Großbeerenstraße

Vorerst keine Räumung von besetztem Haus in Kreuzberg

Aktivisten haben ein seit Jahren leerstehendes Haus an der Großbeerenstraße besetzt. Eine Räumung droht ihnen vorerst nicht.

Aktivisten haben am Sonnabend ein Haus in der Kreuzberger Großbeerenstraße besetzt

Aktivisten haben am Sonnabend ein Haus in der Kreuzberger Großbeerenstraße besetzt

Foto: Morris Pudwell

Berlin. Am Sonntagvormittag ist es ruhig in der Kreuzberger Großbeerenstraße. Ein paar Aktivisten hängen Plakate am Eckhaus mit der Nummer 17a auf, „Wohnungen für alle“ ist dort etwa zu lesen. Einige Passanten bleiben stehen. Auch Jürgen Enkemann ist gekommen. „Ich habe selbst als Student mal hier gewohnt“, sagt er, doch das sei lange her. Er unterstütze deshalb, dass sich in dem Gebäude nun etwas tun soll. Denn die meisten Wohnungen stehen seit Jahren leer, auch das frühere Lokal, an das Enkemann sich noch gut erinnert, ist längst verschwunden. Der Eingang ist mittlerweile zugewuchert.

Als Reaktion auf den Leerstand hat die „Hausprojektgruppe Großbeerenstraße“ am Sonnabend das Haus besetzt. „Wir fordern, dass der leer stehende Wohnraum an die Hausprojektgruppe übertragen wird“, sagte einer der Aktivisten der Berliner Morgenpost. Ungewöhnlich an der Besetzung ist das Handeln des Hauseigentümers, der Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft. Denn der entschied entgegen der Berliner Linie, das Haus nicht räumen zu lassen. Stattdessen dürfen die Menschen bis zum kommenden Freitag in einer Wohnung bleiben.

Die Berliner Linie besagt, Hausbesetzungen innerhalb von 24 Stunden zu beenden. Zuletzt hatte es vor wenigen Monaten Diskussionen darüber gegeben, nachdem am Pfingstwochenende mehrere Häuser in Berlin besetzt worden waren. Die Polizei hatte damals eines der Gebäude an der Bornsdorfer Straße in Neukölln geräumt. Während Grüne und Linke Verständnis für die Hausbesetzer zeigten, verurteilte die SPD deren Handeln. Dass das Haus in der Großbeerenstraße nicht geräumt wurde, liegt daran, dass der Eigentümer keine Strafanzeige stellte.

Eigentümer plant laut eigenen Angaben soziales Projekt

Benjamin Marx von der Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft bestätigte der Berliner Morgenpost, dass man einen Kompromiss mit den Aktivisten gefunden habe. Es wurde ein zwischenzeitlicher Nutzungsvertrag vereinbart. In dieser Woche sollen weitere Gespräche zwischen beiden Seiten geführt werden. Dennoch sagt Marx: „Ich finde die Situation ungerecht und ärgerlich“. Denn es gebe bereits konkrete Pläne, was mit dem Haus geschehen soll. „Es soll ein soziales Projekt für obdachlose Frauen werden“, berichtete Marx, mit vorübergehenden Unterkünften und Beratungsmöglichkeiten.

Für die Hausprojektgruppe Großbeerenstraße ist die zwischenzeitliche Duldung nur einer erster Schritt. „Wir wollen eine dauerhafte Nutzung“, sagte einer der Aktivisten. Geplant sei, in dem Gebäude ein selbstverwaltetes Wohnprojekt umzusetzen. Über Twitter hatten Aktivisten am Sonnabend dazu aufgerufen, zu einer Kundgebung in die Großbeerenstraße zu kommen. Laut Polizei waren bis zu 120 Teilnehmer dabei. Weil die Versammlung jedoch nicht angemeldet war, sei ein Strafverfahren wegen des Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz eingeleitet worden, sagte eine Sprecherin. Abgesehen davon, blieb alles störungsfrei und friedlich. Das bestätigte auch die Grünen-Abgeordnete Katrin Schmidberger, die am Sonnabend ebenfalls in der Großbeerenstraße war und mit dem Eigentümer und den Besetzern Gespräche führte. „Wir begleiten das Haus schon länger“, sagte sie. „Es steht schon zu lange leer.“ Es sei wichtig, dass der Prozess nun in Gang kommt. Außerdem begrüße sie es, dass es keine Räumung gab. „Ich hätte das als schlechtes politisches Signal empfunden“, so Schmidberger.

Die Hausbesetzung in Kreuzberg wird aber wohl nicht die letzte in diesem Jahr gewesen sein. Aktivisten haben auf Twitter bereis einen „Herbst der Besetzungen“ angekündigt, mit dem Slogan „Bald auch in deinem Kiez“. Erst am Freitag war der geplante Google Campus in Kreuzberg besetzt worden. Die Polizei rückte mit 170 Beamten an und räumte das Gebäude. Die Aktion endete mit vier Festnahmen.

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