Prozess

Organisierter Taschendiebstahl: Kinder zum Stehlen geschickt

Es ist einer der größten Prozesse um organisierten Taschendiebstahl. Die beiden Drahtzieher -schweigen vor Gericht.

Die angeklagte Frau im Gerichtssaal

Die angeklagte Frau im Gerichtssaal

Foto: wolfgang mrotzkowski / Wolfgang mrotzkowski

Punkt sechs des Anklagesatzes klingt zunächst nett: Ein Taschendieb stahl am 22. November 2013 auf einem Bahnsteig am S-Bahnhof Potsdamer Platz einem Passanten die Geldbörse. Er stellte fest, dass sich in der Börse kein Geld befindet. „Daraufhin ging er dem Geschädigten hinterher“, so der Anklagesatz, „und gab ihm die leere Geldbörse als angebliche Fundsache zurück.“

Dieser Fall Nummer sechs ist jedoch die Ausnahme von insgesamt 29 Fällen, die seit Mittwoch vor einer Moabiter Strafkammer verhandelt werden. Es ist der zweite Prozess eines europaweit geführten Verfahrens gegen organisierten Taschendiebstahl. Es geht dabei um Straftaten, die keineswegs als Kavaliersdelikte einzuordnen sind, sondern stets für Ärger und nicht selten auch für einen gründlich verdorbenen Urlaub sorgen. Die Touristenmetropole Berlin ist dabei für die europaweit agierenden Banden ein bevorzugter Tatort. Die Zahl der registrierten Taschendiebstähle hat sich hier seit 2013 mehr als verdoppelt, allein 2015 wurden 40.000 Fälle angezeigt. Die Dunkelziffer, sagen Experten, liege noch weit darüber.

Angeklagte sollen Kinderdiebe dirigiert und kontrolliert haben

Im aktuellen Verfahren müssen sich ein 45-jähriger Mann und eine ein Jahr ältere Frau vor einer Moabiter Strafkammer wegen Bandendiebstahls verantworten. Sie kommen aus der ostrumänischen Stadt Iasi und gelten nach den Sitten der Roma als verheiratet. Im Anklagesatz wird dies als „Mitglieder einer familiären Lebensgemeinschaft“ beschrieben. Beide Angeklagten ließen zu Beginn des Prozesses über ihre Verteidiger erklären, dass sie vor Gericht zu den Vorwürfen zunächst schweigen werden.

>> Fragen und Antworten zum Taschendiebstahl-Prozess in Berlin <<

Cristian C. und Berzula R. haben vier gemeinsame Kinder. Zwei von ihnen, Florin R. und Ilie R., sollen sie für Taschendiebstähle auf die Straße geschickt haben. Im Anklagesatz werden sie als „gesondert Verfolgte“ bezeichnet – Sohn Florin R. wurde in sieben der 29 angeklagten Fälle nach einem Taschendiebstahl festgenommen; Sohn Ilie R. viermal. Für eine Untersuchungshaft reicht das nicht aus. In der Regel werden die Täter zum Kinder- oder Jugendnotdienst gebracht, wo sie aber nicht festgehalten werden können. Im Anklagesatz sind die Namen von weiteren Kindern und Jugendlichen aufgelistet, die sich an den Taschendiebstählen beteiligt haben sollen. Durch diese Kinder und ihre Telefonate sollen die Ermittler dann auch an die Drahtzieher der Diebstähle gekommen sein.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Angeklagten die Kinder und Jugendlichen „fortdauernd direkt oder telefonisch durch Drohungen und ständiges Auffordern zu Begehung der Taschendiebstähle“ gezwungen haben. Im Anklagesatz ist von Teams die Rede, die gebildet wurden. In der Regel zwei oder drei Täter, von denen einer die Taschendiebstähle durchführte und der zweite die Opfer ablenkte und den Tatort absicherte. Zum weiteren Tätigkeitsfeld des Paares habe die Organisation der Einreise, der Unterkunft und Verpflegung gehört. Ebenso die Kontrolle der erbeuteten Gelder und der Transfer über Banken wie die Western Union nach Rumänien. Bestimmt haben sollen die Angeklagten auch die Einsatzzeiten und die Zeitpunkte, an denen die Stadt gewechselt werden musste, weil die Taschendiebstähle zu häufig auf frischer Tat entdeckt wurden und Festnahmen und Verurteilungen drohte.

Täter stoppen die Rolltreppe und nutzen Überraschung aus

Die Taschendiebstähle sollen zumeist in Berliner U- und S-Bahnhöfen auf Rolltreppen erfolgt sein: Einer der Täter drückte auf den Notschalter, sodass die Rolltreppe ruckartig zum Stehen kam. Ein zweiter Täter nutzte die Überraschungssituation aus und griff in die Tasche des vor ihm stehenden, zuvor schon ausgesuchten Opfers. In anderen Fällen wurden Passanten angerempelt oder abgelenkt.

Für die Ermittler war es vor allem wichtig, an die Hintermänner zu kommen. Sie werteten die Aufnahmen von Überwachungskameras der Bahnhöfe aus, hörten, wie schon erwähnt, Telefonate der jungen Taschendiebe ab. Auch das Verschicken des Geldes über Büros für Bargeldtransfer wie der Western Union Bank konnte durchleuchtet werden. Ermittlungen gab es zudem in Rumänien und anderen Ländern. Mutmaßliche Hintermänner wurden mit internationalen Haftbefehlen gesucht. So konnte der Angeklagte Cristian C. Anfang Februar dieses Jahres, aus Österreich kommend, bei seiner Einreise festgenommen werden. Berzula R. wurde im Dezember 2015 von Zielfahndern in Spanien aufgespürt und festgenommen. Jetzt steht eine lange Beweisaufnahme auf dem Plan. Der Prozess ist schon bis Mitte Oktober terminiert.

Am 14. Juni endete vor einer anderen Strafkammer ein erster Prozess gegen mutmaßliche Drahtzieher von Taschendiebstählen mit Gefängnisstrafen für die Hauptangeklagten. Auch bei ihnen handelte es sich um ein Paar. Auch sie kamen aus der ostrumänischen Stadt Iasi. Der Mann wurde wegen Bandendiebstahls zu drei Jahren und sechs Monaten verurteilt, die Frau zu zwei Jahren und sechs Monaten. Ihr gemeinsamer Sohn erhielt eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten.