Blindgänger

200. Bombe in Oranienburg erfolgreich entschärft

In Oranienburg ist eine Kriegsbombe entschärft worden. Anwohner hatten das Gebiet in einem Umkreis von 1000 Metern verlassen müssen.

Das Entschärferteam mit der Weltkriegsbombe. Rechts der Chef des Munitionsbergungsdienstes, Andre Müller

Das Entschärferteam mit der Weltkriegsbombe. Rechts der Chef des Munitionsbergungsdienstes, Andre Müller

Foto: Steffen Pletl

A. Gandzior und S. Pletl

OranienburgZugverkehr unterbrochen, Wasserstraße und Luftraum gesperrt, Gebäude evakuiert: Für die Oranienbürger ist das längst zur Routine geworden. In Sachen Blindgänger, der entsprechenden Entschärfung und den Sicherheitsmaßnahmen macht den Oranienburgern und der Stadtverwaltung keiner etwas vor. Es war die 200. Weltkriegsbombe seit 1991, die in Oranienburg (Oberhavel) am Mittwoch entschärft wurde, die sechste in diesem Jahr. Es handelte sich um eine 250 Kilogramm schwere Bombe amerikanischer Bauart.

Dabei hatte es der Kampfmittelbeseitigungsdienst (KMBD) mit einem chemischen Langzeitzünder zu tun. Der Blindgänger lag in einem Gewerbegebiet an der Lehnitzstraße in der Innenstadt. Gegen 14.25 Uhr hatten die Spezialisten den Fünf-Zentner-Blindgänger erfolgreich entschärft. Das sechsköpfige Team des KMBD um den Entschärfer André Müller hatte den chemischen Langzeitzünder ferngesteuert mit einem Wasserstrahlschneider aus der Fliegerbombe herausgetrennt, teilte eine Stadtsprecherin mit. Zu größeren Problemen sei es ihren Angaben zufolge nicht gekommen. Um 15.15 Uhr wurde schließlich der eingerichtete Sperrkreis mit einem Radius von 1000 Metern um den Fundort mit Sirenengeheul wieder aufgehoben. Alle Bewohner konnten in ihre Wohnungen zurückkehren.

Die etwa 50.000 Einwohner Oranienburgs kommen auch 71 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht zur Ruhe. Denn wieder mussten 10.000 Anwohner ihre Wohnung verlassen, Geschäftsleute ihre Läden schließen und Patienten vom ortsansässigen Krankenhaus nach Hennigsdorf verlegt werden. 34 Krankentransportfahrzeuge standen dafür bereit. Bereits um 4 Uhr hatten sie sich vor dem Krankenhaus getroffen und die Einsatztouren mit den Ärzten und Krankenschwestern festgelegt. Ab 6 Uhr wurde mit den Krankentransporten begonnen.

„Es ist professionell organisiert, und inzwischen haben wir auch Erfahrung, wie wir die Evakuierung am besten organisieren“, sagt Frank Oltersdorf, Oranienburgs stellvertretender Bürgermeister. 300 Mitarbeiter der Stadtverwaltung, der Feuerwehr sowie der Krankentransporte und der Polizei waren eigens dafür im Einsatz.

„Die Oranienburger sind diszipliniert und kennen das Prozedere. Allerdings kommt es immer wieder vor, dass Einzelne sich der Aufforderung der Stadtverwaltung widersetzen oder die Ausrede benutzen, sie hätten nichts gewusst“, berichtet Oltersdorf. Heute waren es fünf Anwohner, die sich nach 8 Uhr noch im Sperrkreis aufgehalten hatten. Während vier von ihnen der Forderung zum Verlassen des Sperrgebietes sofort nachgekommen waren, hatte sich eine Person uneinsichtig gezeigt. Der Mann muss mit einem Ordnungsgeld rechnen. Die Höhe kann bis zu 1000 Euro betragen. Um 11 Uhr konnte schließlich mit der Entschärfung begonnen werden.

Auch der Regional- und S-Bahnverkehr wurde unterbrochen. Die S-Bahnlinie S1 verkehrte nur noch bis Birkenwerder. Sogar das Stellwerk Oranienburg musste nach Angaben eines Bahnsprechers geräumt werden. Der Fernverkehr fuhr ab 8 Uhr ohne Halt durch Oranienburg, gegen 10.30 Uhr wurde er komplett eingestellt. Auch der Luftverkehr wurde über der Stadt eingestellt. Die angrenzende Wasserstraße Oranienburger Havel war für den Schiffsverkehr gesperrt. Neben Wohnungen, Arbeitsstätten und Krankenhaus wurden auch eine Seniorenresidenz, der Bahnhof sowie sechs Kitas und vier Schulen geräumt. In der Begegnungsstätte, dem Regine-Hildebrandt-Haus, hatten etwa 100 Senioren Platz während der Maßnahmen gefunden.

Bomben hatten die Stadt in Schutt und Asche gelegt

Der 91 Jahre alte Otto Nuss erinnert sich an den Zweiten Weltkrieg. „Ich habe den Krieg erlebt, ich weiß, was Bomben anrichten“, sagt der Mann. Vor ihm liegt eine Tageszeitung mit einem Foto vom Fundort der Bombe. Der Ur-Oranienburger hat die letzten Kriegstage in belgischer Gefangenschaft verbracht. „Es war ein schreckliches Bild, als ich nach Haus gekommen bin. Viele Häuser waren von Bomben in Schutt und Asche gelegt.“

Auf Oranienburg wurden im Zweiten Weltkrieg mehr als 10.000 Bomben abgeworfen. Noch immer werden 250 bis 300 Bomben im Erdreich vermutet. Die Kosten für die Kampfmittelbeseitigung trägt die Stadt. Allein die Kosten für die Evakuierung beziffert der stellvertretende Bürgermeister mit etwa 70.000 Euro.