Auch ein Schuss gefallen

Polizist angefahren: Fluchtauto in Neukölln entdeckt

Der Mann, der bei einer Kontrolle in Neukölln einen Polizisten angefahren hat, ist weiter auf der Flucht. Das Auto wurde entdeckt.

Polizisten sichern und untersuchen den Bereich am Hermannplatz Ecke Kottbusser Damm.

Polizisten sichern und untersuchen den Bereich am Hermannplatz Ecke Kottbusser Damm.

Foto: Morris Pudwell

Berlin. Das Fluchtauto, mit dem am Mittwochmorgen bei einer Verkehrskontrolle in Neukölln ein Polizist angefahren wurde, ist am Donnerstagmorgen von Ermittlern aufgespürt worden. Das Fahrzeug, ein weißer Mercedes S-Klasse, wurde in einer Werkstatt in Neukölln entdeckt, erfuhr die Berliner Morgenpost aus Ermittlerkreisen. Der Fahrer ist weiter auf der Flucht.

Das Auto wies Beschädigungen auf, hieß es. Es wurde sichergestellt. Die Ermittler erhoffen sich durch eine intensive Absuche des Autos neue Erkenntnisse über den Vorfall, der sich an der Ecke Hermannplatz und Kottbusser Damm abgespielt hatte.

Am Mittwochmorgen gegen 9 Uhr wollten zwei Streifenbeamte des Abschnitts 52 den Fahrer des Autos an der Ecke Hermannplatz und Kottbusser Damm überprüfen. Den Polizisten war der Mann nach Informationen der Berliner Morgenpost aufgefallen, weil der Pkw einem bekannten Berliner Clanmitglied gehört. Der Mann am Steuer war aber nicht der bekannte Besitzer. Bei ihm handelte es sich um den polizeibekannten, mehrfach vorbestraften 22-jährigen Omar F.

Er ist kein Unbekannter für die Polizisten des Abschnitts 52. Omar F. soll Verbindungen zu einem Clan haben. In seiner Strafakte werden Delikte wie gefährliche Körperverletzung, Tankstellenüberfall, Autodiebstahl und Fahren ohne Führerschein aufgelistet.

Polizist wurde an der Hand verletzt und erlitt Prellungen

Aufgrund der Auffälligkeiten und der Vorstrafen wollten die Streifenbeamten Fahrer und Auto, das laut Polizei in zweiter Spur hielt, überprüfen. Wie die Morgenpost erfuhr, wollte sich der 31 Jahre alte Polizeiobermeister gerade die Papiere zeigen lassen, als der Fahrer wieder Gas gab und mit dem Fahrzeug davonfuhr.

Dabei wurde der Polizist an der Hand verletzt, er erlitt laut Polizei außerdem diverse Prellungen. An dem Mercedes ging eine Scheibe zu Bruch. Dann kam es zu einer Schussabgabe durch den Beamten. Ob es sich dabei um einen Warnschuss in die Luft handelte, ob der Beamte auf die Reifen des Mercedes zielte, oder ob sich der Schuss versehentlich gelöst hatte, soll nun im Rahmen von internen Ermittlungen geklärt werden.

Der Fahrer, der in Polizeikreisen als sehr aggressiv gilt, konnte mit dem Wagen entkommen. Der verletzte Polizist wurde im Bundeswehrkrankenhaus ambulant behandelt. Einsatzkräfte sperrten die Straßen rund um den Hermannplatz ab, die Spurensicherung machte sich am Tatort an die Arbeit. Auch am Nachmittag lief die Fahndung nach dem flüchtigen Fahrer. Nach Informationen dieser Zeitung ist der Mann unter verschiedenen Adressen gemeldet. „Wir sind nah dran“, hieß es am Mittwochnachmittag aus Polizeikreisen.

Zeugin: "Das hat einen wahnsinnigen Knall gegeben"

Eine Augenzeugin, die gerade in einem Spätkauf eingekauft hatte, sagte über den Vorfall: „Ein Polizist hat gegen die Scheibe des Mercedes geschlagen, das hat einen wahnsinnigen Knall gegeben“. Die Scheibe sei gesplittert. Daraufhin habe der Fahrer des Mercedes Gas gegeben und sei davongerast. Bei der Flucht habe der Fahrer einen Polizisten angefahren, woraufhin ein weiterer Polizist auf die Reifen des davonfahrenden Autos geschossen habe. „Aber getroffen haben sie nicht“, erzählte die Späti-Besucherin, die nach eigenen Angaben noch immer unter Schock steht.

„Die Polizisten sind dem Auto dann hinterhergefahren, aber der Typ war weg. Die Polizei ist dann zurückgekommen und hat hier alles abgesperrt“, so die Augenzeugin.

Die Polizei ermittelte mit einem größeren Aufgebot vor Ort. Es wurden unter anderem Zeugen befragt und das Projektil gesucht. „Wir hoffen sehr, dass unser Kollege sich schnellstmöglich von seinen Verletzungen erholt. Polizisten geraten oftmals nahezu ungeschützt in Situationen, in denen ihr Leben gefährdet wird. Wer sich mit einem Fahrzeug einer Kontrolle entzieht und in der Innenstadt vor der Polizei flüchtet, stellt aber nicht nur eine Gefahr für unsere Kollegen, sondern für alle Menschen dar. Berlins verantwortliche Politiker müssen langsam auch erkennen, dass es sich bei den Tätern häufig um Kriminelle handelt, die bereits mehrfach mit dem Gesetz gebrochen haben, aber immer noch auf der Straße herumlaufen und nicht selten zu noch schwereren Verbrechen bereit sind“, sagte der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Norbert Cioma.

Zahl der Angriffe auf Polizisten um 500 gestiegen

Nach Angaben der GdP gab es im vergangenen Jahr 6759 Angriffe auf Berlins Polizistinnen und Polizisten, etwa 500 mehr als im Vorjahr. In diesem Jahr ist mit einer ähnlich hohen Zahl zu rechnen. Insgesamt wurden 2581 Polizisten und 426 Feuerwehrleute verletzt. „Die von der Gewerkschaft der Polizei viele Jahre geforderte und im vergangenen Jahr umgesetzte Gesetzesverschärfung soll die Zahlen senken“, sagte Cioma. „Dafür muss man sie aber auch einsetzen.“

Oftmals würden aber nach Angriffen keine Strafanzeigen nach Paragraf 114 Strafgesetzbuch geschrieben. Als am vergangenen Sonntag in Neukölln fünf Beamte bei einer Veranstaltung verletzt wurden, zeigten die Beamten nach Angaben der GdP Verstöße gegen das Versammlungs- und Vereinsgesetz, Widerstände, versuchte Gefangenenbefreiung, Landfriedensbruch, Körperverletzung und Beleidigung an. Es gab aber keine Strafanzeigen wegen tätlichen Angriffs.