JVA Tegel

Häftling bastelt Attrappe aus Klopapier und flieht

In der JVA Tegel ist am Donnerstag aufgefallen, dass ein Gefangener fehlt. Wahrscheinlich floh er bereits Mittwoch.

Eine Überwachungskamera auf dem Gelände der Justizvollzugsanstalt Tegel

Eine Überwachungskamera auf dem Gelände der Justizvollzugsanstalt Tegel

Foto: Paul Zinken / dpa

Berlin. Termine wie der am Donnerstagmittag sind für Berlins Justizsenator Dirk Behrendt inzwischen fast Routine, auch wenn er zweifellos gerne darauf verzichten würde. Einmal mehr musste der Senator die gespannt wartenden Medienvertreter über einen geflohenen Häftling informieren.

Damit erhöht sich die Zahl der in den vergangenen sechs Wochen geflüchteten oder vom Freigang nicht zurückgekehrten Häftlinge in Berlin auf zehn. Spielten sich alle bisherigen Fälle in der JVA Plötzensee, war im neuesten Fall die JVA Tegel betroffen.

Bemerkt wurde das Fehlen des Gefangenen am Donnerstag bei der morgendlichen Öffnung der Hafträume in der Teilanstalt 2 um 6.05 Uhr. Justizverwaltung und Anstaltsleitung gehen nach dem bisherigen Kenntnisstand allerdings davon aus, dass der in Libyen geborene 23-Jährige bereits am späten Mittwochnachmittag während der Freistunde im Innenhof verschwand. Und aller Voraussicht nach in einem Lkw, der zuvor von Häftlingen bestellte Waren angeliefert hatte, aus der Haftanstalt gelang.

Geflohener Häftling täuschte Mitarbeiter mit Attrappe

Der Flüchtige hätte ursprünglich noch bis Oktober 2022 Haftstrafen wegen Einbruchdiebstahls und räuberischer Erpressung verbüßen müssen. Bei seiner offenbar sorgfältig geplanten und vorbereiteten Flucht ging er überaus raffiniert vor. Unter anderem drapierte er unter der Bettdecke in seine Haftraum Stoffreste, Toilettenpapier und andere Gegenstände so geschickt, dass es bei einer oberflächlichen Kontrolle wirkte, als läge unter der Decke ein Mensch. Und etliche am Mittwochnachmittag durchgeführte Kontrollen wurden offenbar tatsächlich eher oberflächlich durchgeführt.

Einzelheiten dazu teilte der Senator am Donnerstag nicht mit, die sind Gegenstand der inzwischen eingeleiteten polizeilichen Ermittlungen und der internen Untersuchung der Justizverwaltung. Aber einiges spricht dafür, dass der Fehler im System wieder einmal in der permanenten personellen Unterbesetzung in den Berliner Haftanstalten liegt. Laut Stellenplan müsste der Spätdienst in der Teilanstalt 2 der JVA Tegel mit 14 ausgebildeten Justizwachtmeistern besetzt sein, am Mittwoch waren es gerade mal Neun.

Wie der Häftling im Lkw entkommen konnte, ist unklar

Detailiert schilderte Susanne Gerlach, Abteilungsleiterin Strafvollzug in der Senatsjustizverwaltung die Abläufe vor dem Verschwinden des Häftlings. Gegen 15.20 Uhr erfolgte eine so genannte Bestandsfeststellung. Die gibt es in den JVA mehrmals täglich, damit soll sichergestellt werden, dass alle Insassen dort sind, wo sie sein sollen. Dabei war der Flüchtige noch erfasst worden. Anschließend fand für die Gefangenen der Teilanstalt 2 die zweistündige Freistunde im Hof statt. Während dieser Zeit, so die Vermutung der Justiz, verschwand der Häftling.

Nach Beendigung der Freistunde erfolgte gegen 17.30 Uhr der Einschluss aller Gefangenen in ihren Hafträumen, anschließend fand eine weitere Bestandsfestellung statt. Dass die zuständigen Mitarbeiter dabei auf die Atrappe unter der Bettdecke hereinfielen, gilt laut Gerlach bislang als wahrscheinlichste Variante.

Der Lkw, der die bestellten Waren abgeliefert hatte, verließ gegen 20 Uhr die JVA. Dabei soll er grundsätzlich auch penibel kontrolliert werden. Ob und wie der Häftling trotzdem nach draußen gelangen konnte, ist derzeit noch völlig unklar. Der Fahrer fuhr danach auf einen Parkplatz, wo er übernachtete, um am Donnerstagmorgen nach Sachsen-Anhalt zu Lieferungen in weiteren Haftanstalten aufbrach. Nachdem es der Polizei gelungen war, Kontakt zu dem Fahrer aufzunehmen, wartete der auf einem Autobahnparkplatz auf die Beamten. Die öffneten den Inneraum. von dem Häfftling fehlte allerdings jede Spur. Gegen den Fahrer bestehe kein Verdacht, betonte Gerlach in dem Zusammenhang.

Am späten Donnerstagnachmittag hat die Polizei eine öffentliche Fahndung nach dem flüchtigen Häftling gestartet und sucht ihn nun mit Bildern.

Opposition kritisiert Justizsenator Behrendt

Für die oppositionelle FDP-Fraktion teilte Marcel Luthe mit, der Justizsenator sei mit seinem Ressort „hoffnungslos überfordert“. Er sei nicht in der Lage, das Personal im Justizvollzug richtig einzusetzen. Der FDP-Politiker forderte erneut einen Untersuchungsausschuss zum Personalwesen in Polizei und Justiz.

Marc Vallendar, rechtspolitischer Sprecher der AfD sagte: „Ein Justizsenator, unter dessen Ägide Gefangene reihenweise entweichen, ist schlicht nicht haltbar“ erklärte er unmissverständlich. Kritik kam aber auch , wenngleich moderater, von Sven Kohlmeier, Rechtsexperte des grünen Koalitionspartners SPD. „Sowas darf nicht passieren und schon garnicht so oft“, teilte Kohlmeier auf Twitter mit.

Die oppositionelle CDU hatte schon die neun Fluchten nach Weihnachten als „einmaligen Skandal in der Rechtsgeschichte“ gewertet und den Rücktritt des Senators gefordert, was dieser ablehnte. Mögliche Versäumnisse und Sicherheitslücken werden jetzt von externen Experten untersucht. Die Fraktion kündigte am Donnerstag eine Stellungnahme zu der jüngsten Flucht nach den Äußerungen von Behrendt an.

Mehrjährige Haftstrafe wegen räuberischer Erpressung

Die vier Strafgefangenen in Plötzensee hatten sich mit Flex und Hammer über einen Lüftungsschaft den Weg in die Freiheit gebahnt. Zu der neuen Flucht wurden bislang keine Einzelheiten mitgeteilt. Nach Informationen aus Justizkreisen war der jetzt Geflohene zu einer mehrjährigen Haftstrafe wegen räuberischer Erpressung verurteilt.

Tegel ist eine alte Haftanstalt mit derzeit rund 930 Plätzen. Das Gefängnis zählt zu den bundesweit größten. Die ersten Häftlinge zogen 1898 in das damalige Königliche Strafgefängnis. Der Komplex wurde im Laufe der Jahre immer wieder erweitert. Die derzeit leerstehende Teilanstalt III soll bis 2021 saniert werden. Laut Justiz werden die Kosten auf mindestens 20 Millionen Euro geschätzt.

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