleiter an der Polizeiakademie, Thomas Drechsler, am Montag dem RBB-Inforadio.

Das Szenario sah am Sonntag so aus: Ein Transporter fuhr vor dem Boulevard Berlin in eine Menschenmenge. Drei Terroristen stürmten danach in das Einkaufszentrum. Es fielen Schüsse. Es gab Tote und Verletzte. Die Übung fand in der Öffentlichkeit statt. Anwohner standen auf ihren Balkonen. Passanten fragten an den Absperrungen, ob etwas passiert sei.

60 Schauspieler waren für die Übung engagiert. Sie stellten Geiseln und Verletzte dar. Im Einsatz waren mehr als 500 Beamte. Dazu knapp 100 Feuerwehrleute und Mitarbeiter der BVG. Das Besondere: Erst vor Ort erfuhren die Polizisten, dass es sich um eine Übung handelte. Alles sollte so realistisch wie möglich sein.

„Jetzt kommt es darauf an, die Videos auszuwerten, die Schiedsrichter zu befragen: was hat nicht geklappt, wo hakt es. Entscheidend seien auch Fragen wie: ‘Wie schnell sind wir am Ort, wie schnell retten wir Personen.’“

Theaterblut und Babypuppen

Vor Ort wurden dann auch erst die echten Waffen der eintreffenden Beamten durch Übungswaffen eingetauscht. Um das Szenario möglichst realistisch wirken zu lassen, wurden vor dem Boulevard Berlin Puppen verteilt, die wie Tote aussahen. Schauspieler in ihrer Rolle als blutüberströmte Verletzte stöhnten. Simulierte Hilferufe waren bis auf die Straße zu hören. Während das Spezialeinsatzkommando (SEK) in das Einkaufszentrum vorrückte, transportierten Einsatzkräfte erste Opfer aus der Gefahrenzone. Auch das neue Berliner Spezialfahrzeug, der gepanzerte Survivor, war im Einsatz.

Lehren aus dem Anschlag am Breitscheidplatz

Für die Behörden ging es bei dieser Großübung auch darum, Abläufe zu proben und Erkenntnisse aus dem Anschlag am Breitscheidplatz vom Dezember 2016 und daraus gewonnene Neuerungen beim Vorgehen zu testen. So wurden dieses Mal die Opfer aus der Gefahrenzone transportiert und erst 500 Meter entfernt vom Anschlagsort behandelt. Beim Anschlag auf dem Breitscheidplatz war das noch anders.

Damals hatte die Einsatzleitung entschieden, die Verletzten vor Ort zu versorgen. Eine Risikoentscheidung, denn damals war nicht klar, ob die Einsatzstelle schon sicher war. Allerdings wurden durch diese Entscheidung wahrscheinlich Dutzende Menschenleben gerettet, weil sie schnell behandelt und in Krankenhäuser transportiert wurden. Bei der Übung am Sonntag zeigte sich, dass der Transport der Opfer und die Behandlung in sicherer Entfernung wesentlich länger dauern würde.

„Eine der komplexesten Übungen in der Geschichte“

Interessant für die Experten war auch die Kommunikation. Bei der Übung sollte der komplette Ablauf bei einem terroristischen Anschlag geprobt werden - das Funktionieren der Notrufzentrale und der Meldeketten, die Koordination im Lagezentrum, die Information der Öffentlichkeit durch die Pressestelle und der Einsatz vor Ort. Denn wie beim Breitscheidplatz war auch in Steglitz zunächst von einem „Verkehrsunfall“ die Rede. Erst nach und nach wurde der Alarm Schritt für Schritt konkreter, bis klar war, dass es sich um eine Terrorlage mit vielen Opfern handelt.

Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik informierte sich am Sonntagmittag auch persönlich vom Ablauf und stellte sich den Fragen der Medien. „Diese Übung ist eine der größten und komplexesten in der Geschichte der Polizei Berlin“, sagte sie. Die Vorbereitung durch die Polizeiakademie habe mehr als ein Jahr gedauert. 50 „Schiedsrichter“ der Polizei in weißen Westen beurteilten bei der Übung die Reaktionen der Kollegen. Eine Auswertung soll später zeigen, was in Zukunft vielleicht noch besser laufen könnte.

Ein Rad soll ins andere greifen

Norbert Cioma, Landeschef der Gewerkschaft der Polizei (GdP), lobte die Übung: „Es ist unglaublich wichtig, die Einsatzbewältigung möglicher Großlagen zu trainieren. Natürlich lässt sich kein Anschlag oder Amoklauf hundertprozentig simulieren. Aber es wird am Ende Leben retten, wenn sich Kollegen aus unterschiedlichen Polizeibereichen gemeinsam mit der Feuerwehr auf derartige Szenarien vorbereiten, damit im Ernstfall jeder Handgriff abgerufen werden kann und ein Rad ins andere greift.“

Die Schlossstraße blieb wegen der Terrorübung zwischen Schildhornstraße und Walter-Schreiber-Platz einige Stunden für den Verkehr gesperrt. Auch umliegende Straßen waren von Umleitungen betroffen. Die U-Bahnlinie 9 fuhr zeitweise nicht.