Terrorverdacht

Anschlag in Berlin: Zwei weitere Verdächtige festgenommen

Nach der ersten Festnahme am Mittwoch: In Prag wurden zwei weitere Verdächtige festgenommen. Die Rede ist von einer Terrorzelle.

Am Donnerstag sind zwei weitere Personen festgenommen worden.

Am Donnerstag sind zwei weitere Personen festgenommen worden.

Foto: Daniel Karmann/dpa

Berlin. Nach der Festnahme eines terrorverdächtigen Irakers in Wien sind nach Angaben des österreichischen Innenministers Herbert Kickl (FPÖ) zwei weitere Verdächtige gefasst worden. "Gerade erst gestern wurden in Prag, in Tschechien, zwei weitere mutmaßliche Terroristen, mit denen dieser Iraker eine gemeinsame Zelle gebildet hat, festgenommen", sagte Kickl am Donnerstag in einer Rede vor dem Parlament.

Der 42-jährige Iraker wird verdächtigt, Ende 2018 zwei Anschläge auf Bahnstrecken in Bayern und Berlin verübt zu haben. Er will nach bisherigen Aussagen allein gehandelt haben.

Festnahmen auf Grundlage eines europäischen Haftbefehls

Eine Sprecherin der tschechischen Polizei bestätigte die Festnahmen am Donnerstag auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. Die beiden ausländischen Staatsangehörigen seien am Mittwoch kurz nach ihrer Landung auf dem Prager Flughafen auf der Grundlage eines europäischen Haftbefehls festgenommen worden.

Dieser sei vom österreichischen Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung ausgestellt worden. Über die Auslieferung der Verdächtigen nach Österreich müsse nun die Justiz entscheiden.

Das Landgericht Wien wollte im Laufe des Donnerstags über die Verhängung der Untersuchungshaft gegen den Iraker befinden. Das gelte auch für seine ebenfalls festgenommene Frau, sagte eine Sprecherin des Gerichts. Dem 42-Jährigen wird unter anderem versuchter Mord vorgeworfen.

Gehandelt aus Rache auf den Westen

Medienberichte über angebliche Motive kommentierte die Sprecherin nicht. Laut "Kronen Zeitung" hat der irakische Ex-Militär angegeben, aus Rache auf den Westen und speziell auf Deutschland gehandelt zu haben. Er sei bei einem Militäreinsatz an der irakisch-türkischen Grenze von einer Bombe verletzt worden. Die Anschläge seien Teil eines persönlichen Feldzugs, aber kein Akt eines Terrornetzwerks.

Bei den Anschlägen auf Bahnstrecken in Bayern und Berlin sollten quer über den Schienen gespannte Stahlseile Züge zum Entgleisen bringen. Verletzt wurde niemand. Dem Iraker, der als anerkannter Flüchtling seit 2012 in Österreich lebt, droht eine lebenslange Haftstrafe.

Erste Festnahme bereits am Mittwoch

Der 42-Jährige, der in Wien wohnt, sympathisiert offensichtlich mit der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), wie die Generalstaatsanwaltschaften in München und Berlin sowie der Polizeipräsident Berlin und das bayerische Landeskriminalamt am Mittwoch mitteilten.

Die Staatsanwaltschaft Wien erklärte, der Mann sei dringend verdächtig, im Oktober und Dezember in Deutschland terroristische Anschläge auf Bahnstrecken verübt zu haben. Nur aufgrund eines technischen Fehlers sei der Plan nicht aufgegangen, Menschen zu töten.

"In Tatortnähe aufgefundene Schriftstücke in arabischer Sprache sowie eine Flagge des sogenannten Islamischen Staates begründen einen terroristischen Tatverdacht", erklärte die Behörde. Der Beschuldigte hat demnach die Taten gestanden, bestreitet aber einen terroristischen Hintergrund.

Der 42-Jährige war als Flüchtling nach Österreich gekommen. Das sagte ein Sprecher des Landeskriminalamts in München am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. Weitere Details nannte er nicht. Es gebe keine Hinweise darauf, dass der mutmaßliche Sympathisant der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Deutschland gelebt habe. "Er hat mit seiner Familie in Wien gelebt", sagte der Sprecher.

Stahlseil zwischen Oberleitungsmasten gespannt

Konkret geht es um zwei Fälle: Am 7. Oktober war auf der ICE-Strecke Nürnberg-München bei Allersberg ein Stahlseil zwischen den Oberleitungsmasten befestigt worden. Zudem wurden mit Metallteilen verstärkte Holzkeile auf den Gleisen aufgebracht, um einen Zug zum Entgleisen zu bringen, wie die Ermittler mitteilten. Ein ICE hatte die Hindernisse überfahren, war aber nur leicht beschädigt worden.

Die Polizei Berlin hatte dann am 24. und 25. Dezember von einem vergleichbaren Fall auf einer Strecke im Stadtteil Karlshorst berichtet. Die Oberleitung und ein Zug wurden beschädigt, Verletzungen trug niemand davon. Auch hier fanden Ermittler in Tatortnähe Schriftstücke in arabischer Sprache sowie eine Flagge des IS. Auf dieser Bahnstrecke fahren Regional- und EC-Züge.

Ein Sprecher der Berliner Anklagebehörde sagte der Deutschen Presse-Agentur, die Stahlseil-Konstruktion habe der in Bayern geähnelt. Die Tat war nach seinen Angaben am 15. Dezember: Der Verdächtige sei an dem Tag mit einer Mitfahrgelegenheit nach Berlin gekommen und abends mit einem Flixbus zurück nach Wien gefahren. Ein spezieller Berlin-Bezug des Verdächtigen sei nicht bekannt. Nach Recherchen der österreichischen "Kronen Zeitung" ist er Vater von fünf Kindern und ein Ex-Militär.

Wie gefährlich war der Terrorplan?

Dem Vernehmen nach wurde ein 0,5 Zentimeter dickes Stahlseil gespannt. Ein ICE mit mehreren hundert Tonnen Gewicht sei damit nicht von den Gleisen zu bringen, hieß es. Die Bahn erklärte am Mittwoch lediglich, dass von den Anschlägen keine Gefahr für Reisende ausging.

Die Festnahme durch österreichische Spezialkräfte in Wien erfolgte bereits am Montagmorgen gegen 5.00 Uhr. Bei den laufenden Vernehmungen sind auch deutsche Ermittler beteiligt. Gefragt nach möglichen Hintermännern, sagte der Sprecher des LKA München der Deutschen Presse-Agentur, man könne im Moment tatsächlich nicht ausschließen, dass es Mittäter, Mitwisser oder Hintermänner gab. "Aber es gibt auch keine Hinweise zurzeit darauf, dass wir irgendwo eine konkrete Zelle oder Ähnliches sitzen haben."

In der Wohnung wurde "sehr viel sichergestellt"

Bei der Durchsuchung der Wohnung und des Arbeitsplatzes des Irakers wurde nach seinen Worten "sehr viel sichergestellt", unter anderem Datenträger und Daten in arabischer Sprache. "Das gehört komplett ausgewertet", sagte der LKA-Sprecher. Die Untersuchungen seien noch lange nicht abgeschlossen.

Die Auslieferung nach Deutschland sei noch nicht beantragt, hieß es von der Generalstaatsanwaltschaft München. Aber man wolle dies prüfen, sagte ein Sprecher.

Gegen den Verdächtigen hat die Staatsanwaltschaft Wien Untersuchungshaft beantragt wegen des Verdachts der terroristischen Straftaten des versuchten Mordes und der schweren Sachbeschädigung sowie der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und dem Verbrechen der kriminellen Organisation. Auch das Amtsgericht München hat Haftbefehl erlassen: wegen des Verdachts des versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlichem Eingriff in den Bahnverkehr und versuchter Störung öffentlicher Betriebe.

Bayerns Innenminister erleichtert über Festnahme

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) äußerte sich erleichtert über die Festnahme. Österreichische Spezialeinheiten hätten den Verdächtigen in enger Zusammenarbeit mit deutschen Ermittlern festgenommen. "Dank der hervorragenden internationalen Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Österreich konnte damit der vermutlich hochgefährliche Täter aus dem Verkehr gezogen werden", erklärte er.

Die Ermittlungen würden jetzt mit Hochdruck fortgeführt, um die Hintergründe aufzuklären. Das betreffe insbesondere einen möglichen Bezug der Taten zum Islamischen Staat und die Frage, ob es Hintermänner gegeben haben könnte.

Aktion konnte nicht zu einem schweren Zugunglück führen

Die Strategie islamistischer Terrororganisationen ziele darauf ab, mit Anschlägen möglichst viele Opfer zu treffen und dadurch Angst und Schrecken zu verbreiten, sagte ein szenekundiger Ermittler des Bundeskriminalamtes (BKA) der Berliner Morgenpost unmittelbar nach dem Eingriff in den Bahnverkehr in Karlshorst. Als „einige Beispiele von vielen“ nannte er den Fall Amri und das Attentat in Straßburg.

„Die Beschädigung an einer Bahnstrecke irgendwo am Stadtrand durch die Beschädigung eines Versorgungskabels passt da nicht so recht ins Bild“, erklärte der Beamte damals. Zudem sei eine solche Aktion auch nicht geeignet, ein Zugunglück mit Toten und Verletzten herbeizuführen. Dies bestätigte auch ein Bahn-Sprecher. „Wird die Oberleitung zerstört oder beschädigt, kommt der Zugverkehr auf dem betroffenen Abschnitt wegen ausgefallener Stromversorgung automatisch zum Erliegen“, sagte der Sprecher.

In diesem Fall war der Zugverkehr auf dem Streckenabschnitt für eineinhalb Stunden unterbrochen. Betroffen waren S-Bahnen, Regional- und einige Fernzüge. Regional- und Fernzüge in Richtung Frankfurt (Oder) wurden für die Dauer der Unterbrechung über Lichtenberg umgeleitet, Regionalzüge Richtung Flughafen Schönefeld über Schöneweide.

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