Berlin-Wilmersdorf

Jogger im Koma - Polizeischüler probierten Schlüssel aus

Seit Monaten liegt ein unbekannter Jogger im Koma. Jetzt probierten Polizisten mit Schlüsselkopien, ob diese in der Umgebung passen.

Berlin. Lisa K. und Katharina S. tragen schusssichere Westen, ein Kartenausschnitt der Umgebung hilft ihnen, sich zu orientieren. Von der Blissestraße aus klappern die beiden über die Wilhelms­aue und die Mannheimer Straße Haus für Haus ab. Hunderte, in der Hoffnung, das passende Schloss zu finden. „Man sucht die Nadel im Heuhaufen“, sagt K. Die 31-Jährige ist Studentin der Berliner Polizeiakademie. Gemeinsam mit neun Mitschülern durchkämmt sie an diesem Dienstag das Gebiet um den Volkspark Wilmersdorf – dort, wo Passanten vor vier Monaten einen bewusstlosen Jogger fanden, dessen Identität bis heute ungeklärt ist.

Ihr einziges Indiz: Ein Schlüssel, den der Jogger bei sich trug. An ihm hängt derzeit die Hoffnung des Landeskriminalamtes Berlin (LKA). Am Morgen des 13. März fand eine Spaziergängerin den verunglückten Senior am Rand eines Schotterwegs. Bewusstlos, aber noch atmend. Er blutete im Gesicht. „Alles, was er bei sich hatte, waren zwei Stück Traubenzucker, 15 Euro und zwei Schlüssel. Nichts, was Hinweise auf seine Identität geben könnte“, sagt Uwe Dziuba.

Dziuba ist Chefermittler im Fall des unbekannten Joggers. Sein Büro liegt in der Keithstraße in Tiergarten. LKA 124, Zimmer 329, Vermisstenstelle. Hier fahnden sie nach Verschwundenen, aber auch nach Identitäten von Menschen, die selbst keine Auskunft geben können. „Unbekannte hilflose Personen“ heißen diese im Jargon der Behörde. (Der "Tagesspiegel" berichtete ausführlich über den Fall.)

Als „unbekannt“ wird auch der Jogger in seiner Krankenakte geführt. Notärzte brachten ihn nach seinem Unfall in die Notaufnahme der Charité. Bis heute befindet er sich dort im Koma, bis heute ist er für Ärzte und die ermittelnden Behörden ein Unbekannter. Sämtliche Hinweise, die bisher eingegangen sind, haben ins Leere geführt. Niemand hat den Senior als vermisst gemeldet.

Dziuba und sein Team gehen davon aus, dass der Mann nicht weit vom Park entfernt wohnt. Eine Pulsuhr, die der Verunglückte trug, lief noch, als er gefunden wurde. Sie zeigte zwölf Minuten an. Diese Zeit könne er durch den Park gelaufen sein, aber auch von seiner Wohnungstür zu der Unglücksstelle, so die Ermittler. Das Suchteam des LKA durchforstet deshalb zunächst alle Wohnhäuser, die in zwei bis drei Kilometer Umkreis zur Fundstelle liegen. Das Gebiet wurde für die Suche in fünf Abschnitte eingeteilt, in Zweierteams laufen die Polizeischüler mit Kopien des Originalschlüssels das Gebiet ab.

Recherchen unter Teilnehmern des Halbmarathons

Alle Bemühungen der Ermittler in dem Fall waren bislang erfolglos. Ein Hinweis, der die Ermittler kurz hoffen ließ, kam aus der Charité. Der behandelnde Arzt des Mannes fand heraus, dass der Jogger an angeborenem Diabetes leidet. Dziuba recherchierte und stieß auf die Diabetische Gesellschaft. „Die haben die Fotos des Unbekannten sofort an alle Diabetes-Praxen der Stadt weitergeleitet“, sagt Dziuba. Eine Praxisgemeinschaft aus Wilmersdorf meldete sich, meinte, den Mann zu kennen. Als Dziuba anbot, mit den Ärzten zu dem Mann ins Krankenhaus zu fahren, lehnten sie ab, waren sich doch nicht mehr sicher.

Der Chefermittler recherchierte auch unter den Teilnehmern des Halbmarathons Anfang April. Der Mann sei für sein Alter ungewöhnlich fit gewesen, so Dziuba, vielleicht habe er also für einen Lauf trainiert? Der Ermittler nahm Kontakt zum Veranstalter auf, bekam eine Liste mit den Namen von allen angemeldeten Teilnehmern, die nicht zum Lauf erschienen waren. Von den 120 Kandidaten blieb niemand übrig, der infrage kam.

Dass das LKA nun auf die Suchaktion mit dem Schlüssel setzt, sei „eine äußerst ungewöhnliche Maßnahme“, sagt Polizeischülerin K. Die beiden Schlüssel, die der Jogger bei sich trug, haben keine Nummern eingraviert – wie eigentlich üblich. Normalerweise kann die Polizei über diese Nummer den zuständigen Schlüsseldienst in Erfahrung bringen. Der wiederum kann die zugehörige Adresse nennen.

K. und ihre Mitschülerin Katharina S. prüfen gerade die Schlösser in der Mannheimer Straße Ecke Berliner Straße, als es über Funk heißt, der Schlüssel passe. Zwei ihrer Kollegen konnten die Haustür zu einem Wohnhaus an der Straße Am Volkspark öffnen. Die Adresse liegt keine hundert Meter entfernt von der Stelle, wo der Mann damals entdeckt wurde. Haben die Studierenden damit den entscheidenden Hinweis auf die Identität des Verunglückten? Leider nein. Wenige Minuten später funken die Kollegen, das Schloss sei alt und ausgeleiert. Auch andere Schlüssel könnten das Schloss öffnen. Die Suche geht weiter.

Mehr zum Thema:

Jogger im Koma: „So etwas gab es in Berlin noch nicht“

Jogger im Koma - Polizei veröffentlicht neue Fotos

Jogger seit März im Koma - und kein Angehöriger meldet sich

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.